11. Dezember 2009

Partner

„Zum ersten Mal alle Hebel in der Hand"

Von Florian Vollmers



Dr. Stephan Scholtissek, Deutschlandchef von Accenture
21. März 2005 
Wer in der Unternehmensberatung zum Partner aufsteigt, ist oben angekommen. Wie bewältigt man eine solche Karriere? Was bedeutet es, „Partner" zu sein? Und was kommt danach? Fragen an Dr. Stephan Scholtissek (45), Deutschlandchef von Accenture.

? Herr Scholtissek, wie kommt ein promovierter Biochemiker in die Unternehmensberatung?
:
Ich habe mich schon während meiner Promotion im Unibetrieb nicht mehr wohlgefühlt. Die Wirtschaft faszinierte mich, weil ich fand, daß sie relevanter arbeitet, besonders im Hinblick auf die Verbraucher. Also stieg ich bei Dräger in Lübeck ein und war dort an der Entwicklung eines biochemischen Schnelltests für Formaldehyd beteiligt. Die anschließende Markteinführung brachte nicht den gewünschten Erfolg, aber mir war klar: Am Produkt selbst liegt das nicht. Mir fiel auf, daß Logistik und Absatzmärkte nicht ausreichend entwickelt waren. Und so stellte ich mir die Frage: Wer beschäftigt sich eigentlich mit der Optimierung der Prozeßabläufe im Unternehmen? Das Interesse für den Beraterberuf war geweckt.

? Sie stiegen dann erfolgreich bei AT Kearney ein. Gefiel Ihnen der Job als Consultant von Anfang an?
:
Ja. Schon damals reizte mich das Ganzheitliche der Beratertätigkeit. Anstatt kleinteilig zu arbeiten, betrachtet man als Generalist ein ganzes Unternehmen oder ganze Geschäftsjahre. Man spürt den direkten Impact auf die Gewinn- und Verlustrechnung.

? Ihre Karriere in der Consultingbranche verlief recht klassisch.
:
Richtig. Mit dem Wechsel von AT Kearney zu Bain & Company stieg ich vom Manager - das ist zwei Stufen unter dem Partner - zum Senior Manager auf. Als Associate Partner kam ich dann 1997 zu Andersen Consulting, aus dem 2001 das Beratungsunternehmen Accenture hervorging.

? Was bedeutet es eigentlich Partner zu sein?
:
Es bedeutet erstens, daß man als Shareholder Anteile am Unternehmen erwirbt. Zweitens übernimmt man als Partner eine Geschäftsführungsfunktion. Das Eigentümerinteresse verbindet sich also mit einer Gesamtverantwortung für das Unternehmen, die nicht nur gegenüber den Eigentümern, sondern auch gegenüber allen Mitarbeitern zum Tragen kommt. Manche sagen, daß erst mit dem Partner die wahre Hierarchie in der Unternehmensberatung beginnt.

? Was ändert sich an der Arbeit eines Unternehmensberaters, wenn er Partner ist?
:
Als Partner hat man zum ersten Mal im Beraterleben den kompletten Satz aller möglichen Hebel in der Hand, mit denen man das Geschäft gestaltet. Erstmals stehen alle Instrumente zur Verfügung, die einen erfolgreich machen können - oder auch nicht.

? Eine schwierige Aufgabe?
:
Man hat die volle Freiheit, aber auch die volle Verantwortung. Es ist niemand mehr da, dem man zum Beispiel einen Mißerfolg zuschreiben kann.

? Seit zwei Jahren sind Sie nicht nur Partner, sondern auch Sprecher der Geschäftsführung und Country Managing Director von Accenture Deutschland. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
:
Montags und dienstags nehme ich meine Managementaufgaben als Deutschlandchef und Leiter einer Business Unit wahr. Das sind Telefonkonferenzen, Management Meetings, Gespräche mit der Finanz- oder der Personalabteilung. Von Dienstagabend bis Donnerstag bin ich als Berater bei meinen Kunden unterwegs und treibe die ein oder andere Akquisition. Und am Freitag arbeite ich von meinem Münchener Büro aus, beschäftige mich dann viel mit Personalthemen wie zum Beispiel Mitarbeiterplanung. Dieser Rhythmus wird von europäischen und globalen Accenture-Treffen unterbrochen, auf denen wir unsere Geschäftssteuerung besprechen.

? Was schätzen Sie heute noch an Ihrem Beruf?
:
Es ist zunächst einmal ein sehr abwechslungsreicher Beruf. Keine Woche ist wie die andere. Dabei ist mir die Arbeit am Kunden immer am wichtigsten. Lösungen zu entwickeln und Implementierungen zu realisieren, ist und bleibt der spannendste Aspekt. Das heißt nicht, daß ich nicht auch die Gestaltungsmöglichkeiten im Management interessant finde. Gerade dort stellen sich einem nach den letzten, wirtschaftlich nicht besonders herausragenden Jahren die größten Herausforderungen.

? Was nervt Sie?
:
Der administrative Bereich, der ja leider notwendig ist. Also zum Beispiel die gesamten gesetzlichen Bedingungen, die in Deutschland erfüllt sein müssen, angefangen bei der Bilanzbuchhaltung. Aber kein Unternehmen kann eben ohne ordentliche Verwaltung geführt werden.

? Haben Sie noch so etwas wie Freizeit?
:
Klar, aber natürlich nicht so viel wie andere. Ich versuche eben, die Wochenenden für meine Familie und den Sport freizuhalten. Und unsere Urlaube verlegen wir an Orte, von denen ich zum Arbeiten leicht hin- und herfliegen kann. Dabei sind meine Familie und ich schon ein eingespieltes Organisationsteam. Zum Thema Freizeit muß man auch sagen, daß sich eine Menge Lebenserfahrung - die man sonst im Privaten sucht - auch aus dem Beruf holen läßt. Bungeejumping muß ich jedenfalls nicht ausprobieren. Diesen Kick habe ich schon unter der Woche in meinem Job.

? Was hätten Sie im Rückblick in Ihrer Karriere anders gemacht?
:
Eigentlich nichts. Ich wäre auf jeden Fall wieder in die Beratung gegangen. Ob ich allerdings in derselben Position im selben Unternehmen gelandet wäre - wer weiß? Aus der heutigen Perspektive als Deutschlandchef von Accenture stellt sich natürlich die Frage, ob meine Promotion und meine dreijährige Tätigkeit in der Industrie nötig gewesen wären.

? Was kann nach Ihrer Karriere überhaupt noch kommen?
:
Meine derzeitige Aufgabe ist erst einmal schwierig und anstrengend genug, und ich will an erster Stelle das Deutschlandgeschäft von Accenture vorantreiben. Aber natürlich will ich diesen Job nicht unbedingt bis zum 65. Lebensjahr machen. Für viele ist es verlokkend, mit 50 aufzuhören. Es gibt aber auch die Möglichkeit, irgendwann im Accenture-Management mehr Verantwortung zu übernehmen.

? Welche Ratschläge geben Sie dem Nachwuchs mit auf den Weg?
:
Sie müssen lernen zu lernen, so banal das klingt. Denn im Unterschied zum Computer kann der Mensch seine Hardware - sprich sein Gehirn - ja kontinuierlich verbessern. Man darf nie damit aufhören, sich neues Wissen anzueignen und damit breiter aufzustellen. Deshalb lautet mein Tip: Nach dem Studium möglichst schnell rein in die Arbeit - auch wenn das nicht gleich der Traumjob ist - und möglichst viele verschiedene Aufgaben kennenlernen. Nur so, und mit einer guten Portion Geduld und Hartnäckigkeit, findet man heraus, was wirklich zu einem paßt.

Weitere Infrmationen unter:

http://www.accenture.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 77, 2005
Bildmaterial: Accenture