09. November 2009

Medizin-Controller

Erste Hilfe für das Gesundheitswesen

Von Karin Leppin




19. Januar 2004 
Routine? Davon gibt es bei Controllern in Krankenhäusern momentan keine Spur. Am ersten Januar 2004 wurde ein völlig neues Abrechnungssystem für Deutschlands medizinische Einrichtungen eingeführt - eine Herausforderung für Mediziner mit Zahlenfaible und für Betriebswirte, die keine Angst vor weißen Kitteln haben.



Pionierarbeit und Konzeptionsaufgaben halten die Controller in Deutschlands medizinischen Einrichtungen seit Monaten in Atem. "Diagnosis Related Groups", kurz DRG, heißt das neue Abrechnungssystem, das seit dem 1. Januar 2004 verbindlich ist: Für jeden Patienten mit einer bestimmten Diagnose wird von den Krankenkassen ein festgelegter Betrag an das Krankenhaus überwiesen. Das muß mit dem Geld auskommen und gleichzeitig die bestmögliche Behandlung der Patienten bieten, auch wenn Komplikationen auftreten. Eine schwierige Aufgabe, die ohne Medizin-Controller nicht zu lösen ist.

„Ich lerne jetzt abends medizinische Fachbegriffe auswendig. Sonst verstehe ich als Betriebswirtin ja nichts, wenn sich die Ärzte unterhalten.“

In vielen Krankenhausgesellschaften war die Einführung der DRGs ein Grund, das Medizin-Controlling neu aufzubauen, umzustrukturieren oder zu erweitern. Dazu kommt die Krise im Gesundheitswesen, die alle zwingt, genau auf die Kosten zu schauen. Gebraucht werden immer mehr Mediziner, die sich im Rechnungswesen schlau gemacht haben, und BWLer, die nicht davor zurückschrecken, medizinische Fachbegriffe zu lernen und sich mit den Besonderheiten des Gesundheitswesens bekannt zu machen.

"Noch sind die Berufsbilder und Qualifikationswege nicht gefestigt", berichtet Bernhard Rochell, bei der Bundesärztekammer Experte für medizinisches Controlling. Doch zwei Hauptgruppen kristallisieren sich heraus: Mediziner werden im Controlling gebraucht, weil sie wissen, was Ärzte bei welcher Diagnose unternehmen und weil sie die für das Abrechnungssystem und die Qualitätssicherung notwendige Dokumentation und Ablauforganisation beherrschen. Dagegen laufen bei den "klassisch" ausgebildeten betriebswirtschaftlichen Controllern Berichte über Kosten und Erlöse zusammen. Sie haben das gesamte Krankenhaus von der Küche bis zur Verwaltung im Blick. Solch eine Controllerin ist Stefanie Barner. Seit dem vergangenen Sommer arbeitet sie in einem Krankenhaus und einer Reha-Klinik in Esslingen, die sich auf die Behandlung von älteren Menschen spezialisiert hat. Sie gehören zur Unternehmensgruppe Dienste für Menschen (UDFM) aus Stuttgart. Stefanie Barner bereitete für diese Kliniken die DRG-Einführung vor und mußte dafür gleich das ganze EDV-Abrechnungssystem umstellen. Außerdem gehören die Vorbereitung von Budgetverhandlungen zu ihren Aufgaben, die Mitarbeit in einer Arzneimittelkommission, die Kontrolle der Lagerhaltung und Berichte an den medizinischen Dienst der Krankenkassen. Und ganz nebenbei ist sie auch noch für Personalfragen zuständig. "In größeren Häusern sind diese Aufgaben getrennt, hier landet alles auf meinem Schreibtisch", erklärt Barner und macht dabei den Eindruck, daß man sie damit keineswegs über-, sondern eher herausfordert. Schon während der Abi-Zeit jobbte sie in der Altenpflege. Daher kennt sie den Alltag "auf Station". Das ist wichtig bei ihrer heutigen Arbeit, nicht zuletzt, weil es die nötige Anerkennung für ihre Aufgaben und ihre Fachkompetenz einbringt. "Medizin interessiert mich sehr. Ich lerne jetzt abends medizinische Fachbegriffe auswendig. Sonst versteht man ja fast nichts, wenn sich die Ärzte unterhalten", schmunzelt die frischgebackene Betriebswirtin. Ihren Abschluß in BWL in der Fachrichtung Gesundheitswesen machte sie im vergangenen Oktober (2003) an der Berufsakademie in Stuttgart. "Ein Glück, daß er noch nicht so weit zurückliegt", findet sie. "Wir haben schon viel über das DRG-System im Studium gelernt, und ich bin bei der EDV auf einem neuen Stand." Dennoch geht es nicht ohne Weiterbildung. "Ganz ehrlich - es ist ein Wahnsinn, was man alles wissen muß", gesteht sie. Doch einige ihrer BA-Kommilitonen arbeiten inzwischen auch im Controlling, da ist per Telefon schnell eine knifflige Frage gelöst.

"Es ist schon ein riesiger Wandel der das Gesundheitswesen derzeit umtreibt", bestätigt Hartwick Oswald. Er ist bei der Heidelberger SRH Kliniken AG im Personalmanagement tätig und außerdem Personalleiter einer Klinik in Suhl: "Die neuen gesetzlichen Regelungen greifen inzwischen unmittelbar in die operative Ebene durch. Deshalb werden die strategischen und betriebswirtschaftlichen Anforderungen an zukünftige Mitarbeiter im Krankenhausmanagement immer wichtiger."

„Wer als Führungskraft arbeiten will, muß im Krankenhaus zwischen Ärzten, Mitarbeitern der Pflege und der Verwaltung kommunizieren können.“

Bei der SRH Kliniken AG kommen beide Gruppen von Controllern zum Einsatz: Betriebswirtschaftlich ausgebildete Mitarbeiter arbeiten im Krankenhauscontrolling. Daneben gibt es Medizincontroller, die derzeit in den Kliniken des Heidelberger Unternehmens überwiegend aus dem Bereich der Ärzteschaft kommen. Sie haben ihre Kenntnisse in universitären Aufbaustudiengängen oder anderen postgradualen Kursen erworben, berichtet Oswald: "Angesichts der Knappheit an Krankenhausärzten wird es wichtiger, den Nachwuchs für das Medizin-Controlling auch aus dem Bereich der Pflege und der Betriebswirtschaft zu rekrutieren und zu schulen.

„Angesichts der Knappheit an Krankenhausärzten wird es wichtiger Nachwuchs für das Medizin-Controlling aus aus dem Bereich der Pflege und der Betriebswirtschaft zu rekrutieren.“

" Seit einem Jahr gibt es dazu ein 18monatiges Traineeprogramm, das derzeit vier Betriebswirte mit gesundheitsökonomischer Spezialisierung absolvieren. Sie lernen das "Handwerk" des medizinischen Managements kennen, um innerhalb kurzer Zeit Führungsaufgaben in unterschiedlichen Bereichen des Krankenhauses übernehmen zu können. Zusätzlich zum Studienschwerpunkt und Erfahrungen aus praktischen Tätigkeiten, idealerweise im medizinischen Bereich, ist die Persönlichkeit der Bewerber entscheidend: "Wer als Führungskraft arbeiten will, muß im Krankenhaus zwischen Ärzten, Mitarbeitern der Pflege und der Verwaltung kommunizieren können", so Oswald. Um das zu üben, werden den Trainees innerhalb kurzer Zeit eigene Projekte und Arbeitsbereiche übertragen: "Wir lernen unsere Organisation über die Trainees ganz neu kennen, weil sie von außen kommen und einen ganz anderen Blick haben. Außerdem profitieren wir von den neusten theoretischen Erkenntnissen, die sie in unsere Häuser bringen", berichtet Oswald erfreut.

Für Betriebswirte, die ihre Traineezeit erfolgreich absolvieren, bestehen innerhalb der SRH Kliniken AG viele Möglichkeiten, sich zu entwickeln: Im Controlling, Rechnungswesen oder Verwaltungsleitung zum Beispiel. Da Risikomanagement und Marketing ebenfalls immer wichtiger werden, sind die Betriebswirte auch in diesen Bereichen einsetzbar.

Zum Beispiel Joachim Gulde, der seit einem Jahr bei der SRH Kliniken AG als Controller im Einsatz ist. In seiner Abteilung laufen die Daten aus allen Geschäftsbereichen des Unternehmens zusammen. "Mit den medizinischen Inhalten habe ich weniger zu tun", stellt Gulde klar. Die Aufgaben des Diplomkaufmanns gleichen eher denen von Controllern in anderen Branchen: Erfolgskontrolle, Liquiditätsplanung und andere klassische Controlling-Aufgaben. Trotzdem weht hier ein anderer Wind: "Im Gesundheitswesen unterscheidet sich das Geschäftsleben schon stark von anderen Branchen. Es wird sehr von politischen Entscheidungen beeinflußt", vergleicht Gulde.

Zwar hatte er während seines Studiums keinen gesundheitsökonomischen Studienschwerpunkt, dafür hat er aber während der Arbeit im Controlling einer Reha-Klinik fundierte Kenntnisse erworben. Die Krise, die das Gesundheitswesen jetzt erfaßt, hatte der Reha-Bereich schon Mitte der neunziger Jahre. Für den Controller war das eine gute Übung. Jetzt kann er seine Kenntnisse weitergeben. Zum Beispiel die Erfahrung, daß viele Mitarbeiter im Krankenhaus vom Wert, den das Krankenhaus-Controlling bietet, erst überzeugt werden müssen. Es heißt, Vorurteile abzubauen und Unterstützung zu geben. "Das geht nur, wenn man den Schreibtisch verläßt und in die Stationen geht und sich dort erklären läßt, worum es geht", so Gulde.

„Man kann nur überzeugen, wenn man den Schreibtisch verläßt, in die Stationen geht und sich dort erklären läßt, worum es geht.“

Wer das DRG-System nicht nur in einem Krankenhaus einführen, sondern es selbst mitgestalten möchte, findet bei der InEK GmbH den richtigen Job. Das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus unterstützt Vertragspartner der Verwaltung im Gesundheitswesen bei der Einführung und Weiterentwicklung dieses Systems. Dazu werden vor allem Ärztinnen und Ärzte an der Schnittstelle zum Ökonomen gesucht. Die Mitarbeiterschaft besteht aus Medizinern mit BWL-Qualifikationen, Absolventen von Studiengängen, die beides kombinieren, und Wirtschaftsinformatikern, berichtet Geschäftsführer Frank Heimig. "Besonders gefragt sind Fachärzte mit kaufmännischen Zusatzqualifikationen." Denn bei dem Institut in Siegburg laufen Daten aus allen Deutschen Krankenhäusern ein. Die hochqualifizierten Mitarbeiter arbeiten dann an den DRG-Regeln und entwickeln sie weiter. "Das ist ein Job für Überzeugungstäter. Wir haben hier die Chance, die Regeln zur Verteilung von mehreren Milliarden Euro mitzugestalten", so Heimig, der selbst Arzt ist.

„Die Bindung von Ökonomie und Medizin ist nicht mehr zu trennen, sie wird eher stärker werden.“

Ganz so groß ist der Einfluß von Consultants, die Krankenhäuser und andere Einrichtungen mit Fragen des Gesundheitsmanagements beraten, nicht. Dafür ist der Katalog der Aufgaben weitergefächert. Bei KPMG Health Care lernen die Mitarbeiter mit der Arbeit die Strukturen im Gesundheitswesen besser und besser kennen und setzen diese Erfahrungen dann um. Sie helfen Krankenhäusern bei der DRG-Einführung, im Kalkulationsbereich, bei der Einführung von innovativen Arbeitszeitmodellen, im Transaktionsprozeß bei Verkäufen oder Käufen oder bei der Suche nach Investoren - "im Prinzip bei allem, was zu machen ist", faßt Wolfgang Kohler zusammen, der den Bereich Gesundheitswirtschaft bei KPMG leitet. Kostenträgerrechnung sowie Kenntnisse aus dem Buchführungs- und Prüfungsbereich sind dafür notwendig. "Früher hatten wir mehr Mitarbeiter mit medizinischem Hintergrund, jetzt verschiebt sich der Focus in Richtung BWLer, vor allem mit Studienschwerpunkten in Gesundheitsökonomie, aber auch mit Vertiefungen im Rechnungswesen, Wirtschaftsprüfung und Controlling", so Kohler.

Die Chancen stehen gut: "Es lohnt sich für junge Menschen, sich auf das Medizin-Controlling zu spezialisieren", prognostiziert Dr. Sascha Baller, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Medizincontrolling. Er vermutet, daß es langfristig auch für outgesourcte Controlling-Abteilungen einen Markt gibt, da sich die Prozesse in den Krankenhäusern ähneln. "Die Bindung von Ökonomie und Medizin ist nicht mehr zu trennen. Sie wird eher stärker werden", so Baller.

Angesichts des steigenden Personalbedarfs sind zahlreiche Bildungsangebote entstanden. Kaum zu überblicken ist die Menge an Zusatzqualifikationen und Studiengängen (siehe auch unten). "Wer sich bewirbt, sollte deshalb im Lebenslauf genau beschreiben, was die Vertiefungsfächer waren und was gelehrt wurde", empfiehlt Thilo Rübenstahl, Projektmanager bei Diomedes. Die Tochterfirma des Pharma-Unternehmens B. Braun Melsungen AG berät Firmen im Gesundheitsbereich und bildet selbst OP-Manager aus. "Dabei lernen OP-Ärzte und Pflegekräfte, wie sie die gegebenen OP-Räume und Einrichtungen optimal nutzen", so Rübenstahl. "Früher hat man, wenn man vier OP-Säle zur Verfügung hatte, auch alle genutzt. Selbst, wenn die anstehenden OPs auch in dreien untergekommen wären. Jetzt überlegt man aus Kostengründen genau, ob man nicht besser einen OP-Saal schließt und die Mitarbeiter Überstunden abfeiern läßt." Alles eine Frage des Controllings: aus weniger mehr herausholen.

Weitere Informationen unter:

www.diomedes.de

www.kpmg.de/industries/infrastructure_government/180.htm

www.medinfoweb.de (mit Stellenmarkt)

www.medizincontroller.de

www.mydrg.de

www.srh.de

www.udfm.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 70, 2004
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor