12. Dezember 2009

Informationstechnologie

Risiko unter Kontrolle

Von Karin Leppin



19. Januar 2004 
Banken, Konzerne und Mittelständler müssen heute genau wissen, wo Risiken lauern. Experten für IT-gesteuertes Controlling und Risikomanagement helfen dabei, dies herauszufinden. Was müssen diese Experten tun, was müssen sie können und was hat ihre Arbeit mit Lego-Steinen zu tun?

Angenommen, seine heutige Arbeit sei wie die Planung ganzer Städte aus Lego-Steinen, dann hätte Thomas Schachner bei seinem Berufeinstieg damit begonnen, sich ein Steinchen ganz genau anzusehen. So jedenfalls beschreibt es Schachner, der bei SAP Software für Controlling und Buchhaltung entwickelt. Momentan arbeitet er als "Development Architect". Als solcher ist er für projektübergreifende Fragestellungen und Probleme zuständig: Er achtet darauf, daß die Softwaremodule paßgenau ineinander greifen, daß - bildlich gesehen - einzelne Lego-Häuser nicht im schiefen Winkel zueinander stehen oder die Straße blockieren. "Es darf für den Anwender keinen Bruch geben", erklärt Schachner.

Der Physiker kannte am Ende seines Studiums zwar die wichtigsten Programmiersprachen und für einen Job in einem Krankenhaus hatte er auch schon einmal einen SAP-Kurs mitgemacht - aber Ahnung von Controlling, Buchführung, BWL? "Die hatte ich nicht. Auch keine Praktika. Ich habe mich tatsächlich hauptsächlich für Physik interessiert", schmunzelt er. Eine Anzeige brachte ihn auf die Idee, sich bei SAP zu bewerben. Dort begann er, wie fast alle Einsteiger in der Softwareentwicklung, ein einzelnes der vielen Tausend SAP-Programme ganz genau kennenzulernen und mit diesem die Prozesse in den Kundenunternehmen. "Wenn man sieht, wie das Programm genutzt wird und welche Daten darüber laufen, begreift man auch, wie Unternehmen funktionieren", beschreibt Schachner. In seinem Fall war es ein Programm aus dem Rechnungswesen. Natürlich hat er in den ersten Wochen auch BWL-Literatur gelesen. Für die Kommunikation mit dem Kunden war es notwendig, dessen Sprache zu sprechen. Mit jedem Kundenanruf lernte er mehr über die Software, bald auch über verwandte Programme und über Buchführung und Controlling. Inzwischen hat er die verschiedenen Entwicklungsbereiche in der Walldorfer Firma kennengelernt. Er war Projektleiter, übernahm Aufgaben im Management und klettert jetzt weiter auf der SAP-Karriereleiter: Programmteile schreibt er nicht mehr selbst, sondern koordiniert die Entwicklerteams beim Bau der Lego-, nein, der Programmlandschaft. In den Bereichen Softwareentwicklung, Beratung und Vertrieb stellt SAP immer wieder qualifizierte Hochschulabsolventen ein. In der Softwareentwicklung arbeiten neben Wirtschaftsingenieuren und Wirtschaftsinformatikern vor allem Mathematiker und Physiker. "Auch wenn in der Entwicklung kein BWL-Studium notwendig ist, so sind Kenntnisse über betriebswirtschaftliche Prozesse und damit eine gewisse Affinität zur BWL unverzichtbar", erklärt Steffen Laick, Recruitment Consultant im Bereich Personalmarketing bei SAP. Durch die hohe "Innovationskultur" bei SAP und den verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten können später auch Aufgaben im Projektmanagement oder Consulting übernommen werden. Auch die Studenten von Professor Gerhard Schwabe von der Universität Zürich übernehmen nach ihrem Abschluß in Wirtschaftsinformatik sehr unterschiedliche Aufgaben. Nur ein kleiner Teil entwickelt Software von Grund auf neu. Der größte Teil der Arbeit an Programmen heißt inzwischen "customising" und "integration", das heißt Anwendung und Anpassung bestehender Software für Betriebe. "Für diese beiden Aufgaben müssen die Kenntnisse in BWL und Informatik unterschiedlich stark ausgebildet sein", so Schwabe.

„Es ist heute möglich unheimlich viele Daten über Kunden zu sammeln - aber was macht man mit diesen Daten?“

"Dennoch ist es ideal, wenn beide Schwerpunkte stark an einer Uni vertreten sind, sonst wird man leicht zum Hilfsinformatiker oder Hilfsbetriebswirt." Die Integration solle durch mindestens einen ausgewiesenen Wirtschaftsinformatiker sichergestellt sein, sonst stünden BWL und Informatik unverbunden nebeneinander und später im Beruf fehlte diese Ausbildung, begründet Schwabe. Ein wichtiges Arbeitsfeld für gut ausgebildete Informatiker und Wirtschaftsinformatiker sieht er unter anderem im Bereich "Data Mining". "Es ist heute möglich unheimlich viele Daten über Kunden zu sammeln - aber was macht man mit diesen Daten? Wie kann man sie im Sinne des Unternehmens nutzen?" faßt er die wichtigsten Fragen zusammen. Dies ist im Bereich Controlling hoch relevant.

Weiteren Bedarf an IT-Experten mit Wirtschaftskenntnissen gibt es bei den Banken und Versicherungen. Dort hat sich noch keine Standardsoftware durchgesetzt. In dieser Branche arbeitet die ifb AG aus Köln. Sie war ursprünglich als Beratungsunternehmen in den Markt getreten und entwickelt seit 1995 Software für Banken und Versicherungen. Damit kontrollieren und steuern diese Risiken und Geschäftsergebnisse. "Risiko-Controlling ist ein extrem wichtiger Punkt für Banken und Versicherungen geworden", erklärt Steffen Hortmann, Mitglied der Geschäftsführung bei der ifb AG. Nicht nur im Investment-Banking müssen diese schon vor dem Vertragsabschluß Risiken und Folgen so genau wie möglich abschätzen können - überall seien die Risiken im Geschäft größer geworden.

„Wenn ein Produktmanager mit zum Kunden möchte oder ein Berater konzeptionelle Ideen hat, unterstützen wir das.“

Solche Software kann nur entwickelt werden, wenn in den Teams neben Informatikern auch Wirtschaftsprofis sitzen. "Zu unserem Traum-Profil gehört es, daß die Bewerber die Sprache der Informatiker verstehen und sich in Software hineindenken können. Gleichzeitig sollen sie betriebliche Prozesse kennen", so Hortmann. In drei Bereichen des Unternehmens kommen ganz unterschiedliche Absolventen zum Einsatz: Im Consulting sind es fast ausschließlich Kaufleute. Am wichtigsten für sie ist es, daß sie wissen, was der Kunde erwartet und dies dem Entwickler klar machen können. Im SAP-Banking der ifb AG haben auch Naturwissenschaftler gute Chancen. "Unsere Erfahrung zeigt, daß sie besonders strukturiert denken können", so Hortmann. In der Softwareentwicklung sind schließlich neben den Informatikern und Wirtschaftsinformatikern erneut Betriebswirte gefragt. "BWLer setzen wir als Produktmanager ein. Sie arbeiten dann eng verzahnt mit den Consultants." Überhaupt seien die Bereiche unter den 100 Mitarbeitern nicht streng aufgeteilt, betont Hartmann. "Wenn ein Produktmanager mit zum Kunden möchte oder ein Berater konzeptionelle Ideen hat, unterstützen wir das."

Ein Problem, bei dem Controller Hilfe durch Software brauchen, ist die Arbeit mit großen Datenmengen. Aus allen Unternehmensbereichen laufen Stückzahlen, Kostenpläne und Verkaufsmengen als endlose Datenkolonnen zusammen. Controller müssen daraus übersichtliche Berichte für das Management machen. Die Firma humanIT entwickelt und vertreibt für diese Aufgabe die Analysesoftware InfoZoom. Die kleine Firma ist ein Spinn-off des ehemaligen GMD Forschungszentrums Informationstechnologie, heute Fraunhofer Gesellschaft. Weder die fünf hochqualifizierten Wissenschaftler, die die Firma gegründet haben, noch die Software hatten bis dahin viel mit Betriebswirtschaft zu tun. "Wir haben die Standardsoftware aus der Forschung auf betriebliche Prozesse anwendbar gemacht und uns dadurch - und natürlich bei der Firmengründung - auch selbst tiefere BWL-Kenntnisse angeeignet", erinnert sich Matthias Möseler, Geschäftsführer der humanIT Software GmbH. Heute sind die Mitarbeiter der jungen und stetig wachsenden Firma mit der Weiterentwicklung und dem Vertrieb beschäftigt. Vom Mathematiker bis zum Marketingspezialisten werden dafür unterschiedlichste Fachleute eingesetzt. "Dabei legt man auf praktische Erfahrungen großen Wert, denn wer bei einem Praktikum oder bei einer praxisorientierten Diplomarbeit den ein oder anderen Baustein schon einmal näher betrachtet hat, der überblickt eben später leichter, wie die Gesamtstruktur ineinander greift.

Weitere Informationen unter:

www.humanit.de

www.sap.com

www.ifbag.com

Text: Hochschulanzeiger Nr. 70, 2004