12. Dezember 2009

Karriere mit Kind

Wie die Beraterbranche Frauen lockt

Von Anne Jacoby




21. März 2005 
Es gibt viele brillante Köpfe unter den Absolventinnen, die die Consultants dringend in ihren Reihen brauchen. Die Frauen aber haben offenbar wenig Lust auf den Beraterjob: Es steigen nicht viele ein, und sehr viele steigen früh wieder aus. Warum das so ist und was die Beratungen dagegen tun wollen.

Consulting ist eine Männerbranche - und darunter leidet das Geschäft. „Frauen bringen uns Mehrwert", weiß Katja Monschau, die bei Roland Berger für Personalmarketing zuständig ist. Gemischte Teams lieferten bessere Ergebnisse, weil Beraterinnen an viele Fragestellungen anders herangehen als ihre Kollegen. „Hier liegt Potential brach", unterstreicht auch Just Schürmann, der für Recruiting zuständige Partner bei der Boston Consulting Group (BCG). Und nicht nur das: Es gibt einfach nicht mehr genug gute Männer auf dem Markt, so Dr. Nina Wessels, Recruiting-Direktor bei McKinsey: „Die Anzahl erstklassig ausgebildeter Akademiker wird aufgrund der demographischen Entwicklung immer kleiner. Das Reservoir an Toptalenten ist folglich begrenzt." Das Beraterland braucht neue Frauen: Bei Roland Berger sind rund zwölf Prozent Frauen unter Vertrag, auf 20 Prozent soll der Anteil in den nächsten zwei Jahren wachsen. Bei McKinsey arbeiten 15 Prozent Beraterinnen, 35 Prozent sollen es werden. BCG beschäftigt immerhin 20 Prozent Frauen, sieht aber ein Potenzial von 30 Prozent.

„Frauen bringen Mehrwert.“

Allein, die Frauen wollen nicht. „Viele denken zunächst nicht an eine steile Karriere - erst recht nicht in einem kompetitiven Umfeld wie Beratung oder z.B. auch Investment Banking", weiß Berger-Personalerin Katja Monschau. Das bestätigt auch Martina Rissmann, erstes weibliches Mitglied des fünfköpfigen Management-Teams von BCG und dort verantwortlich für Personal: „Viele Mädchen treffen schon zu einem Zeitpunkt ihre Entscheidung gegen eine Karriere, zu dem sie noch gar nicht genug wissen." Durch die Wahl ihrer zumeist geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studienfächer, aber auch durch vorschnelle Annahmen darüber, welche Berufe sich mit der Mutterrolle verbinden lassen und welche nicht. „Wir haben eine Rückbesinnung auf traditionelle Rollenbilder in Deutschland", stellt Rissmann fest. „Andere EU-Länder sind da viel weiter." In Frankreich zum Beispiel sei es ganz normal, daß Mütter ihre Kinder in die Maternelle (Kinderkrippe) geben - niemand schimpfe sie „Rabenmütter". „Hier müssen Frauen sich sogar dann noch rechtfertigen, wenn sie auf dem Top-Level angekommen sind."

„Würden Frauen besser bezahlt, wäre auch die Kinderbetreuung kein Problem.“

„Frauen denken oft über eine Veränderung nach, wenn sie zwischen 28 und 30 Jahre alt sind und bereits als Projektmanagerinnen reüssiert haben", hat Katja Monschau bei Roland Berger beobachtet. Ähnlich ist es bei BCG: Viele Beraterinnen bekommen nach drei, vier Jahren ein Kind - wenn in der Regel die Beförderung zur Projektleiterin ansteht. Die Doppelveränderung, Aufstieg und Kind, ist nicht so leicht zu bewältigen. Und in etlichen Beratungshäusern steigen die Frauen an diesem Punkt aus. Daß mit dem ersten Kind der Karriereknick kommt, liegt grundsätzlich nicht unbedingt an der Familiengründung, sondern am niedrigeren Gehalt der Frauen in allen Branchen: „Würden Frauen besser bezahlt, wäre auch die Kinderbetreuung kein Problem", ist Sonja Bischof überzeugt, Hochschullehrerin für Betriebswirtschaft an der Universität Hamburg. Nicht nur die Industrie, auch Unternehmensberatungen zahlen Frauen durchschnittlich für die gleiche Arbeit weniger Geld, so eine Studie von http://www.personalmarkt. de. Ob Frauen in kleineren Unternehmen arbeiten, die weniger zahlen, ob sie andere Aufgaben wahrnehmen oder ob sie sich schlecht verkaufen, geht aus den Zahlen leider nicht hervor: Als Junior bekommen Beraterinnen im Schnitt 43.703 Euro, Berater indes 49.876 Euro. Beraterinnen auf dem Level des Senior Consultant verdienen im Schnitt 63.449 Euro, ihre Kollegen dagegen 80.630 Euro. Eine Fulltime-Kinderbetreuung können erst Partnerinnen (123.545 Euro) oder Partner (155.713 Euro) richtig locker finanzieren.

Zum Beispiel Bettina Orlopp, seit neun Jahren im Beraterjob und heute eine von fünf Partnerinnen bei McKinsey. Sie hat ihre erste Tochter bekommen, als sie bereits Partnerin war: „Ich war schon etabliert in meiner Rolle - und das war gut", stellt sie fest. Weil sie mehrere Projekte parallel betreut und nicht mehr für die Details, sondern für das Große, Ganze zuständig ist, muß sie nicht mehr Vollzeit beim Kunden vor Ort sein. Oft fliegt sie morgens ein und abends wieder zurück, manchmal legt sie zwischen ihren Projekten auch eine Pause ein. „Ich habe das Beste von zwei Welten: Mein Beruf macht Spaß. Ich mache genau das, was ich vorher gemacht habe, nur in einem etwas weniger großen Umfang. Und ich habe meine Familie", ist Orlopp zufrieden, die an der Uni Regensburg BWL studiert und hier auch ihre Promotion geschrieben hat. Daß sie als Teilzeitberaterin - das heißt an dreieinhalb Tagen in der Woche - die gleichen spannenden Aufgaben hat wie vorher, ist ihrer Einschätzung nach eine Besonderheit der Consulting-Branche. „In anderen Branchen ist es mit einem Teilzeitmodell oft nicht möglich, die Aufgaben unverändert fortzusetzen", schätzt Orlopp. Damit die Karriere weiterläuft, empfiehlt sie allerdings, nicht weniger als 50 Prozent zu arbeiten - lieber etwas mehr. Die Betreuung ihrer einjährigen Tochter hat sie perfekt organisiert: 40 Stunden in der Woche ist eine Kinderfrau im Haus.

„Manche Kolleginnen haben eine sehr hohe Arbeitsbelastung, wil sie Fleißkärtchen sammeln.“

"Eine absolut zuverlässige und professionelle Kinderbetreuung ist ganz entscheidend", betont auch Andrea Leifeld, Vice President bei BCG in Hamburg, seit 16 Jahren Beraterin und eine von sieben BCG-Partnerinnen. Nachbarinnen, Au-pair-Mädchen oder Schwiegermütter meint sie damit nicht. Leifeld hat für ihre drei kleinen Kinder eine ausgebildete Kindergärtnerin zu Hause angestellt, die, wenn es hart auf hart kommt, rund um die Uhr auf der Matte steht. "Dafür greifen wir richtig tief in die Tasche", sagt Leifeld. Die Beraterin arbeitet zwei Drittel - also zwei Drittel der Zeit, die die Kollegen arbeiten - ihr Mann ist ebenfalls bei BCG und hat eine 50 Prozent-Stelle. Der perfekten Organisation zum Trotz nimmt Andrea Leifeld Abstriche in Sachen Karriere in Kauf: "Ich muß mich zwingend fokussieren auf Kundenarbeit. Interne Positionen wie die Leitung eines Büros oder einer Praxisgruppe kann ich mit meiner kürzeren Arbeitszeit nicht übernehmen." Das kostet Ansehen, aber das ficht die auf Banken spezialisierte Diplominformatikerin nicht an: "Ich glaube, daß man als Beraterin die besten Chancen hat, sich zu beweisen und voranzukommen. Es geht nur nach Leistung", ist sie überzeugt.

Von Insiderinnen aber ist zu hören, daß Frauen beim Aufstieg "zu lange hingehalten werden" und "genervt sind vom Muskelspiel und politischen Ringelreihen" - und deshalb das Handtuch werfen. Wieder andere seien "nach drei bis vier Jahren Reisen und Streß einfach müde", nicht zuletzt, weil sie die Spielregeln der Karriere nicht kennen: "Manche Kolleginnen haben auch deshalb eine sehr hohe Arbeitsbelastung, weil sie Fleißkärtchen sammeln - die Kollegen delegieren oft besser", findet Carolin Griese, auch sie ist mit 30 Jahren bereits Projektmanagerin bei Roland Berger. Andere würden von der Industrie abgeworben, wieder andere zögerten vor dem nächsten Karriereschritt. "Auch für mich
war die nächste Etappe immer die schwerste: Da helfen Fleiß und Gelassenheit", sagt die Juristin.

Viele Unternehmensberatungen bieten heute flexible Teilzeitmodelle, die Möglichkeit, wochen- oder monatelange Auszeiten zu nehmen, Patinnenmodelle oder Frauennetzwerke, einige veranstalten auch extra Recruiting-Tage für Frauen. Aber ein Problem ihrer jungen Beraterinnen lösen sie nicht: Offizielle Angebote zur Kinderbetreuung gibt es in keinem Beratungshaus. Immerhin: Bei McKinsey wird dieses Thema "angedacht".

Weitere Informationen unter:

http://www.bcg.de http://www.mckinsey.de http://www.rolandberger.com

Text: Hochschulanzeiger Nr. 77, 2005
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor