28. August 2008

Gründen, um zu leben

Erst mal kleine Brötchen backen

Von Mischa Täubner



Astrid Göschel hat Germanistik, Romanistik und Rhetorik studiert. Jetzt ist sie selbständige Rhetoriktrainerin und Inhaberin der Firma Sprachingenieurin.
12. Mai 2008 
Wenn Geisteswissenschaftler ein Unternehmen gründen, fangen sie meist ganz bescheiden an. Wer seine Selbständigkeit nicht als Erwerbstätigkeit zweiter Klasse begreift, sondern unternehmerisches Denken entwickelt, hat gute Chancen auf ein erfülltes Berufsleben.

Kannst du denn davon leben? Auf diese Nachfrage muss jeder gefasst sein, der auf einer Party oder einem Familienfest erzählt, dass er sich selbständig gemacht hat. Die Selbständigkeit von Germanisten, Historikern, Philosophen und sonstigen Sprach- und Kulturwissenschaftlern klingt in den Ohren Außenstehender immer gleich nach Prekariat, Selbstausbeutung, Liebhaberei, nach my home is my office und etwas Festes habe ich nicht gekriegt. Start-up, Existenzgründer, Jungunternehmer - solche Aufbruch und Euphorie beschwörenden Wörter hingegen sind Wirtschaftswissenschaftlern, Naturwissenschaftlern und vor allem Ingenieuren vorbehalten. Zu Unrecht.

Historiker Phillip Janssen (im Bild rechts) ist Mitbegründer der Agentur Geschichte präsent. Die Idee: Stammbäume recherchieren, Chroniken schreiben, biographische Filme drehen.

Richtig ist, dass Geisteswissenschaftler sich meistens aus anderen Motiven und mit anderen Zielsetzungen selbständig machen als etwa Betriebswirte, sagt Maria Kräuter, Beraterin für Existenzgründungen in kulturellen Berufen. Ihre Geringschätzung sei aber nicht gerechtfertigt. Geisteswissenschaftler, weiß Kräuter sowohl aus ihrer eigenen Beratungstätigkeit als auch aus der Auswertung statistischer Daten, sind zumeist Klein- und Kleinstgründer, die nicht primär nach Gewinnmaximierung und Expansion streben. Sie wollen sich vielmehr selbst einen Arbeitsplatz schaffen, der ihnen ihre Existenz sichert und gleichzeitig ein hohes Maß an Selbstbestimmung und inhaltlicher Gestaltungsfreiheit gewährt.

Das trifft auch auf Philip Janssen zu. Der 32-jährige Historiker hat vor drei Jahren mit einem ehemaligen Kommilitonen die Agentur Geschichte präsent gegründet. Die beiden recherchieren Stammbäume für Familien, sie schreiben Chroniken, drehen im Auftrag der Kinder und Enkel zum 80. Geburtstag des Großvaters einen biographischen Film und arbeiten die Geschichte von Firmen auf. In vielerlei Hinsicht ist es eine für Geisteswissenschaftler typische Existenzgründung. Janssen und sein Partner haben nicht zuerst eine Marktlücke entdeckt und dann das große Geschäft gewittert. Sie wollten vielmehr einen Beruf ausüben, der ihrer fachlichen Neigung und ihrem Freiheitsdrang gerecht wird. Da entsprechende Jobs kaum angeboten wurden, suchten sie nach einem Konzept für eine selbständige Tätigkeit. Wir haben uns zusammengesetzt und überlegt, was wir können. Man kommt sich ein bisschen albern dabei vor, aber es hilft wirklich, die notwendige Klarheit zu bekommen. Janssen und sein Partner jedenfalls wussten hinterher, dass sie nicht nur viel über Geschichte und Gesellschaft wissen, sondern eine hohe sprachliche und analytische Kompetenz besitzen, schnell und gründlich recherchieren und gut mit Menschen umgehen können.

Als die Idee der Geschichtsagentur geboren war, fingen die beiden in für geisteswissenschaftliche Gründer typischer Manier an, erste Kunden zu suchen. Ohne Bankkredit in der Tasche betrieben sie Marketing auf Sparflamme, sie verteilten Flyer, schickten Pressemitteilungen an Seniorenblätter und Unternehmermagazine und zwangen sich zur telefonischen Akquise bei mittelständischen Firmen. Im Rückblick erscheint uns die Anfangszeit ein wenig dilettantisch, sagt Janssen. Inzwischen sind wir in vielen Dingen professioneller geworden. Nicht allein die biographischen Texte und Filme seien ausgereifter. Auch der Schaffensprozess wurde rationalisiert. Wir haben jetzt ein straffes Projektmanagement, so Janssen. Seitdem die Geschichtsagentur zum Tag der offenen Tür geladen hat, wirken sogar die Geschäftsräumlichkeiten repräsentativer. Inzwischen wissen Janssen und sein Partner auch, was bei der Preisbildung zu berücksichtigen ist. Am Anfang ging es uns vor allem darum, Referenzkunden zu gewinnen. Da haben wir quasi nichts verdient. Heute hingegen könnten beide von ihrem Einkommen leben. Das A und O für eine erfolgreiche Existenzgründung ist laut Janssen die Bereitschaft dazuzulernen, sich hineinzufuchsen in Sachverhalte, die man im Studium nicht gelernt hat. Wir hatten von BWL, Steuern, Selbstmarketing und digitaler Medientechnik so gut wie keine Ahnung. Das ist jetzt anders, sagt Janssen.

Gründungsberaterin Kräuter spricht vom unternehmerischen Denken, das vorhanden sein müsse, um in der Selbständigkeit erfolgreich zu sein. Die Gründer müssen sich klarmachen, wo sie stehen. Wenn sie wissen, was sie können und wer dieses Können braucht, dann akquirieren sie auch viel zielgerichteter. Voraussetzung für unternehmerisches Denken sei allerdings, dass man sich voll und ganz auf die Selbständigkeit einlasse. Problematisch sei es, wenn Geisteswissenschaftler eigentlich lieber angestellt wären und als Freelancer oder freier Mitarbeiter ein fatales Bewusstsein der Erwerbstätigkeit zweiter Klasse entwickelten. Wer seine Selbständigkeit nur als Übergangslösung betrachtet, investiert nicht genug Zeit und Geld in die Entfaltung seines Unternehmens.

Wohin die Reise gehen kann, wenn man sich frühzeitig für die Selbständigkeit entscheidet, zeigt der Fall Astrid Göschel. Die heute 32-Jährige hat Germanistik, Romanistik, Deutsche Linguistik, Allgemeine und Angewandte Rhetorik in Tübingen studiert. Schon vor dem Studium wusste sie, dass sie sich - wenn möglich - als Rhetoriktrainerin selbständig machen würde. Mir war klar: Wenn ich mir den Traum von der absoluten Gestaltungsfreiheit im Beruf erfüllen will, muss ich mehr leisten als andere. Göschel bereitete sich schon im Studium auf ihre Selbständigkeit vor, nahm alles mit, was ihr für ihre berufliche Zukunft nützlich erschien. So besuchte sie beispielsweise Seminare der juristischen Fakultät, um mehr über Strukturdenken und Schlichtungsgespräche zu erfahren. Innerhalb eines Mentorings lernte sie damals schon den Alltag eines Rhetoriktrainers kennen. Trotzdem hieß es nach dem Studium aufgrund fehlenden Kapitals: erst mal kleine Brötchen backen! Göschel gab Sprachkurse an der Volkshochschule. Aber gleichzeitig arbeitete sie immer am Weiterkommen: Sie entwickelte eigene Schulungskonzepte, schrieb Fachartikel und Bücher zum Thema, kooperierte mit anderen Trainern. Jeden Auftrag erfüllte sie mit größtmöglichem Einsatz - so dass sie sich allmählich einen Namen machte. Heute gibt Göschel als Inhaberin der Firma Sprachingenieurin Fachseminare in Kundenorientierung, moderne Sprachgewandtheit und Kommunikation in Konzernen, mittelständischen Unternehmen und in Hochschulen. Auch ihre Kompetenz im Erstellen von Konzepten ist gefragt, etwa in der Personalentwicklung großer Unternehmen. Eigentlich müsste ich mich längst vergrößern. Aber das würde einen viel höheren organisatorischen Aufwand bedeuten. Viel lieber entwickele ich mich inhaltlich fort.

Wie erfolgreich sind selbständige Geisteswissenschaftler? Blickt man auf die blanken Zahlen, so lässt sich feststellen, dass sie kaum neue Arbeitsplätze schaffen und ein vergleichsweise geringes Einkommen haben. Laut Absolventenstudie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) verdienten die abhängig beschäftigten Magisterabsolventen des Jahres 1997 bei der Befragung 2003 im Schnitt 39.079 Euro brutto, die Selbständigen dieser Gruppe dagegen nur 27.689 Euro. Zum Vergleich: Das Bruttoeinkommen angestellter Ingenieure lag bei 52.659 Euro, das der Selbständigen bei 61.743 Euro. Die Befragung ergab aber noch etwas anderes: Über alle Fachrichtungen hinweg zeigten sich die Selbständigen mit ihrer beruflichen Situation allgemein zufriedener als ihre angestellten Kollegen. Die Freiheit, den Beruf selbst gestalten zu können, hat offenbar einen nicht zu unterschätzenden Wert.

Buchtipp:

Maria Kräuter, Geisteswissenschaftler als Gründer.
Herausgegeben vom Wissenschaftsladen Bonn, 3. aktualisierte und erweiterte Auflage, Bonn 2006, 44 Seiten, 5 Euro plus 1 Euro Versand.
Kontakt: http://www.wilabonn.de
Ein kompakter und fundierter Einstieg in das Thema Existenzgründung - von der Geschäftsidee über den Businessplan hin zu Honorarfragen und Steuerangelegenheiten.

Weitere Informationen im Internet:

Das ist das Existenzgründungsportal des Bundeswirtschaftsministeriums. Es enthält Checklisten, die auflisten, was vor einer Gründung zu beachten ist. Zudem informiert es über die Förderprogramme des Bundes wie etwa den Gründungszuschuss, der die Ich-AG-Förderung und das Überbrückungsgeld abgelöst hat. Darüber hinaus kann man dort mit Hilfe eines Selbsttests prüfen, ob man eine Gründerpersönlichkeit ist. http://www.existenzgruender.de

Der Schnellcheck Wer ein Unternehmen gründen will, sollte diese fünf Fragen mit Ja beantworten:

1 Besitzen Sie die nötige Gelassenheit, um mit finanzieller Unsicherheit leben zu können?
2 Sind Sie bereit, bis zu 70 Stunden pro Woche zu arbeiten und die restliche Zeit in Bereitschaft zu sein?
3 Mögen Sie es, Verantwortung zu tragen und im Zweifel auf sich allein gestellt zu sein?
4 Sind Sie ein beharrlicher Mensch, der nicht so schnell aufgibt und auch nicht am Kampf mit der Bürokratie verzweifelt?
5 Besitzen Sie so viel Energie, dass Sie immer wieder Neues anstoßen können und sogar nach einem ersten Scheitern einen Neuanfang starten würden?

Text: Hochschulanzeiger Nr. 96, 2008, Seite 30
Bildmaterial: privat