11. Oktober 2008

Kostbare Exoten

Die Wirtschaft will Querdenker

Von Christina Kestel




12. Mai 2008 
Die Erfahrung hat gezeigt: Geisteswissenschaftler tragen erheblich zum wirtschaftlichen Erfolg bei. Kein Wunder also, wenn sie zum Objekt der Begierde vieler Personaler werden.

Geisteswissenschaftler sind in deutschen Unternehmen gefragt. Mit ihrem breiten Wissen, ihrer sozialen Kompetenz und ihrer Fähigkeit, über den Tellerrand hinauszuschauen, sind sie vor allem in global tätigen Unternehmen eine attraktive Alternative zu den vergleichsweise einseitig ausgebildeten BWLern oder Juristen. Geisteswissenschaftler werden in der Wirtschaft vor allem da eingesetzt, wo es auf analytische und kommunikative Kompetenzen ankommt. Dazu gehören Public Relations, Marketing, Vertrieb und Kundenbetreuung, aber auch die EDV.

Nach einer aktuellen Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln unter international aufgestellten Unternehmen beschäftigt derzeit ein Drittel Geisteswissenschaftler, wenn auch noch in einstelligen Prozentbereichen. Doch die Personaler sind zufrieden mit ihren „Exoten“ - ihr Beitrag zum Unternehmenserfolg wird hoch eingeschätzt, davon sind zumindest drei Viertel überzeugt. „Wir brauchen Mitarbeiter, die quer zu den Disziplinen denken. Ein Theologe, der nach seinem Studium als Vikar gearbeitet und sich mit Lebensproblemen verschiedenster Art auseinandergesetzt hat, kann gerade aufgrund dieser Erfahrungen beispielsweise für den Bereich Human Resources hervorragend geeignet sein“, sagt Norbert Meyer, Leiter der Rekrutierung Hochschulabsolventen von BASF SE.

Doch für Geisteswissenschaftler fallen die guten Stellen nicht vom Himmel - im Gegenteil. Historiker, Philosophen und Sprachwissenschaftler müssen bis zum ersten Job viel mehr leisten als ihre Konkurrenten aus den Wirtschafts- und Jurastudiengängen. Ihnen fehlen von Haus aus nicht nur die harten und bei den Arbeitgebern so beliebten Faktoren wie BWL-Kenntnisse. Geisteswissenschaftler stehen darüber hinaus unter ständigem Rechtfertigungszwang und müssen sozusagen den Beweis erbringen, dass sie keinesfalls vergeistigt, sondern durchaus auch praktisch veranlagt und tauglich für die Wirtschaft sind.

Dass man als Geisteswissenschaftler besonders gefordert ist, etwas für seine berufliche Qualifizierung zu tun, wusste auch Nina Cieslak, als sie ihr Romanistikstudium an der Universität München aufnahm. Sie belegte zusätzlich BWL im Nebenfach und löste damit ihre erste Eintrittskarte in die Welt der Wirtschaft. Die weiteren sammelte sie über insgesamt acht Praktika - etwa bei der Uno, der Deutschen Botschaft in Bangkok, Roland Berger oder Siemens. „Ich wollte austesten, was ich wirklich möchte, und auf diesem Weg einen Fuß in die Tür bekommen“, sagt Cieslak. Ihre Umtriebigkeit hatte Erfolg. Kurz vor dem Examen bekam sie über die Plattform E-Fellows.net eine Einladung der Deutschen Bank zu einem Private-Wealth-Management-Workshop. Mit dem Magisterabschluss in der Tasche fand sich die heute 27-Jährige schließlich im Traineeprogramm der Deutschen Bank wieder und verwaltet heute als Private-Wealth-Managerin das Vermögen wohlhabender Südamerikaner.

Fit für die Praxis macht die Deutsche Bank ihren Nachwuchs in einem einjährigen Traineeprogramm mit Stationen in London und zwei weiteren Niederlassungen. Wie die Bank Ende 2007 bekanntgab, sollen für den Traineejahrgang 2008 über 200 Hochschulabsolventen rekrutiert werden - darunter auch Geisteswissenschaftler. Großer Wert wird auf Praktika gelegt, Auslandserfahrungen sind ein Muss und fließendes Englisch inzwischen eine Selbstverständlichkeit.

Quereinsteiger sind auch bei der Commerzbank willkommen, die dieses Jahr insgesamt 280 Trainees einstellen möchte. Die Bank sucht vielseitige Leute, solche, die etwa neben Büchern zur Bankbetriebslehre auch Goethes Faust auf dem Nachttisch liegen haben. Übergreifendes Denken ist gefragt, und das zeichnet ja gerade Geisteswissenschaftler aus. In den Anforderungsprofilen der Banken finden sich noch weitere Soft Skills, mit denen Historiker, Sprachwissenschaftler oder Philosophen wuchern können: Eigenständigkeit, ausgeprägte analytische und kommunikative Fähigkeiten, sehr gute Allgemeinbildung, Urteilsvermögen, geistige Flexibilität, Neugierde
und Fremdsprachenkenntnisse. Warum Unternehmen so viel Wert auf Soft Skills legen und sich daher für Geisteswissenschaftler interessieren, lässt sich vereinfacht so erklären: Wer einen Roman analysieren kann, so das Kalkül, erkennt auch in einem Geschäftsbericht, was zwischen den Zeilen steht. Wer als Philosoph die Theorien über Zufriedenheit und Glück studierte, geht bedachter mit Kunden um.

Bei der BASF sind Geisteswissenschaftler zwar noch selten - gerade einmal 129 von insgesamt 32.706 Beschäftigten sind beim Ludwigshafener Chemieriesen im Einsatz - doch sollen es in den kommenden Jahren deutlich mehr werden. Hochschulabsolventen gelingt der Einstieg über das Training-on-the-job-Programm oder ein Volontariat. Es besteht zudem die Möglichkeit, während des Studiums an einem zweitägigen Planspiel teilzunehmen, in dem sich alles um betriebswirtschaftliche Grundlagen dreht. Dort wird der Romanist zum Vorstandschef, die Germanistin erstellt Bilanzen oder der Historiker kümmert sich um den Einkauf von Rohstoffen.

Um Studenten der Geisteswissenschaften an die Wirtschaft heranzuführen, bietet die Leibniz Universität Hannover seit elf Jahren ein zweisemestriges studienbegleitendes Programm mit dem Namen „Mit Leibniz zu Bahlsen“, das den Studierenden mittels wirtschaftlichen Grundkursen, Berufsfelderkundungsseminaren, Praktika und Trainings den Einstieg bei Unternehmen erleichtern soll.

Offen für Quereinsteiger zeigt sich auch die Branche der Unternehmens- und Personalberater. Vor allem in internationalen Großberatungen gehören Geisteswissenschaftler heute wie selbstverständlich zum Projektteam dazu. McKinsey rekrutiert jedes Jahr etwa 8 Prozent, bei der Boston Consulting Group (BCG) sind 7 Prozent der Beschäftigten Geisteswissenschaftler, Mediziner oder Juristen, die zum Einstieg das „Exotentraining“ - eine zweiwöchige betriebswirtschaftliche Grundausbildung - absolvieren. Die Beschäftigungsaussichten sind gut, die Branche sucht Hunderte neue Talente.

Laut dem Bundesverband Deutscher Unternehmensberater bringen Geisteswissenschaftler viele Fähigkeiten mit, die ein Berater braucht: Lernbereitschaft, Teamgeist, Problemlösungsfähigkeit ohne Zeitdruck, logisch-analytisches Denkvermögen, Kreativität und hohe Kommunikationsbereitschaft. Für Bolko von Oetinger, dem früheren Chef von BCG und heutigen Leiter des hauseigenen Strategieinstituts, sind assoziatives Denken und ungewöhnliche Sichtweisen wichtig. So lautet auch heute die Devise bei BCG: „Die Idee zählt mehr als der Titel.“ In der Tat spielt das Studienfach bei den Beratern eine sekundäre Rolle. Wichtiger sind sehr gute Noten, Soft Skills, Praktika, Auslandserfahrungen und fließendes Englisch. Die Anforderungen an Berater sind sehr hoch, und entsprechend aufwendig laufen die Einstellungsverfahren ab. Ersten Vorstellungsgesprächen per Telefon und persönlich folgen Assessment- Center. So sollen die besten Bewerber herausgefiltert werden, solche, die später als Berater den Unternehmenschefs auf Augenhöhe begegnen können. Und da haben auch ökonomisch interessierte und gebildete Geisteswissenschaftler durchaus eine Chance.

Große Wirtschaftsunternehmen, die Geisteswissenschaftler suchen:



BASF
Sucht:
Leute mit Know-how, Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Führungsqualitäten und Unternehmergeist
Einsatz: Personal, Inhouse Consulting oder Zentralabteilung Kommunikation (Volontariat) Bewerben: Bewerberpool Step-in,
http://www.karriere.basf.com

Commerzbank
Sucht:
kreative Köpfe, die eigenverantwortlich und selbständig denken und im Team handeln Einsatz: Private & Business Clients, Human Resources
Bewerben: http://www.commerzbank-karriere.de

Deutsche Bank
Sucht:
flexible Teamworker mit ausgeprägten analytischen Fähigkeiten, hohem Leistungsantrieb und Motivationskraft und Finanzaffinität
Einsatz: Private-Wealth-Management, Regional Management
Bewerben: http://www.db.com/careers

Boston Consulting Group
Sucht:
Köpfe mit eigenen Gedanken und jeder Menge Energie, ausgeprägter Analysefähigkeit Einsatz: (Junior-)Associate
Bewerben: https://onlineapplication.bcg.com

Bertelsmann
Sucht:
kreative Köpfe mit Unternehmergeist und der Fähigkeit, zukunftsfähige Geschäftsmodelle abseits eingetretener Pfade zu entwickeln
Einsatz: Redaktion, Anzeigen, Vertrieb, Controlling, Verlagsleitung
Bewerben: myfuture@bertelsmann.de

Capgemini Consulting
Sucht:
starke Persönlichkeiten, Teamplayer, Mitarbeiter, die neue Wege gehen und analytisch denken können
Einsatz: Management-Prozess-Beratung, Strategieberatung
Bewerben: karriere.de@capgemini.com

SEB
Sucht:
Leute mit Kreativität, Eigenständigkeit, Internationalität und Vertriebsstärke und analytischen und kommunikativen Fähigkeiten
Einsatz: Privatkundengeschäft, Firmenkundengeschäft
Bewerben: karriere@seb.de

Internettipp

Für die Chancen und Potentiale von Geisteswissenschaftlern in der Wirtschaft setzt sich Frank Walzel, Absolvent eines Magisterstudiums der Geschichte und Politik und Betreiber des Business-Weblogs unternehmensgeist.de, ein. Die Website lenkt den Blick auf Qualifikationen und Fähigkeiten, mit denen Geisteswissenschaftler in Wirtschaftsunternehmen Fuß fassen können, dokumentiert Veranstaltungen, Initiativen und Artikel zum Thema und bietet darüber hinaus ein Forum für alle, die diese Entwicklung mitgestalten wollen. Studenten und Absolventen geisteswissenschaftlicher Studiengänge erhalten hier eine Fülle von Informationen zu karriererelevanten Themen.
http://www.unternehmensgeist.de

Kompetenzen, mit denen Geisteswissenschaftler in Wirtschaftsunternehmen punkten können:

Managementkompetenz
> Analytisches Denken
> Verhandlungsgeschick
> Marketingfähigkeiten
> Durchsetzungsvermögen
> Fähigkeit zum Bewerten

Persönliche Kompetenz
> Flexibilität
> Gute Allgemeinbildung
> Sprachliches Ausdrucksvermögen
> Lernbereitschaft
> Kreativität

Soziale Kompetenz
> Kommunikationsfähigkeit
> Teamfähigkeit
> Kontaktfähigkeit
> Einfühlungsvermögen
> Kompromissfähigkeit

Fachlich-methodische Kompetenz
> Im Bereich Sprache
> Im Bereich EDV
> Im Bereich Recherche
> Im Bereich Forschung
> Im Bereich Redaktion

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, 2007

Text: Hochschulanzeiger Nr. 96, 2008, Seite 22
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor