12. Dezember 2009

Einstieg

Von null auf hundert

Von Jörg Walser




21. März 2005 
Unsicherheiten gehören zu den ersten Tagen als Unternehmensberater dazu: Was ziehe ich an? Wie soll die Präsentation aussehen? Wo finde ich welche Information? Keine Sorge, das ist ganz normal - und die Firmen sind darauf eingerichtet. Sie stellen ihren Neulingen Wissensdatenbanken zur Verfügung und Mentoren zur Seite.

Neuronale Zellkulturen, das Syndecan-3-Protein oder das Amyloid-ß-Peptid haben für eine Unternehmensberaterin normalerweise in etwa die Bedeutung, die das orthodoxe Weihnachtsfest für eine brasilianische Sambatänzerin hat. So gesehen stand die Molekularbiologin Christine Berndt vor einem gewaltigen Neuanfang, als sie ihren Job antrat: Associate bei der Management- und Technologieberatung Booz Allen Hamilton in München. Die Umgewöhnungsphase fiel knapp aus: „Ich wurde sofort ins kalte Wasser geworfen", sagt die 31jährige. Am Tag zwei ihres neuen Berufslebens beschäftigte sich die Frau, die mehrere Jahre als Naturwissenschaftlerin gearbeitet hatte, mit Sparvorschlägen für die Energiewirtschaft.

Auch Julian Zeltinger mußte von Anfang an zeigen, was er kann. Schon an seinem zweiten Arbeitstag bei Mercer Management Consulting, ebenfalls in München, fand sich der promovierte Betriebswirt in einem Dreierteam wieder - mit zwei Direktoren, der höchsten Hierarchieebene im Haus. Die drei hatten ein Angebot für ein Kundenbindungsprojekt auszuarbeiten. Ein idealer Einstieg für den Neuling: Das Thema entsprach seiner Doktorarbeit. „Weil ich auf diesem Gebiet schon über einen fundierten theoretischen Hintergrund und Fachwissen verfügte, ging die Zusammenarbeit auf demselben Niveau vonstatten. Das war richtiges Teamplay."

„Ich wurde sofort ins kalte Wasser geworfen.“

Christine Berndt landete in einem Fünferteam. Ein Unternehmen der Energieindustrie wollte Kosten einsparen, ohne dabei Mitarbeiter zu entlassen. Die Consultants sollten deshalb herausfinden, wie die Firma beispielsweise ausstehende Rechnungen effizienter eintreiben und ob das Unternehmen seine Rücklagen verringern könnte. Für Berndt bedeutete das, Daten zu recherchieren: per E-Mail, in Telefongesprächen und kleinen Interviews mit Mitarbeitern des Kunden. Die Daten mußte sie anschließend mit Hilfe von Excel analysieren und zu einer PowerPoint-Präsentation ausarbeiten. Anfangs stand der 31jährigen dabei noch ein Kollege bei. Dann war Selbständigkeit gefragt.

Eigeninitiative ist eine Grundbedingung für den Job in der Beratung: „Es wurde erwartet, daß ich mir Dinge selbst aneigne", erinnert sich die Biologin. Welche Formatierungs-Standards bei Booz Allen Hamilton gelten, das hat ihr zum Beispiel niemand gezielt beigebracht. „Im Internet und im Computer gibt es zusätzlich einige Hilfen. Außerdem kann ich jederzeit jeden anrufen." Aber ihre Kollegen setzten eben voraus, „daß ich bereit bin zu fragen." Auch Julian Zeltinger hat erlebt, daß seine Fragen willkommen sind: „Ich kann auch Direktoren jederzeit um Rat bitten." Per du, versteht sich: „Man duzt sich quer über alle Hierarchien hinweg, das ist sehr angenehm." Das Verhältnis unter den Mitarbeitern, sagt der 29jährige, sei „wie unter Kommilitonen".

Als sehr hilfreich empfand es Christine Berndt, daß sie zwei Mentoren zugewiesen bekam: „Die Mentoren sind für Fragen da, die man nicht unbedingt direkt mit seinem Projektmanager besprechen muß. Diese Vertrauenspersonen helfen einem bei kleinen Zweifeln oder Unsicherheiten." Und Unsicherheiten ergaben sich am Anfang immer wieder - etwa, als die Einsteigerin nicht wußte, welcher Kleidungsstil von ihr erwartet wurde. Im Labor hatten es schließlich Bluejeans und Turnschuhe getan. In der Energiewelt, erfuhr sie, liege sie mit einem Hosenanzug meistens richtig.

„Das schwierigste war, daß ich am Anfang nicht so genau wußte, was von mir erwartet wurde", sagt die ehemalige Wissenschaftlerin rückblickend. Trotzdem habe sie sich schnell in das neue Umfeld eingefunden, „durch Beobachtung, Zuhören und aktives Nachfragen". Dabei merkte die Quereinsteigerin, daß vieles gar nicht so anders war, als sie es in der Forschung erlebt hatte. Die Arbeitstechniken kannte sie längst: „Hypothesengetriebenes und analytisches Arbeiten ist hier nicht anders als während der Promotion." Sich in Themen hineinzubeißen, auch das war Alltag in der Universität. Und diese Fähigkeit ist gefragt im neuen Job.

„Es wird vorausgesetzt, daß ich frage.“

„Der größte Reiz dieses Berufs liegt darin, sich immer wieder in kürzester Zeit in neue Themen und Arbeitsumfelder einzuarbeiten und mit unterschiedlichen Persönlichkeiten der Kunden zusammenzuarbeiten", findet Julian Zeltinger nach seinen ersten Monaten als Consultant. Anfänger werden zunächst zu Generalisten ausgebildet. Deshalb lernen sie in ihren ersten Projekten unterschiedliche Branchen kennen. Der Betriebswirt fand sich nach seinem Einstieg im Dreierteam auf einem hochrangigen Strategieprojekt in der Medienindustrie wieder - und mußte sich erst einmal an Größenordnungen gewöhnen, die ihm bis dahin fremd waren. Das Unternehmen, mit dessen Vorstandsvorsitzendem er nun zu tun hatte, erwirtschaftet einen Jahresumsatz von gut einer Milliarde Euro. „Die Dimensionen, finanzieller sowie organisatorischer Art, ist man als Student nicht gewöhnt", sagt der 29jährige. Ist es aufregend, als Anfänger seine Projektergebnisse vor der Geschäftsführung eines solchen Unternehmens zu präsentieren? „Nein", sagt der Einsteiger: „Das wichtigste ist die Vorbereitung, dann macht es Spaß und man braucht nichts zu befürchten."

„Mentoren helfen bei kleinen Zweifeln oder Unsicherheiten.“

Christine Berndt bekam es in ihrem zweiten Projekt, wieder im Energiesektor, mit dem Jet-Set-Leben zu tun. Schon in ihrem ersten Fall hatte sie mit Kollegen aus verschiedenen Kulturen gearbeitet. Nun reiste sie selbst: nach Großbritannien, Frankreich, Belgien, in die USA oder zu Zielen innerhalb von Deutschland, und das häufig im Tagesrhythmus. Anstrengend sei das schon, sagt sie, aber auch schön. An die Vielfliegerei gewöhnte sich die Biologin rasch. Ebenso an die anglizismusschwangere Sprache ihres neuen Arbeitsumfelds, wo zu einem „Outing" in den seltensten Fällen Mut gehört - weil es das bezeichnet, was anderswo Betriebsausflug heißt. Ein Praktikum in der Unternehmensberatung hatte ihre Sprache schon vorgefärbt, den Rest lernte sie binnen Kürze.

Julian Zeltinger hatte während seines Studiums gleich sieben internationale und branchenübergreifende Praktika absolviert. Im nachhinein ist er froh, daß er dabei sowohl in der Unternehmensberatung als auch in der Industrie hinter die Kulissen schaute. So habe er beide Seiten der Medaille erlebte: „Das waren sehr hilfreiche Erfahrungen."

Auch Christine Berndt sieht sich in ihrem Weg bestätigt: „Ich würde noch einmal ein naturwissenschaftliches Studium machen und promovieren." Denn mit den Arbeitstechniken aus der Forschung kommt sie auch in der Managementwelt gut zurecht. Als Sonderling sieht sie sich nicht: „Hier arbeiten viele Physiker, viele Mathematiker." So außergewöhnlich sei ihr Hintergrund also gar nicht, sagt die Frau, die vor einiger Zeit noch über die Alzheimer-Krankheit forschte: „Unser Theologe ist viel exotischer."

Text: Hochschulanzeiger Nr. 77, 2005
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor