20. Dezember 2009

Mobilitätsmuffel

Auslandsstudium: Warum der Aufwand lohnt

Von Mischa Täubner



29. September 2009 Die neuen Studiengänge sind häufig so überfrachtet, dass sie wenig Zeit für Studienaufenthalte in der Ferne lassen. Die meisten Bachelorstudenten bleiben daher lieber zu Hause. Ein Fehler: Denn Auslandsaufenthalte sind auch im Bologna-Zeitalter möglich - und für den Berufseinstieg, die weitere berufliche Karriere und die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit von unschätzbarem Wert.

Wenn man hört, was Erik Hille während seines Studiums alles gemacht hat, könnte man den Eindruck gewinnen, es handle sich um einen dieser Bummelstudenten alten Schlags. Um einen Menschen, der die Studienzeit in vollen Zügen genießt. Und auf die Frage nach der Anzahl seiner Semester antwortet: „Irgendwo im zweistelligen Bereich.“ Hille hat während seines Studiums nicht nur das ein oder andere Praktikum absolviert, sondern war gleich viermal für mehrere Monate im Ausland - in den USA, in Vietnam, China und Korea. Trotzdem ist er alles andere als ein Langzeitstudent. Mit 19 hat er angefangen zu studieren, heute ist er 24 und seit einigen Monaten berufstätig. Er hat seinen Bachelor in Business Studies in Economics an der Uni Halle/Wittenberg absolviert und dann einen Management-Master an der Handelshochschule Leipzig drangehängt. Zwischen seinem Masterabschluss im Juni dieses Jahres und dem ersten Arbeitstag bei einem Gasimporteur lagen gerade mal vier Wochen.

Kein Punkteverlust: Florian Capito (ganz rechts im Bild) hat durch sein Auslandssemester in Schweden weder Zeit noch Credit Points verloren.

Werdegänge wie der von Hille dürften den 29 europäischen Bildungsministern vor Augen geschwebt haben, als sie 1999 im italienischen Bologna die Erklärung zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulsystems unterzeichneten. Eines der Hauptanliegen der Reform war, dass die Studenten durch die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge unkompliziert und ohne viel Zeit zu verlieren an eine Uni im Ausland wechseln können. Die Mobilität sollte kräftig angekurbelt werden. Doch erreicht hat man das Gegenteil. Die Statistik belegt, dass in den meisten Bachelorstudiengängen viel weniger Studenten ins Ausland gehen als in den Diplom- und Magisterstudiengängen.

Im Bologna-Zeitalter sind Kosmopoliten wie Erik Hille leider die Ausnahme. Sein Beispiel zeigt aber, dass Auslandsaufenthalte in der Bachelor-Master-Struktur durchaus möglich sind - und nach wie vor sehr nützlich.

Globetrotter: Als Student wollte Erik Hille neben Hörsälen und Büchern auch noch was von der Welt sehen. Zum Beispiel Hanoi, wo diese Aufnahme entstand.

Seine Trips in die Ferne seien nicht nur ein Trumpf in der Bewerbung gewesen, sondern auch in seinem Berufsalltag von großem Nutzen, da er viel mit ausländischen Geschäftspartnern zu tun habe, sagt Hille. Vor allem aber dienten sie der eigenen Entwicklung. „Man macht Erfahrungen fürs Leben.“

Ein Plus im Lebenslauf, viele Vorteile in der Arbeitswelt und eine reifere Persönlichkeit - warum lassen sich das so viele Studenten entgehen? „Man spürt den Druck, im vorgesehenen Zeitrahmen zu bleiben“, begründet Isabel Berger ihre Entscheidung, während des Bachelors nicht ins Ausland zu gehen. Die Biologiestudentin aus Regensburg hat am Anfang ihres Studiums einen Studentenplan bekommen, auf dem steht, was vom ersten bis zum sechsten Semester zu tun ist. „Ein straffes Programm. Da gibt es keine Freiräume für einen Abstecher ins Ausland.“ Ähnliche Klagen sind von vielen Studenten zu hören. Und auch die aktuelle Studie des Hochschulinformationssystems zur Auslandsmobilität deutscher Studenten bestätigt: Der befürchtete Zeitverlust im Studium ist eine der wichtigsten Mobilitätsbremsen. 49 Prozent der Befragten sehen darin ein ausschlaggebendes Motiv für den Verzicht auf den Auslandsaufenthalt. Nur Finanzierungsprobleme (67 Prozent) und die Bindung an Partner und Familie (52 Prozent) werden noch häufiger genannt.

Hürden, die Bundesbildungsministerin Annette Schavan nun ausräumen will. Sie hat sich vorgenommen, die internationale Mobilität deutlich zu steigern. Mittelfristig soll jeder zweite Student im Erststudium Auslandserfahrungen sammeln. Ein ambitioniertes Vorhaben: Heute leistet sich nur jeder vierte Student einen Abstecher in ein anderes Land, von den Bachelorstudenten nicht mal jeder sechste. Um ihrem Ziel näher zu kommen, finanziert die Bundesregierung Programme zur Förderung von Studiengängen mit integrierten Auslandsaufenthalten und auch solche mit Doppelabschlüssen.

Auch Schavan hat erkannt, dass die überfrachteten sechssemestrigen Bachelorstudiengänge die Mobilität bremsen. In einem Modellprogramm fördert die Bundesregierung daher achtsemestrige Bachelorstudiengänge, die eine einjährige Auslandsphase einschließen. In einer globalisierten Welt seien für die Hochschulen und die Wissenschaft, die Wirtschaft und Gesellschaft Deutschlands Studenten und Absolventen mit internationalen Erfahrungen immer wichtiger, heißt es als Begründung in einer gemeinsamen Mitteilung des Bundesbildungsministeriums und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD).

Die Unternehmen sehen das genauso. „Ein Auslandsaufenthalt hat einen großen Wert“, sagt etwa Frank Becker, Bildungsexperte bei Siemens. Die vertieften Fremdsprachenkenntnisse seien gar nicht der entscheidende Aspekt. „Die Studenten erweitern im Ausland ihren Gesichtskreis. Sie lernen, selbständig zu handeln und ihre eigenen Positionen zu relativieren. Das sind Schlüsselfunktionen, denen im Verlauf einer beruflichen Karriere eine immer höhere Bedeutung zukommt.“ Als Sprecher des Arbeitskreises Ingenieurausbildung im Zentralverband Elektrotechnik und Elektroindustrie (ZVEI) hat Becker untersuchen lassen, was Unternehmen heute von Ingenieuren verlangen. Eines der Studienergebnisse ist: Auslandserfahrungen während des Studiums werden als sehr wichtig eingeschätzt. „Nicht nur die Konzerne legen großen Wert darauf, sondern auch kleinere Unternehmen“, sagt Becker. Denn wer sich als Student im Ausland zurechtgefunden habe, bewege sich auch später als Arbeitnehmer auf internationalem Parkett viel sicherer. „Global agierende Mittelständler brauchen Leute mit interkultureller Kompetenz.“ Besorgniserregend findet Becker daher, dass die in Technologiefirmen gefragten Studenten der Ingenieurwissenschaften, der Mathematik und der Naturwissenschaften die größten Mobilitätsmuffel sind.

„Nicht nur die Konzerne legen großen Wert darauf, sondern auch kleinere Unternehmen“.

Der Sinn eines Auslandsaufenthaltes steht außer Frage. Wie aber können Studenten einen solchen trotz der enormen Arbeitsbelastung im Bachelor realisieren? „Die Studenten sollten sich von dem Druck lösen, das Studium in sechs Semestern durchziehen zu müssen“, sagt Siemens-Manager Becker. Zielstrebigkeit sei zwar gut, aber zum Ziel gehöre eben nicht nur ein in maximaler Geschwindigkeit erreichtes Zertifikat, sondern auch ein weiter Horizont. Ein Auslandsaufenthalt sei eine sinnvolle Investition - auch wenn er das Studium um ein oder zwei Semester verlängere. Becker empfiehlt, nicht schon im ersten Studienjahr loszuziehen, sondern zunächst an der Heimatuni zu erkunden, ob einem das Studium überhaupt zusagt.

Ganz abgesehen vom Wert eines Auslandsaufenthaltes kostet er auch nicht zwangsläufig Zeit. Florian Capito beispielsweise war insgesamt ein Jahr im schwedischen Lund - und absolvierte seinen Bachelor trotzdem in der vorgegebenen Frist. Möglich war das, weil dem Studenten der Molekularbiologie an seiner Heimatuni Mainz alle in Schweden erbrachten Leistungen voll angerechnet wurden. Sogar die Bachelorarbeit, die er spontan bei einem schwedischen Professor geschrieben hat, hat man in Mainz akzeptiert. „Das lief alles glatt - obwohl mir vorher keiner garantieren wollte, dass das klappt.“

Die internationale Vergleichbarkeit der Studienleistungen gehört zu den zentralen Prinzipien der Bologna-Reform. Das European Credit Transfer System (ECTS) soll sicherstellen, dass beispielsweise für den Bachelor in Paris der gleiche Aufwand nötig ist wie für den in Passau. Dennoch verläuft die Anerkennung von auswärts erbrachten Leistungen häufig nicht so reibungslos wie im Fall Florian Capito. Denn viele Fachbereiche erwarten von ihren Studenten, dass sie Veranstaltungen besuchen, die exakt in das Profil des eigenen Studiengangs passen. Schreibt etwa eine Universität für ein Politikstudium ein Seminar zur Globalisierung vor, muss man auch im Ausland ein Seminar zur Globalisierung belegen. Eine Veranstaltung über Friedensforschung reicht für die Anerkennung der Leistung nicht aus - auch wenn sie genauso viele Punkte bringt. „Man sollte daher unbedingt vor der Abreise klären, ob und in welchem Umfang die ausgewählten Kurse der Gastuniversität zu Hause anerkannt werden“, sagt Birgit Weiß, Leiterin der Abteilung Internationales an der Uni Mainz.

Zeitverluste lassen sich noch auf andere Weise vermeiden. Erik Hille hat seine Auslandsaufenthalte teilweise in die Semesterferien gelegt. Im Sommer 2008 war er für ein dreimonatiges Praktikum bei der Unternehmensberatung Roland Berger in Shanghai - genau zu jener Zeit, als dort die olympischen Spiele ausgetragen wurden. Auch in den USA und Vietnam war er jeweils nur für drei Monate. „Das ist ein guter Zeitraum“, sagt Hille rückblickend. Nach drei Monaten habe man sich eingelebt. Danach beginne die Wohlfühlphase. „Und bekanntlich sollte man immer gehen, wenn es am schönsten ist.“ Dass ein Auslandsaufenthalt nicht immer ein oder zwei Semester dauern müsse, bestätigt auch Siemens-Manager Becker. „Wichtig ist, dass man die Zeit gut nutzt.“ Ein Auslandspraktikum würde von vielen Personalchefs noch höher bewertet als ein Semester an einer ausländischen Uni - „weil man so neben der anderen Kultur auch noch die Wirtschaft hautnah miterlebt und wertvolle berufliche Kontakte knüpft.“

Möglich ist freilich auch, erst nach dem Bachelor ins Ausland zu gehen. Das hat den Vorteil, dass man sich während des Bachelors ganz auf das Studium konzentrieren kann. Und den Nachteil, dass man nach dem Abschluss keinen Studentenstatus mehr hat - und damit nicht die Möglichkeit, sich für eines der vielen Förderprogramme wie etwa Erasmus zu bewerben.

Aber auch in der Masterphase lassen sich gut Auslandserfahrungen sammeln. Der Paderborner Chemiestudent Roman Hillebrand beispielsweise plant, nach dem Bachelor den gesamten Master in den USA zu machen. Und Florian Capito will wieder nach Schweden. „Die Betreuung ist besser als in Deutschland, und Studiengebühren gibt es auch keine.“

Was viele Studenten nicht wissen: Es gibt, vor allem in den osteuropäischen Ländern, viele Unis, die Masterstudiengänge in deutscher Sprache anbieten. Wer sich dafür entscheidet, kann ohne Sprachbarrieren studieren und gleichzeitig Auslandserfahrungen sammeln. Empfehlenswert sind darüber hinaus Studiengänge, in deren Programm eine Auslandsphase integriert ist. Im Zuge der Bologna-Reform wurden viele solcher Studiengänge ins Leben gerufen, und zwar in den unterschiedlichsten Varianten. So gibt es etwa binationale und trinationale Studiengänge (siehe eine Auswahl auf Seite 12). Cornelia Müller hat nach dem BWL-Studium den einjährigen Aufbaustudiengang „Interkulturelle Japankompetenz“ der Uni Tübingen belegt. „Um meinen Lebenslauf zu internationalisieren“, wie sie sagt. Das erste Semester fand in Tübingen statt, das zweite im japanischen Kyto.

„Eine tolle Erfahrung. Man schärft die Sinne, erweitert den Horizont und baut ein Netzwerk auf, von dem man noch lange profitiert“, zieht Cornelia Müller Bilanz. Nach dem Studium blieb sie zunächst in Kyto, um für eine Personalberatung zu arbeiten. Den Kontakt zu dem Unternehmen hatte eine japanische Kommilitonin hergestellt.

Die Fälle Erik Hille, Florian Capito und Cornelia Müller beweisen, dass es viele Möglichkeiten gibt, Auslandserfahrungen zu sammeln. Und ebenso vielfältig sind die Finanzierungswege. Ob Kurztrip, Praktikum, Semester- oder Jahresaufenthalt - für alles existieren Förderprogramme, von denen viele Studenten gar nichts wissen (siehe Auflistung auf Seite 18). Sogar die Auslandsrecherche für die Abschlussarbeit kann man sich unter bestimmten Voraussetzungen vom DAAD bezuschussen lassen.

Ein effektiver Auslandsaufenthalt muss gut durchdacht und vorbereitet sein. Birgit Weiß von der Uni Mainz empfiehlt, schon im ersten oder zweiten Semester mit den Planungen zu beginnen. „Der Aufwand lohnt sich.“

So organisieren Sie Ihren Auslandsaufenthalt

Alles im Griff: „Viele Studenten fangen viel zu spät an, ihr Auslandssemester vorzubereiten“, sagt Alexandra Michel von der Organisation College Contact. „Man sollte schon im ersten oder zweiten Semester mit dem Organisieren beginnen.“ Hier ein Zeitplan, der garantiert vor bösen Überraschungen schützt.

18 Monate vorher: Grundlegende Fragen stellen Was soll der Aufenthalt bringen? Welche Länder kommen in Frage? Wie lange will ich bleiben? Bin ich bereit, eine Verlängerung des Studiums in Kauf zu nehmen, oder muss sich der Auslandsaufenthalt nahtlos in den Studienplan einfügen? Wann passt der Auslandsaufenthalt am besten in das Studium?

15 Monate vorher: Informationen sammeln Sind die ersten Fragen geklärt, lassen sich gezielter Informationen sammeln. Welche Kooperationen mit ausländischen Hochschulen gibt es an der Heimatuni? Welche passen am besten zum eigenen Fach? Wer bietet Auslandspraktika an und zu welchen Konditionen? Welche Förderprogramme gibt es, und welche Bewerbungsfristen müssen eingehalten werden? Wann muss man sich spätestens an der Zielhochschule bewerben und anmelden? Ist vor Studienaufnahme eine Sprachprüfung abzulegen? Unter welchen Bedingungen kann man vor Ort einen Sprachkurs belegen?

12 Monate vorher: Finanzierung klären Steht skizzenhaft der Plan für den Auslandsaufenthalt, geht es an die Umsetzung. Zunächst müssen Zeugnisse, Gutachten und Motivationsschreiben für die Bewerbung an der Uni und für ein Förderprogramm eingeholt werden. Reicht das Förderprogramm, um den Auslandsaufenthalt inklusive Studiengebühren, Lebensunterhalt, Anreise zu bezahlen, oder muss ich weitere Quellen anzapfen? Man sollte sich in jedem Fall erkundigen, ob man berechtigt ist, Auslands-Bafög zu beziehen, und sich spätestens sechs Monate vorher bewerben.

9 Monate vorher: Absprachen treffen Man sollte vor der endgültigen Entscheidung für den Aufenthalt klären, welche Leistungen anerkannt werden. Obwohl die Credit Points eingeführt wurden, um Noten international vergleichbar zu machen, erkennen viele deutsche Hochschulen die im Ausland erworbenen Punkte nicht an. Ein sogenanntes „Learning Agreement“ beugt einer bösen Überraschung nach der Heimkehr vor. Dafür sucht sich der Student zunächst an der Zieluni passende Kurse aus und bespricht dann mit einem Vertreter des Fachbereichs an der Heimatuni, mit welchen Modulen die Kurse vergleichbar sind und wie viele Credit Points dafür vergeben werden.

3 Monate vorher: Reisevorbereitungen treffen Brauche ich ein Visum? Wer ein Praktikum macht, muss sich möglicherweise eine Arbeitserlaubnis besorgen. Welche Unterkünfte gibt es? Brauche ich eine Auslandskrankenversicherung? Welche Impfungen benötige ich, und welche Medikamente nehme ich mit? Brauche ich eine Kreditkarte? Einen Auslandsführerschein? Wo erhalte ich einen internationalen Studentenausweis?

Text: Hochschulanzeiger Nr. 104, 2009, Seite 10
Bildmaterial: privat
 
 
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