15. Dezember 2009

An einem Strang

Mitbestimmen, was an der Hochschule passiert

Von Susanne Schäfer




22. Juni 2009 
Professoren und Studenten haben ganz unterschiedliche Interessen, die sie in den Hochschulgremien kämpferisch durchzusetzen versuchen. Könnte man meinen. Die Realität aber sieht viel harmonischer aus - wie ein Besuch einer Gremiensitzung an der Universität Lübeck zeigt.

Die Sitzung beginnt mit einer guten Nachricht: Es ist noch Geld im Topf. Kaum dass der Vorsitzende die Summe genannt hat, wird der Raum auf dem Campus der Uni Lübeck zum Basar. Der Professor für Informatik wirbt um Geld für Hardware und Lizenzen, die Leiterin der Universitätsbibliothek klagt über Büchermangel, und eine Studentin versucht, einen höheren Stundenlohn für Hilfskräfte an ihrem Institut rauszuschlagen. Das Feilschen wirkt hart, aber fair: Jeder lässt den anderen seine Wünsche vortragen, und niemand protestiert, als schließlich die Leiterin der Bibliothek den größten Anteil bekommt.

Im „Ausschuss für die Lehre“ sind Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Studenten und Mitarbeiter aus anderen Bereichen der Universität Lübeck vertreten, zum Beispiel aus der Verwaltung. Der Vorsitzende des Gremiums, Enno Hartmann, ist zugleich Vizepräsident der Universität, einige andere Mitglieder sitzen zugleich im Senat der Uni. Auf diese Weise soll das Gremium verhindern, dass Präsidium und Senat aneinander vorbei arbeiten. Die Mitglieder des Ausschusses treffen sich einmal im Monat, um über Themen zu diskutieren, die die Lehre an der Hochschule betreffen - bei dieser Sitzung werden unter anderem die 40.000 Euro verteilt, die von der Förderung durch den Hochschulpakt noch zur Verfügung stehen, der Rest ist bereits verplant.

Fragt man die Studentinnen, was sie in dem Ausschuss bewirken wollen, überlegen sie nicht lange: „Mehr Werbung“, sagt Anna Barkentien, und Caroline Weber erklärt, was gemeint ist: „Wir wollen unsere Uni bekannt machen, vor allem bei Schülern, damit sie auch hier studieren.“ Deshalb machen die beiden sich Gedanken darüber, wie man über soziale Netzwerke im Internet potentielle Studienanfänger erreichen kann und in welchen Zeitungen Anzeigen wohl die größte Wirkung haben. Es ist kein Thema, das sie etwa gegen den Willen der Professoren durchsetzen müssten, denn der öffentliche Auftritt der Hochschule scheint jedem der zehn Mitglieder wichtig zu sein, die an der Sitzung teilnehmen. „Marketing“ ist ein eigener Punkt auf der Tagesordnung und war schon in früheren Sitzungen Thema.

Heute stellt Till Tantau, Professor für Theoretische Informatik, seine ersten Ergebnisse vor: „Die neue Website geht Ende des Monats online, denn die alte war ja nicht so, dass man sich dachte: Da möchte ich hin.“ Außerdem haben er und seine Studenten einen Imagefilm über den Studiengang gedreht, den sie jetzt auf das Internet-Videoportal Youtube stellen wollen. Als nächsten Schritt schlägt Tantau vor, Flyer mit Werbung für die Uni zu verteilen. „Ich glaube nicht, dass das etwas bringt“, sagt Caroline Weber, sobald er ausgeredet hat. „Wenn man die irgendwo hinlegt, nimmt sich keiner einen mit.“ Tantaus Vorschlag, Plakate in Bussen und Bahnen aufzuhängen, findet sie dagegen gut. „Am besten auch noch in ICEs“, sagt sie und lacht.

Immer wieder mischt die Studentin sich bei der Sitzung in die Diskussion ein. Wenn sie Zweifel an einem Vorschlag hat, sagt sie es, egal, ob sie damit eine andere Studentin kritisiert oder einen Professor. „Es ist in dem Ausschuss generell nicht so, dass Studenten gegen Professoren argumentieren“, sagt sie. Die Linie verlaufe eher zwischen den Vertretern der beiden Fakultäten, die es an der Uni Lübeck gibt, der Technisch-Naturwissenschaftlichen und der Medizinischen.

Caroline Weber ist 22 und studiert im sechsten Semester Molecular Life Science - eine Mischung aus Biologie, Chemie und Physik - sie ist in der Fachschaft aktiv und vertritt diese auch in dem Gremium. „An der Arbeit im Ausschuss für die Lehre gefällt mir, dass man direkten Kontakt zu den Professoren hat“, sagt sie. „Wenn es zum Beispiel um Foren im Internet geht, kennen sich manche der älteren Professoren nicht so gut aus. Da können wir uns dann einbringen.“ Weil ihr der Austausch mit den Professoren wichtig sei, könne sie sich auch nicht vorstellen, sich zum Beispiel im Studentenparlament zu engagieren.

Anna Barkentien nickt. Sie ist auch 22 und studiert im sechsten Semester Computational Life Science - ein interdisziplinärer Studiengang. „In einem Studentenparlament bekommt man hin und wieder einen Antrag vorgelegt, und zu dem darf man ja oder nein sagen. Das wäre mir zu wenig.“ Auch sie vertritt ihre Fachschaft in dem Gremium, zusätzlich engagiert sie sich in einigen anderen Ausschüssen der Uni, in ihrer Freizeit macht sie als Mitglied in einem Kreisverband der Jungen Union weiter Politik.

Dass die beiden sich so sehr darum bemühen, neue Studenten an ihre Uni zu locken, hat einen Grund: Im Hochschulpakt ist festgelegt, dass der Bund den Universitäten einen Zuschuss zahlt, der von der Zahl der Studienanfänger abhängt. So betrachten Anna Barkentien und Caroline Weber das Rekrutieren neuer Studenten auch als Einnahmequelle für ihre Universität. „Und davon profitieren ja letztlich wir selbst, denn von dem Geld können wir Laborgeräte kaufen oder Tutoren bezahlen“, sagt Caroline Weber. „Klar, das ist schon sehr wirtschaftlich gedacht“, räumt sie ein. Doch Anna Barkentien verteidigt die Strategie: „Irgendwo muss das Geld ja herkommen. Es kostet halt alles was.“

Um Geld gehe es bei den Marketing-Bemühungen nicht, sagt dagegen Enno Hartmann, Biologieprofessor und Vorsitzender des Ausschusses. „Was durch den Hochschulpakt an Geld reinkommt, deckt nicht die Kosten.“ Ihm gehe es in erster Linie darum, Kandidaten möglichst genau über die Inhalte der Studiengänge zu informieren, damit sich dann die Passenden bewerben. „Studienanfänger sollen sich nicht für Informatik einschreiben, weil sie das Fach mit Computerspielen verwechseln“, sagt Hartmann. Er hofft, so die Quote der Studienabbrecher zu senken.

Hartmann treibt die Themen in der Sitzung voran. Sobald die wichtigsten Argumente ausgetauscht sind, drängt er auf eine Entscheidung, damit die Diskussion nicht zum Gelaber wird. Komplexere Fragen lässt er in Arbeitsgruppen vorbereiten, zu denen dann auch Studenten oder Dozenten eingeladen werden, die sich mit dem Thema besonders gut auskennen. Hartmann lobt, dass im Ausschuss für die Lehre jeder mit Begeisterung dabei sei. Denn „nichts ist fruchtloser als eine Diskussion, an der nur die Hälfte interessiert ist“.

Er spricht immer wieder davon, wie effizient der Ausschuss arbeite. Das Gremium wurde erst Ende vergangenen Jahres gegründet und kann tatsächlich schon einige Ergebnisse vorweisen: Die Mitglieder haben eine neue Habilitationsordnung, eine Bewerbung für eine Förderung bei der „Exzellenzinitiative für die Lehre“ und, natürlich, Marketingstrategien auf den Weg gebracht. Der Ausschuss hat zwar selbst keine Entscheidungsgewalt, sondern berät Senat und Präsidium, „aber de facto sehen die Kollegen nur noch kurz drüber und machen einen Haken dran, wenn wir etwas vorbereitet haben“, sagt Hartmann.

Marketing, Effizienz, Ergebnisse - die Zielstrebigkeit und Wirtschaftsorientierung erinnert manchmal wie die Vorstandssitzung eines Unternehmens. Auch als Tantau, der Informatikprofessor, von der von ihm formulierten Bewerbung bei der „Exzellenzinitiative für die Lehre“ erzählt. Gefragt war eine Analyse der Stärken und Schwächen der Hochschule. „Ich habe die Antragsskizze schon weitergegeben“, sagt Tantau in die Runde. „Dass jetzt nicht jeder vorher noch einmal nach seinen Änderungsvorschlägen gefragt worden ist, bitte ich zu entschuldigen.“ Niemand protestiert.

Politikkarriere an der Uni

Wie kommt man in ein Studentenparlament?

An manchen kleinen Unis sind bei den Wahlen des Studentenparlaments Einzelkämpfer zugelassen, doch an den meisten Hochschulen müssen die Kandidaten einer Liste angehören. Dabei können sie sich in der Regel zwischen den Hochschulablegern der etablierten Parteien und den parteiunabhängigen Listen entscheiden. Letztere umfassen ein buntes Spektrum politischer und anderer Vereinigungen. An der Humboldt-Universität in Berlin beispielsweise gibt es unter anderem die „Linke Liste an der HUB“, die in diesem Jahr mit 13,5 Prozent unter allen Listen den größten Stimmenanteil bekam. Andere Zusammenschlüsse richten sich an eine speziellere Wählerschaft, wie etwa „The Autonome Alkoholiker_innen.LSD.LLT“ oder „Ewig und 3 Tage - Langzeitstudierende“. Viele Listen gehen mit ernsten Themen in den Wahlkampf, so will sich die Juso-Hochschulgruppe an der HU Berlin etwa für soziale Gerechtigkeit an der Uni und gegen die „Ökonomisierung der Universität“ einsetzen, wie sie vor den Wahlen zum Studentenparlament Anfang des Jahres in einer Selbstdarstellung schrieb. Bei anderen wirkt der Wahlkampf weitgehend sinnfrei: Für den „Ausschank von Spätburgunder“ und die „Ernennung von Hofnarren“ engagieren sich „Die Monarchisten“. Wen das alles nicht anspricht, der kann seine eigene Liste gründen. An der HU Berlin reichen dazu zwei Mitstreiter.

Welche Rollen spielen parteiunabhängige Vereinigungen in der Studentenpolitik?

„Die parteiunabhängigen Gruppen spielen in der Studentenpolitik eine immer größere Rolle“, sagt Torsten Bultmann vom Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. „Diese Entwicklung beobachte ich seit mehr als 20 Jahren.“ Er vermutet einen Zusammenhang mit dem Bedeutungsverlust der Parteien. „An den Hochschulen nimmt die Bindung an Parteien eben genauso ab wie in der Gesamtgesellschaft.“ Daran ändere auch der größere finanzielle Spielraum nichts. „Obwohl die etablierten Parteien die ihnen nahestehenden Gruppen an Hochschulen oft unterstützen, gewinnen diese keinen neuen Einfluss“, sagt er. „Man kann sich eben keine politischen Anhänger kaufen.“ Im Studentenparlament der HU Berlin zum Beispiel ist der Anteil der parteiunabhängigen Gruppen derzeit mit etwa 60 Prozent größer als der Anteil der parteinahen Vereinigungen wie RCDS oder Juso- Hochschulgruppe.

Text: Hochschulanzeiger Nr.103, 2009, Seite 18
Bildmaterial: von Zubinski