12. Dezember 2009

Rating-Agenturen

Entscheider über Kampfklassen

Von Florian Vollmers




24. November 2003 
Wenn Kreditunternehmen entscheiden müssen, wem sie unter die Arme greifen und wie, brauchen sie die professionelle Hilfe von Rating-Agenturen. Diese prüfen dann die Unternehmen auf Herz und Nieren. Um den zunehmenden Anforderungen gewachsen zu sein, suchen die Agenturen Nachwuchs: Finanzexperten und Branchenkenner, vor allem aus dem Bereich der Wirtschaftsprüfung.

"Es wird in den nächsten Jahren eine steigende Nachfrage nach Fach- und Führungsnachwuchs in den Rating-Agenturen geben", prophezeit Prof. Dr. Manfred Timmermann, Rektor der European Business School (EBS). Was den Boom verspricht, heißt "Basel II": Ab 2006 müssen Banken vor Gewährung eines Kredits jeden Kreditnehmer einer Überprüfung unterziehen, einem sogenannten Rating. Wer dabei schlecht abschneidet, zahlt mehr für den Kredit oder bekommt gar kein Geld. "Darüber hinaus unterstützen auch die Anforderungen der Börse den Boom", so Prof. Timmermann. "Die Börsenaktivitäten von Unternehmen werden immer mehr von Rating-Aussagen abhängig. Inzwischen werde deshalb schon diskutiert, ob man die Agenturen nicht durch die Bankenaufsicht stärker kontrollieren solle.

„Es wird eine steigende Nachfrage nach Fach- und Führungsnachwuchs geben.“

Was ist die Aufgabe eines Rating-Analysten? Er prüft bei der Bewertung eines Unternehmens nicht nur die Zahlen der vergangenen Jahre, er bewertet auch Faktoren, die für gewöhnlich nicht in der Bilanz stehen: Ist das Unternehmen innovativ? Verfügt es über qualifiziertes Personal? Verfolgt das Management eine klare Strategie? Am Ende trifft er eine knallharte Aussage über die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.

Verglichen mit den USA ist der Ratingmarkt in Europa aber noch recht jung. Moody's war die erste der renommierten Rating-Agenturen, die in Deutschland mit einer eigenen Niederlassung vertreten war. Das 1991 in Frankfurt am Main eröffnete Büro ist neben London und Paris eines von drei europäischen Kompetenzzentren, die jeweils für verschiedene Rating-Bereiche zuständig sind: "An unserem Standort werden im Bereich Corporate-Finance Analysen und Ratings für europäische Industrieunternehmen erstellt, zum Beispiel aus den Bereichen Maschinenbau, Elektrotechnik, Automobil, Pharma, Transport und Verkehr", erklärt Jürgen Berblinger, Geschäftsführer der deutschen Moody's GmbH im Frankfurter Büro. "Und dabei wachsen wir weiter. Im Jahr 1999 waren wir hier nur sechs Kollegen, heute sind wir 35."

Einer der Mitarbeiter ist Wolfgang Draack, Senior Vice President und als Rating-Analyst arbeitet er derzeit mit einem Portfolio von rund 20 Unternehmen, für deren Rating er verantwortlich ist. Darunter sind Siemens, Philips und Nokia. "Ich beobachte alle Aktionen der Unternehmen und prüfe, ob ich sie in das Rating mit einfließen lassen kann", beschreibt Draack seinen Job. "Ich verfolge die Nachrichten in Zeitungen und im Fernsehen. Ich telefoniere direkt mit den Unternehmen und erkundige mich nach Neuigkeiten. Und mindestens einmal im Jahr treffe ich mich mit dem Senior-Management und spreche über das vergangene Jahr und die Planungen des kommenden." Ziel sei es, einen guten Überblick darüber zu bekommen, wer eine erfolgversprechende Strategie verfolgt. Deshalb vergleicht Wolfgang Draack die jeweiligen Unternehmensdaten auch mit den Wettbewerbern. Schließlich schreibt er einen Rating-Vorschlag, über den von einem vierköpfigen Rating-Komitee bei Moody's abgestimmt wird. "Sind wir zu einem Ergebnis gekommen, veröffentlichen wir unsere Meinung dann in der Presse und begründen sie", so Draack. Nach einer Banklehre und einem BWL-Studium hat Wolfgang Draack zunächst zehn Jahre bei einer US-Bank in Frankfurt am Main gearbeitet, bevor er vor 15 Jahren zu Moody's kam. "Als Rating-Analyst sollte man schon eine Liebe für die detailgenaue Analyse haben", umschreibt Draack die Jobanforderungen. "Nach außen muß man auf jeden Fall ein kompetentes Auftreten vermitteln - nicht nur, weil man viel Umgang mit der Managementebene hat, sondern auch weil Investoren sehr genau auf die Moody's-Meinung achten." Eine präzise Kenntnis von Kapitalmarktvorgängen und sehr gute Englischkenntnisse seien darüber hinaus unverzichtbar.

"Wir wachsen international im Umsatz und im Ergebnis zweistellig - und das zieht natürlich Rekrutierungsmaßnahmen nach sich", so Moody's-Geschäftsführer Berblinger, der auf sehr gute Jobmöglichkeiten im Rating-Bereich aufmerksam macht. "Der Einstieg ist bei uns nach dem Studium möglich, wenn man bereits Auslandserfahrung gesammelt hat und schon in der Praxis tätig war, am besten im Bankbereich." Die Mehrzahl der Nachwuchskräfte bei Moody's hat ein betriebswirtschaftliches oder technikorientiertes Studium hinter sich und dann noch einen "Master of Business Administration" oder eine Dissertation aufgesattelt.

Prof. Dr. Manfred Timmermann von der EBS erwartet, daß die Zahl der Wirtschaftsprüfer, die im Rating-Bereich einsteigen, zunehmen wird: "Das ist durchaus eine zusätzliche Chance - aber nur für Fachkräfte mit drei bis fünf Jahren Unternehmenserfahrung, die sowohl Finanzen, Märkte als auch die Qualität des Managements einschätzen können." Schließlich müsse man als Rating-Analyst die gesamtwirtschaftliche Entwicklung beurteilen können, um die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen festzustellen. "Das ist allein mit den analytischen Verfahren, die man an der Uni lernt, nicht zu pakken." Die zusätzlichen Jobmöglichkeiten im Rating sieht Timmermann nicht nur bei den Großen der Branche, sondern auch bei deutschen Rating-Agenturen - vor allem im Mittelstand: "Beim offiziellen Beginn von Basel II müssen kleinere deutsche Rating-Agenturen ihre Chancen nutzen und mit guten Leuten aufwarten, um von Anfang an zu überzeugen", so Timmermann.

„Rating-Agenturen sind durchaus eine zusätzliche Chance für Wirtschaftsprüfer.“

Deutsche Rating-Agenturen wappnen sich bereits für den kommenden Boom. So hat beispielsweise die Euler Hermes Rating GmbH, eine Tochter der zum Allianz-Konzern gehörenden Kreditversicherungsgruppe Euler Hermes S.A., mit dem TÜV Rheinland Brandenburg e.V. eine Vereinbarung getroffen, die Standards für das externe Rating mittelständischer Unternehmen setzen will. "Gerade weil der europäische Rating-Markt noch so jung ist, bietet eine Tätigkeit bei uns die Chance, die Marktentwicklung mitzugestalten", sagt Dörte Bartels, Rating-Analystin bei der Euler Hermes Rating GmbH in Hamburg. Junge Akademiker können als "Junior Rating Analyst" einsteigen, wenn sie eine Banklehre und ein wirtschaftswissenschaftliches Studium mit überdurchschnittlichem Abschluß vorweisen. Darüber hinaus wird eine mindestens zweijährige Berufserfahrung mit Schwerpunkt Finanzen/Controlling bei einem internationalen Finanzdienstleister verlangt.

"Das Besondere an der Euler Hermes Rating GmbH ist, daß ihre Analysetätigkeit weit über die reine Finanzanalyse hinausgeht", findet die 32jährige, die nach einem Doppelstudium BWL und Wirtschaftspädagogik an den Universitäten Kiel und Hamilton (Kanada) zunächst bei der Deutschen Bank tätig war, bevor sie im Oktober 2002 bei der Euler Hermes Rating GmbH als Rating-Analystin einstieg. "Neben einer umfassenden Marktanalyse bewerten wir auch die sogenannten "Soft Facts" und das Risikomanagement von Unternehmen sehr ausführlich", erklärt Bartels. Den Blick hinter die glatten Kulissen der Unternehmen findet sie besonders spannend.

Weitere Informationen unter:

www.moodys.com

www.eulerhermes-rating.com

www.ebs.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 69, 2004
Bildmaterial: Claudia Weikert, Labor