19. Dezember 2009

Unternehmensnachfolge

Rein ins gemachte Nest

Von Florian Vollmers




16. Mai 2007 
Auch Unternehmer kommen in die Jahre und wollen sich zur Ruhe setzen. In Deutschland ist es gar eine ganze Generation, die in den nächsten Jahren das Zepter aus der Hand legen wird. Wo Kinder fehlen, die das Erbe antreten können, werden Chefsessel samt Firma zum Verkauf angeboten. Eine schwierige, aber lohnende Variante der Existenzgründung - sogar für frisch examinierte Hochschulabsolventen.

Tobias Setzer weiß, was er will. Nichts Geringeres nämlich als ein Unternehmen, das er übernehmen kann. Als Nachfolger und Geschäftsführer. Seine Chancen, eines zu finden, stehen nicht schlecht. Laut Institut für Mittelstandsforschung beschäftigen sich jährlich 71.000 Unternehmen mit der Nachfolgefrage, manche erwarten gar eine regelrechte Welle des Generationenwechsels in mittelständischen Betrieben. Doch laut Institut für Mittelstandsforschung (IfM) ist in über 50 Prozent von ihnen die Nachfolgefrage ungeklärt. Der Grund: Es findet sich niemand in der Familie, der den Betrieb übernehmen will. Und um eine externe Nachfolgeregelung kümmern sich die wenigsten, meist aus psychologischen Gründen: Wer beschäftigt sich schon gern mit dem eigenen Ende? Die Folge: Laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag (DIHK) stehen jährlich mehr als 40.000 Unternehmen vor einem Verkauf oder einer Schließung.

Aufstrebende Junior-Manager wie Tobias Setzer kommen in so einer Situation gerade recht. Er bringt vieles mit, was ein künftiger Geschäftführer braucht: Ein auf „International Business“ ausgerichtetes MBA-Studium, mehrere Fremdsprachen - darunter Chinesisch -, sieben Jahre Berufserfahrung bei diversen Technologieunternehmen, darunter Weltmarktführer. „Warum sollte ich die Knochenarbeit leisten und ein neues Unternehmen gründen, wenn es so viele gibt, die einen Nachfolger suchen?“, fragt sich Setzer.

„Warum sollte ich die Knochenarbeit leisten und ein neues Unternehmen gründen, wenn es so viele gibt, die einen Nachfolger suchen?“

Tobias Setzer war einer der Ersten, der sich vor drei Jahren bei der neu geschaffenen Nachfolgebörse nexxt-change einschrieb. Auf seiner Suche nach einem passenden Unternehmen sprach er auch Banken, Industrie- und Handelskammern an. „Bei uns melden sich immer häufiger Hochschulabsolventen und fragen, ob es Möglichkeiten der Unternehmensnachfolge gibt“, berichtet auch Jürgen Becker von der IHK Heilbronn-Franken.

Um Unternehmer und Nachfolger zusammenzubringen, entwickelte die IHK ein Moderatorenkonzept, in dessen Rahmen Jürgen Becker bereits über 100 Übergaben begleitete: „In der Praxis erkennen Unternehmer häufig viel zu spät, dass ihre Nachfolge zu regeln ist“, sagt Becker. „Die emotionale Seite des Problems ist nicht zu unterschätzen.“ Auch Tobias Setzer hatte bei IHK-Moderator Becker angefragt, inzwischen führt er ernsthafte Nachfolgegespräche mit drei Unternehmen. „Innerhalb der nächsten sechs Monate werde ich eine Entscheidung fällen“, sagt er. „Eine Entscheidung fürs Leben.“
Die Unternehmensnachfolge gilt als eine der schwierigsten Formen der Existenzgründung. Sie stellt selbst erfahrene Manager immer wieder vor große Probleme. Denn der Nachfolger muss nicht nur eine charismatische Führungspersönlichkeit sein und sich in der entsprechenden Branche hervorragend auskennen. Vor allem ist es die Chemie zwischen Senior und Junior, die stimmen muss.

Wie es schieflaufen kann, zeigte der berühmte „Leibniz-Keks“-Hersteller Bahlsen: Im Streit der Nachfahren um die Erbfolge, Führung und Strategie des mittelständischen Familienunternehmens brach die Bahlsen GmbH & Co KG in den neunziger Jahren wie ein Keks auseinander: Werner Michael Bahlsen übernahm die Süßgebäck-Sparte, sein Bruder Lorenz Bahlsen das Geschäft mit Salzgebäck. Das Nachfolgedebakel wurde offen eingestanden, Werner Michael Bahlsen sprach von einem „nicht organisierten Generationenwechsel“. Seitdem gilt der „Fall Bahlsen“ für Mittelstandsberater als ein Musterbeispiel dafür, wie eine Unternehmensnachfolge nicht laufen sollte. Gerade in Familien gilt die Übergabe des Betriebs an Söhne und Töchter als besonders heikle Aufgabe. Denn Generationenkonflikte und gegensätzliche Führungsstile bei Senior und Junior können hemmende Spannungen aufbauen.

Nach einer Statistik des Instituts der deutschen Wirtschaft gelingt bei zwei Dritteln aller Unternehmen der Sprung in die dritte, und bei nur noch einem Achtel der Sprung in die vierte Generation. Damit ist die Familie Wrede eine Ausnahme. Seit seiner Gründung vor 125 Jahren wird der Arnsberger Hersteller von Kunststoffartikeln in der vierten Generation von Familienmitgliedern geführt. Und auch für die Zukunft ist vorgesorgt: In der fünften Generation gibt es heute bei Wrede zwölf Kinder, auf die bereits Ende der neunziger Jahre im Rahmen einer vorweggenommenen Erbfolge Anteile übertragen wurden.

Das Erfolgsrezept des Unternehmens ist eine sogenannte „Familienverfassung“, die wichtige Eckpunkte der Nachfolge festsetzt: zum Beispiel, dass die jüngeren Familienmitglieder ihre berufliche Erfahrungen nicht im eigenen Unternehmen, sondern immer nur in anderen Betrieben sammeln sollen. Oder dass Familienmitglieder nicht in untergeordneten Positionen der Unternehmensgruppe arbeiten dürfen, da eine solche Unterstellung zu unerträglichen Spannungen führe. „Durch diese Regelungen wurde alles getan, um Auseinandersetzungen und Streit innerhalb der Großfamilie Wrede zu verhindern“, heißt es in der Verfassung.

Über die Hälfte der Familienunternehmen in Deutschland strebt jedoch eine externe Nachfolgeregelung an. So wie Emil Dohmen: Wann der Geschäftsführer und Inhaber des Logistik-Dienstleisters Dohmen Solutions GmbH in München in Ruhestand gehen wird, steht noch nicht fest. Doch um die Übergabe seines 1974 gegründeten Unternehmens von langer Hand vorzubereiten, holte Dohmen bereits 2003 eine junge Führungsnachwuchskraft mit ins Boot - mit der Option, einmal die Nachfolge des Firmengründers anzutreten. „Es war eine sehr weitsichtige Entscheidung von Herrn Dohmen, mich frühzeitig in diesen Prozess zu involvieren“, findet denn auch der designierte Nachfolger Oliver Lucas, der unter anderen Voraussetzungen eine derartige unternehmerische Herausforderung erst gar nicht angenommen hätte. Der Absolvent eines BWL-Studiums war nach seinem Einstieg bei einem Energietechnikunternehmen unter anderem bei der Deutschen Lufthansa beschäftigt, wo er erstmals mit Dohmen in Kontakt kam. Mittlerweile hatte sich Lucas als Unternehmensberater selbständig gemacht, als der Inhaber des Logistikunternehmens ihm den Einstieg anbot. Bei Dohmen Solutions ist der heute 35-Jährige inzwischen einer von drei geschäftsführenden Gesellschaftern und verantwortet sämtliche Kundenaktivitäten im Unternehmen. Darüber hinaus ist es seine Aufgabe, ein funktionierendes Managementteam für die Zeit aufzubauen, wenn Emil Dohmen im Ruhestand sein wird.

Professor Dr. Frank Wallau vom Institut für Mittelstandsforschung (IfM) bestätigt, dass die externe Nachfolgeregelung in deutschen Unternehmen erheblich an Bedeutung zunimmt. Doch da ist noch die Sache mit dem Geld: „Ob man als Nachfolger in Frage kommt, hängt auch vom Eigenkapital ab, das man beisteuern kann“, weiß Wallau. Bei Oliver Lucas waren es einige Hunderttausend Euro, mit denen er bei Dohmen Solutions einstieg. Den Betrag finanzierte er vollständig über ein zinsgünstiges Darlehen im Rahmen eines Existenzgründerprogramms der KfW-Bank und der Förderbank Bayern. Auch bei den Landesförderbanken können Mittel zur Existenzgründung per Unternehmensnachfolge beantragt werden.

Bei Michael Krieger kam der Eigenkapitalanteil aus der eigenen Familie: Der heute 32-Jährige kaufte sich vor zwei Jahren als Gesellschafter in den Hamburger Bilddienstleister PPS Imaging ein: „Nach meinem BWL-Studium hatte ich zunächst einige Jahre als Investmentmanager gearbeitet und wollte nicht unbedingt als Unternehmer aktiv werden“, erzählt Krieger. Im Jahr 2002 erhielt er den Auftrag, die damals kriselnde PPS Imaging GmbH zu sanieren. „In diesen Job habe ich mich richtig reingekniet und viel Herzblut investiert“, berichtet Krieger. „Das hat sicher dazu beigetragen, dass mir die Gesellschafter ein Angebot zum Einstieg gemacht haben.“ Allerdings: Ohne eigenes Vermögen hätte sich dem Jungunternehmer diese Chance nie geboten.

Mindestens 25.000 Euro Startkapital sollte man als Unternehmensnachfolger einkalkulieren, findet PPS-Geschäftsführer Krieger. Eine Faustregel besagt, dass man mit 100.000 Euro Eigenkapital einen Unternehmenswert von 1 Million Euro stemmen kann. Tobias Setzer ist auf seiner Suche nach einem Unternehmen auch schon bei vielen potentiellen Kreditgebern vorstellig geworden: „Die haben eine sehr restriktive Geldverteilungspolitik“, weiß er. „Von meinem Ziel, einen Betrieb zu übernehmen, bringt mich das aber nicht ab.“

Initiative Unternehmensnachfolge der Bundesregierung
- http://www.nexxt.org

Über diese Börse wurden 2006 über 1.600 Unternehmen an einen externen Nachfolger vermittelt.
- http://www.nexxt-change.org

BEIM BETRIEBSVERMÖGEN RECHNET DAS FINANZAMT MIT

Die geplante Reform der Schenkung- und Erbschaftsteuer sorgt für Unruhe in deutschen Familienunternehmen. Denn von einer möglichen Neufassung könnte auch der Übergang von Betriebsvermögen betroffen sein. Derzeit beläuft sich der grundsätzliche, von der Steuer absetzbare Freibetrag für Betriebsvermögen auf 225.000 Euro. Persönliche Freibeträge richten sich nach dem Verwandtschaftsgrad. Beim Ehepartner liegt er beispielsweise bei 307.000 Euro, bei Kindern und Enkelkindern bei 205.000 Euro. Spätestens bis zum 31. Dezember 2008 soll jedoch eine Neuregelung der Erbschaftsteuer vorgelegt werden. Dabei hat das Bundesverfassungsgericht den Gesetzgeber dazu aufgerufen, durch eine niedrige Erbschaftsteuerlast die Fortführung von Unternehmen zu erleichtern. Weitere Infos: http://www.bundesfinanzministerium.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 90, 2007
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor