11. Dezember 2009

Unternehmensberatung

Jobs für Ingenieure mit Weitblick

Von Florian Vollmers




18. Oktober 2004 
Technisches Hintergrundwissen spielt bei der strategischen Unternehmensberatung oft die entscheidende Rolle: Ingenieure sind in der Branche deshalb gefragte Nachwuchskräfte. Allein die Top-Unternehmen suchen Hunderte - und schrauben ihre Anforderungen weiter in die Höhe.

Heute Effizienzsteigerung in einer Bank, drei Monate später Mitarbeit an der Markenstrategie eines Autoherstellers, anschließend eine globale Wachstumsstrategie für einen Kosmetikhersteller: Die Vielfalt und der ständige Wechsel der Aufgaben machen die Unternehmensberatung für viele so attraktiv. "Sich immer wieder schnell in neue Themen einzuarbeiten, kann anstrengend sein - aber auch schöne Erfolgserlebnisse mit sich bringen", findet Matthias Steinberg, Associate bei der Boston Consulting Group (BCG). Daß der 28jährige ursprünglich Maschinenbau an der RWTH Aachen studiert hat, ist gar nicht ungewöhnlich: Rund 12 Prozent der BCG-Berater haben einen ingenieurwissenschaftlichen Abschluß, weitere zehn Prozent sind Wirtschaftsingenieure. "Gegen Ende meines Studiums hatte ich mir über Praktika und meine Diplomarbeit bei Airbus France bereits eine klare Vorstellung von den Einstiegsmöglichkeiten in der Industrie verschafft", erzählt Steinberg. "Aber während meines anschließenden Praktikums bei der BCG gefiel mir die Beraterbranche und speziell diese Firma als Arbeitgeber so gut, daß es nahtlos in meinen ersten Job überging." Eine Karriere als Generalist für verschiedene Managementaufgaben liege ihm eben mehr als eine Laufbahn als Spezialist, der zum Beispiel für ein bestimmtes Bauteil zuständig ist. So ist es Matthias Steinberg möglich gewesen, in den ersten beiden Jahren als BCG-Strategieberater bereits in der Automobilbranche und der metallverarbeitenden Industrie sowie bei einem Energieversorger an ganz unterschiedlichen Projekten arbeiten zu können. "Zur Zeit arbeiten wir in einem großen Team gemeinsam mit Kundenmitarbeitern an acht Produktionsstandorten, um durch völlig neue Abläufe und technologische Innovationen alle Möglichkeiten zur Kostensenkung und Produktivitätssteigerung auszuschöpfen. Dabei profitiere ich natürlich von meinen Produktionskenntnissen als Ingenieur. Dagegen betrat ich auf dem vorherigen IT-Strategieprojekt völliges Neuland - das ich aber in kurzer Zeit gut im Griff hatte."

Die steile Lernkurve in den Unternehmensberatungen nutzen viele zur Vorbereitung auf eine spätere Karriere im Management: "Die breitgefächerte Branchenkenntnis, die Routine im Projektmanagement und in der Führung von Teams machen Berater eben zu begehrten Kräften", erklärt Steinberg. Nach zwei bis drei Jahren könne man bereits in alle Bereiche der Industrie wechseln. Aber auch in der Beratung selbst bieten sich attraktive Perspektiven: Im Schnitt wird man bei konstanter Bestleistung alle zwei Jahre befördert. Nach sechs bis sieben Jahren kann man Geschäftsführer und teilhabender Partner werden. Allerdings schätzt Steinberg die Rückkehr zu sehr technischen Aufgaben nach einigen Beraterjahren als eher schwierig ein: "Speziell als Ingenieur sollte man sich also frühzeitig überlegen, ob man auf längere Sicht lieber als Management-Generalist oder technischer Spezialist arbeiten will."

Der technische Nachwuchs steht bei den Top-Beratungsunternehmen hoch im Kurs. "Es stimmt, Ingenieure sind bei uns stark vertreten", so BCG-Recruiting Director Just Schürmann. "Gleiches gilt aber auch für Betriebswirte oder Naturwissenschaftler. Da uns Fähigkeiten wichtiger sind als die Fachrichtung, suchen wir prinzipiell Universitätsabsolventen und Young Professionals aller Studiengänge. Vielfalt ist uns wichtig." Die Ansprüche sind allerdings hoch. So gehen allein bei BCG jährlich rund 10.000 Bewerbungen ein, aus denen künftige Mitarbeiter ausgewählt werden. Wie sehen solche Talente aus? Schürmann faßt zusammen: "Teamfähige Überflieger mit Bodenhaftung, die Vorstandspräsentationen souverän meistern, aber auch beim Pförtner den richtigen Ton treffen - und die immer versuchen, mehr zu geben, als von ihnen erwartet wird." Das Auswahlverfahren ist hart: Bei BCG besteht es aus sechs Gesprächen, in denen bei der Lösung von Fallstudien analytische und kommunikative Fähigkeiten abgeklopft werden.

„Nach sechs bis sieben Jahren kann man Geschäftsführer und teilhabender Partner werden.“

Die Zahlen bei den drei Großen der Branche zeigen, daß der Bedarf enorm ist: McKinsey & Company will 2004 200 Berater einstellen, Roland Berger Consultants plant mit 130 Neueinstellungen, und bei der BCG beläuft sich der Bedarf auf 120. Eine Branchenumfrage des BDU (Bundesverband Deutscher Unternehmensberater) zeigte: Rund 41 Prozent der Consultingfirmen wollen noch 2004 ihren Personalbestand aufstocken. Gleichzeitig rechnet die Branche mit einem leichten Umsatzplus, nachdem sie im vergangenen Jahr mit 12,23 Milliarden Euro ein Minus von 0,5 Prozent verzeichnet hatte. "Für Ingenieure bieten sich besonders gute Chancen, weil die Schnittstelle zwischen BWL und Technik in den Unternehmen an Bedeutung gewinnt", urteilt Dr. Wolfgang Lichius, Vorsitzender des BDU-Fachverbandes Personalberatung. "Der Trend zum Outsorcing hält an. Und wenn Bereiche wie EDV, Forschung & Entwicklung oder die Programmierung ausgelagert werden, ist bei der Begleitung durch Consultants spezielles Ingenieurwissen gefragt." Absolventen technischer Fachrichtungen rät Lichius, bei der Jobsuche auch nach den vielen kleinen Beratungsfirmen Ausschau zu halten, die sich auf Technik-Aufgaben, zum Beispiel die Logistik, spezialisiert haben.

„Wenn Bereiche wie EDV, Forschung & Entwicklung oder die Programmierung ausgelagert werden, ist bei der Begleitung durch Consultants spezielles Ingenieurwissen gefragt."

Verantwortlich speziell für die Beratung in Sachen IT-Sicherheit ist der 32jährige Marcel Knop bei KPMG in Frankfurt, Abteilung Information Risk Management. Nach einem Maschinenbaustudium an der Uni Kassel war er lange Zeit bei einem Internet-Provider als Programmierer beschäftigt: "Dort hatte ich schon bald alle Server aufgesetzt, alle Firewalls errichtet und merkte, daß sich die Aufgaben ständig wiederholen. Also suchte ich mir etwas mit mehr Abwechslung." Auf einer Firmenkontaktmesse lernte der heutige Senior Consultant 2001 KPMG kennen. Ihn überzeugte die Aufstellung des Unternehmens in Richtung Datensicherheit: "Einer der bekanntesten Spezialisten auf dem Fachgebiet IT-Security war damals Manager bei KPMG und wurde mein persönlicher Mentor", erzählt Knop. "Das wollte ich mir nicht entgehen lassen." In seinen durchschnittlich alle zwei bis drei Wochen wechselnden Projekten prüft der Berater die Sicherheit von OnlineBanking-Systemen, sichert Firmennetzwerke gegen den Zugriff Unautorisierter oder spürt interne Hacker auf: "Daß frustrierte Mitarbeiter ihren eigenen Arbeitgeber heimlich als Hacker heimsuchen, geschieht häufiger als man glaubt. Wir helfen dann, den Missetäter aufzuspüren."

Auch an einem Projekt zur Sicherheitsprüfung an den neuen elektronischen Briefmarken der Post war Marcel Knop beteiligt. "In meinem Job geht es dauernd um etwas anderes, ständig muß man sich schnell in die kompliziertesten Sachverhalte einarbeiten", erzählt der Consultant. "An einem Tag sitzt man vor kleinen Handgeräten, am anderen prüft man gigantische Netzwerke." Weil der größte Markt für sein Fachgebiet bei den Banken liege, arbeitet Marcel Knop die meiste Zeit in Frankfurt oder im Rhein-Main-Gebiet. "Nur etwa zehn Tage im Monat bin ich unterwegs. Das ist für die Branche recht selten", so Knop. Um den begehrten Nachwuchs zu binden, locken die Top-Arbeitgeber der Branche mit zahlreichen Angeboten zur beruflichen Weiterentwicklung. Zum Beispiel mit Programmen für Doktoranden und MBA-Anwärter. Für Junior Consultant Julia Hörauf war ein solches Programm auch der ausschlaggebende Grund, im vergangenen März bei Roland Berger Strategy Consultants einzusteigen. "Am Promotionsprogramm möchte ich auf jeden Fall teilnehmen", sagt die 25jährige. "Gerade für Ingenieure bietet die Beraterbranche mit ihren Weiterbildungsmöglichkeiten viele Chancen, Wissen zu erwerben, das über technisches Know-how hinausgeht."

An der Uni Karlsruhe und in Sevilla hat Julia Hörauf Wirtschaftsingenieurwesen mit dem technischen Schwerpunkt Telematik studiert. Bereits nach ihrem Grundstudium absolvierte sie ein Praktikum bei Roland Berger und war von der Unternehmenskultur fasziniert. "Mir gefiel vor allem die Vielseitigkeit der Aufgaben und die Möglichkeit, früh Verantwortung übernehmen zu können", erzählt die Beraterin. Ihren Job beschreibt sie einerseits als "Feuerwehr", die gerufen wird, wenn es in einem Unternehmen brennt, und andererseits als "Wegbereiter für die Zukunft", wenn es beispielsweise gilt, die Strategieentwicklung voranzutreiben. "Aktuell unterstützen wir einen Klienten bei der Steuerung eines Projektes in der Informationstechnik", berichtet Hörauf. Aus Rücksicht auf den Kunden könne sie keine genaueren Angaben machen. "Aber eines ist sicher: Es handelt sich um eines der größten IT-Projekte Europas."

„Alle Neueinsteiger lernen bei uns durch ein 14tägiges Kick-off-Seminar Unternehmenskultur, Arbeitsweise und die zukünftigen Kollegen kennen."

Ihr Studienwissen sei ihr auch in diesem Fall von großem Nutzen. Immer wieder wird Julia Hörauf aber auch mit Aufgaben konfrontiert, die Fähigkeiten über das akademische Know-how hinaus verlangen: "Zum Beispiel zählt die Mitarbeit bei internationalen Großprojekten zu den besonderen Herausforderungen, die den Beruf so spannend machen." Der Umgang mit Menschen sei das A und O in der Unternehmensberatung. Über lange Zeit arbeite man in Teams eng zusammen, müsse immer wieder neu auf unterschiedliche Anforderungen und Unternehmenskulturen eingehen: "Das ist nichts für Einzelgänger." Roland Berger setzt auch die jungen Berater gezielt auf internationalen Projekten mit unterschiedlichem Branchenfokus ein. "Bei uns können sie auf diese Weise wertvolle Erfahrungen sammeln und on-the-Job ihr Wissen erweitern", sagt HR Senior Expert Katja Monschau. "Wir geben den Nachwuchsberatern alle Instrumente an die Hand, die sie für den Einstieg brauchen. Bei einem 14tägigen Kick-off-Seminar lernen die Neueinsteiger unsere Unternehmenskultur, Arbeitsweise und die zukünftigen Kollegen kennen." Exzellente Studienleistungen, mehrmonatige Auslandserfahrung, mehrere anspruchsvolle Praktika sowie sehr gute Englischkenntnisse werden laut Monschau bei Roland Berger vorausgesetzt.

"Mit dem Job in der Strategieberatung entscheidet man sich für einen besonderen Lebensstil", sagt Junior Consultant Julia Hörauf. "Die Projektarbeit ist häufig sehr zeitintensiv." Für ihr aktuelles IT-Projekt pendele sie zwischen München und Berlin, 14 Stunden Tagesarbeitszeit seien da nicht ungewöhnlich. Bei langen Arbeitszeiten und hohem Erfolgsdruck rät Dr. Wolfgang Lichius vom BDU, sich an die alte Tugend Fleiß zu halten: "Für die Branche sollte man sein Studium schnell abgeschlossen haben und mit außergewöhnlichem Engagement zur Sache gehen. Anders geht es nicht." Allerdings müßten sich auch die Unternehmen darauf einstellen, daß sich ein regelrechter Mangel an qualifizierten Bewerbern bereits abzeichne. "Die demographische Entwicklung führt dazu, daß wir in sechs bis acht Jahren wieder einen ,War for talents' haben werden."

Weitere Informationen unter:

Text: Hochschulanzeiger Nr. 74, 2004
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor