19. Januar 2004
Ob aus einer neuen Erfindung ein großes Geschäft wird, läßt sich heute nur noch schwer abschätzen: Die Produktzyklen werden immer kürzer, die Forschung immer teurer, der Wettbewerb härter. Da sind Controller gefragt, die sich mit der Materie auskennen und ein gutes Gespür für Kosten und Profite haben.
Lohnt sich ein neuer Fensterheber am Lkw? Was hat die Entwicklung des neuen Lastermodells gebracht? Wie haben sich Kosten und Erlöse gegenüber dem Vorgänger entwikkelt? Solchen und anderen Fragen widmen sich Wolfgang Mayer und sein Controller-Team im DaimlerChrysler Werk für Nutzfahrzeuge in Wörth. Dafür schauen sie den Ingenieuren auf die Finger und greifen ein, wenn "Over-Engineering" droht, wenn eine technische Neuerung zwar die Tüftlerlust befriedigt, für den Kunden aber unbezahlbar ist. Das Beharren auf dem Realitätsprinzip ist nicht immer einfach: "Ein Ingenieur ist ein wenig wie ein Künstler, der sich verwirklichen möchte. Da kommen Einwände von uns nicht immer gut an", berichtet der Projektleiter. Doch nach mehr als zehn Jahren habe sich ein Miteinander entwickelt. "Inzwischen gehen die Techniker vorher zu den Controllern und in den Vertrieb und fragen, ob sich eine Entwicklung wohl lohnen wird", so Mayer.
Ein Ingenieur ist ein wenig wie ein Künstler, der sich verwirklichen möchte, da kommen Einwände von uns nicht immer gut an.
Akzeptanz ist der Schlüssel für den Erfolg von Controllern für Forschung und Entwicklung (F&E), von Produkt- und Wissenschaftscontrollern und anderen Managern, die Wissenschaft, Forschung und Entwicklung mit kaufmännischem Blick betrachten. Sie sollen Innovationen in effiziente Bahnen lenken, ohne Kreativität zu behindern. Das funktioniert am besten, wenn Entwickler und Wissenschaftler erkennen, welchen Wert die Arbeit der Controller hat. Ihre Aufgabe ist laut einer Studie der Boston Consulting Group (BCG) nämlich entscheidender für den Erfolg von innovativen Unternehmen als das Forschungsbudget. Weniger Geld kann mehr sein, wenn das Forschungsmanagement stimmt - also unter anderem das F&E-Controlling funktioniert, ergab die Studie. "Wichtig sind klar formulierte F&E-Ziele, eine auf ökonomischen Kennzahlen basierende Rangfolge der Projekte und ein effizientes F&E-Management", so Dr. Karsten Zimmermann, Geschäftsführer bei der BCG und Autor der Studie. Noch werde dieses Potential vernachlässigt. Nur 27 Prozent der von der BCG untersuchten Unternehmen hatte ein eigenes F&E-Controlling. In anderen Unternehmen wurden die Aufgaben von zentralen Controlling-Stellen mit erledigt oder es wurde auf die Kraft zur Selbstkontrolle vertraut.
Anders im DaimlerChrysler Werk in Wörth. Dort arbeiten allein 40 der insgesamt 9.000 Mitarbeiter im Controlling. In interdisziplinären Teams behalten sie die Anforderungen der Produktion, des Vertriebes und des Qualitätsmanagements im Auge. Dazu haben sie meist Wirtschaftsingenieurwesen studiert, Maschinenbau oder ähnliche Fächer. Reine BWLer sind in den Werkshallen selten: "Unserer Erfahrung nach können Techniker das Controlling einfacher erlernen als Betriebswirte die Technik", so Mayer. In Wörth steigen die "Frischlinge" direkt in ein Projekt ein und wachsen mit den Aufgaben. Später können sie Teams, dann ganze Projekte leiten oder in das Management des Werkes oder des Konzerns aufsteigen. Neben den Prozeß- und Fachkenntnissen ist vor allem die Persönlichkeit entscheidend: Ohne einen ausgeglichenen Charakter komme man nicht weiter: "Man bezieht schon mal Prügel", sagt Mayer. Auch müsse man sich etwas unter den Zahlen vorstellen können und erkennen, daß es nicht stimmen kann, wenn in den Tabellen ein Motor plötzlich 50.000 Euro kostet. Das Gefühl dafür vermittelt erst die Berufspraxis, berichtet Timo Schnurbus, Controller beim Automobilzulieferer Hella KG Hueck & Co in Lippstadt. "In der Hochschule fallen die Informationen und Zahlen, mit denen man rechnet, quasi vom Himmel. In der Praxis ist es zuweilen das Aufwendigste an der Arbeit, die Zahlen zusammenzutragen." Er arbeitet nicht direkt am Produkt, sondern in einer Stabstelle der Geschäftsführung und kommt auch ohne vertieftes technisches Wissen aus.
Unserer Erfahrung nach können Techniker das Controlling einfacher erlernen als Betriebswirte die Technik.
"Es ist wichtig, die Produkte zu kennen und sich für diese zu interessieren - auch wenn es nicht immer für die Arbeit notwendig ist", berichtet er. Er ist als Vertriebscontroller für das Ersatzteilgeschäft zuständig und arbeitet an der Schnittstelle zum Produktions-Controlling. Den ersten Kontakt mit Kostenrechnung und Buchführung hatte er schon im Wirtschaftsgymnasium. Von Anfang an hat ihn Kostenrechnung mehr interessiert: "Ich will wissen, wie es wirklich im Unternehmen aussieht. Das Controlling geht dabei noch einen Schritt weiter als die Kostenrechnung und arbeitet sehr stark zukunftsorientiert", erklärt er. An der FH in Wilhelmshaven studierte er BWL mit den Schwerpunkten Informatik und Controlling. Eine gute Kombination, denn ohne IT läuft nichts im Controlling. Oft programmiert er in Access, um neue Berichtszahlen zu generieren. Ein Praxissemester und die Diplomarbeit brachten ihn zu Hella.
Je näher sie am Produkt arbeiten, desto mehr müssen sie von dessen Aufbau und Funktionsweise verstehen.
Auf ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit, Kreativität und auch Ehrgeiz werde beim Vorstellungsgespräch besonders geachtet, erklärt Birgit Zander, Referentin für Hochschulmarketing. Bei den Bewerbern für den Einstieg im Controlling zählen bei Hella harte Fakten: "Erfolgreicher Hochschulabschluß im Bereich Wirtschaftswissenschaften oder des Wirtschaftsingenieurwesens mit Controlling-Schwerpunkt, Zusatzqualifikationen in der Anwendung von betrieblicher Software, qualifizierte Praktika, eine industrienahe Diplomarbeit und gute Englisch- sowie möglichst Spanischkenntnisse", zählt Zander auf. "Hervorragend ist es, wenn jemand schon SAP-Kenntnisse mitbringt." Gern gesehen sind Auslandspraktika, da diese auf Flexibilität und Offenheit gegenüber anderen Kulturen schließen lassen. "In einem internationalen Unternehmen ist das unabdingbar."
"Je näher sie am Produkt arbeiten, desto mehr müssen sie von dessen Aufbau und Funktionsweise verstehen", beschreibt Marcela Nitsch, Personalreferentin bei Siemens in München die Anforderungen an Controller in technikintensiven Unternehmen. Denn wer einschätzen soll, ob Ausgaben für eine technische Neuerung notwendig sind, muß wissen, wie die Ingenieure arbeiten. Wer dagegen im zentralen Controlling Berichte aus verschiedenen Produktgruppen zusammenstellt, kann sich kaum in technische Details einarbeiten. Deshalb ist im Controlling nicht nur bei Siemens die ganze Bandbreite von Qualifikationen gefragt: Vom Ingenieur bis zum Kaufmann mit technischem Interesse sind alle Fächer vertreten. Bei allen ist ein Grundverständnis für Rechnungswesen und kaufmännisches Denken wichtig. "Controlling findet immer an einer Schnittstelle statt - da muß man die Sprache der Produktion und die der Kaufleute sprechen", so Nitsch. Bei Siemens steigen Controller entweder innerhalb eines Traineeprogramms oder direkt ein. In jedem Falle wird ihnen ein Mentor zugeordnet, der die ersten Schritte im Auge behält, bis sie auf eigenen Beinen stehen und vielleicht die Leitung eines eigenen Teams übernehmen.
Wenn man sich produktnahe Arbeitsplätze auf der einen Seite vorstellt und produktferne auf der anderen, arbeitet Nicole Liebermann genau in der Mitte. Sie ist Controllerin beim Coburger Fahrzeugzulieferer Brose und stellt Wirtschaftlichkeitsrechungen für Fensterheber an. Lohnt sich eine Investition? Wie sollten Investitionen im Fensterheberbereich weltweit geplant werden? Solche Fragen beantwortet die 26jährige in den Berichten an die Geschäftsführung. Seit zwei Jahren arbeitet sie bei Brose und kann sich kaum verkneifen, ihre Freunde und Verwandten zu fragen, welche Autos sie fahren. Denn sie weiß genau, in welchem Fabrikat "ihre" Fensterheber eingebaut sind. Identifizierung mit dem Produkt nennt man das. Daneben ist ein Zahlenverständnis in ihrem Job wichtig und die Flexibilität, auch dann souverän zu reagieren, wenn kurzfristig Berichte zu ganz neuen Fragestellungen zusammengestellt werden müssen. Der Arbeit im Controlling näherte sie sich Schritt für Schritt: Nach einer Ausbildung zur Industriekauffrau und einigen Jahren Praxis im Rechnungswesen schloß sie im vergangenen Jahr ein IHK-Abendstudium mit dem Titel "Wirtschaftsfachwirtin" ab. Damit kann sie ihr berufsbegleitendes Studium der BWL auf zwei Jahre verkürzen.
Controlling findet immer an einer Schnittstelle statt - da muß man die Sprache der Produkton und die der Kaufleute sprechen.
Bei Brose führen drei Wege zu einem Einstieg ins Controlling: Der Direkteinstieg, ein 15monatiges Traineeprogramm und das neunmonatige Qualifizierungsprogramm "First in Training" (F.I.T.), erklärt Achim Oettinger von Brose. Mit dem F.I.T.-Programm werden Einsteiger gezielt in den Bereichen ausgebildet und eingearbeitet, in denen ihnen noch Vorkenntnisse fehlen.
Nicht nur in der Entwicklung, sondern auch in der Forschung werden Controller eingesetzt. Zum Beispiel in großen Forschungseinrichtungen, wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft und an Universitäten. "Aber da steckt das Controlling noch in den Kinderschuhen", berichtet Janet Brade, Leiterin der Stabsstelle Strategisches Controlling am UFZ-Umweltforschungszentrum der Helmholz-Gemeinschaft in Leipzig-Halle. "Wir bauen momentan sämtliche Bereiche im Forschungscontrolling neu auf", berichtet sie. Von der Koordination der Personalplanung für Forschungsprojekte bis zur Budgetplanung für einzelne Abteilungen, vom Informationsaustausch zur Helmholtz-Gemeinschaft bis zur Input-Output-Kontrolle reichen ihre Aufgaben. Das Problem dabei: Der Output von Wissenschaft und Forschung ist nur schwer meß- und vergleichbar.
Was ist für uns wichtiger - internationale Kontakte aufzubauen oder eine gute Nachwuchsarbeit? Dafür brauchen wir geeignete Indikatoren."
Was ist für uns wichtiger - internationale Kontakte aufzubauen oder eine gute Nachwuchsarbeit? Dafür brauchen wir geeignete Indikatoren", beschreibt Brade, die von dem Thema so fasziniert ist, daß sie gleich eine Dissertation daraus machen möchte. Kritik an ihrer Arbeit kommt mit schöner Regelmäßigkeit aus der Wissenschaft. "Es heißt, wir können die Relevanz von Wissenschaft nicht beurteilen, da wir keine Naturwissenschaftler sind", berichtet Brade. "Aber ich lasse mir die Forschungsgegenstände von den wissenschaftlichen Leitern erklären. Dabei fällt auf, ob sie ihre Ziele gut formulieren können", beschreibt die Ökonomin.
In einem Studiengang an der "Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer" lernen Controller wie Brade und andere Wissenschaftsmanager, wie der Balanceakt gelingen kann, mehr Forschung für immer weniger Geld zu ermöglichen. "Es geht um die Übertragung von Managementmethoden auf die Wissenschaft in angepaßter Form", beschreibt Brigitte Jahn-Zimmermann, Geschäftsführerin des Zentrums für Wissenschaftsmanagement. Bis zu 20 Teilnehmer erfahren mehr über Kosten-Leistungsrechnung, die Messung wissenschaftlicher Erfolge und Indikatorensysteme. Forschungscontrolling ist dabei nur ein Schwerpunkt im Ergänzungsstudium "Wissenschaftsmanagement". Die Teilnehmer sind in der Regel Praktiker aus Universitäten oder von Instituten. Wenn sie sich in Speyer kennenlernen, erfahren sie schnell, daß die Probleme sich überall ähneln. "Diese Netzwerkfunktion ist eine wichtige Aufgabe, die der Studiengang zusätzlich erfüllt", unterstreicht Jahn-Zimmermann.
Weitere Informationen unter:
www.hella.de
www.brose.de
www.siemens.de
www.daimlerchrysler.de
www.ufz.de
www.zwm-speyer.de