16. Dezember 2009

Start-up nach dem Studium

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Von Anne Jacoby



16. Mai 2007 „Gründungsgeschehen rückläufig“, vermeldet die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in ihrem Gründungsmonitor 2006. Und: „Keine Belebung zu erwarten.“ Ins gleiche Horn stoßen der Gründerreport 2006 der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), der Länderbericht Deutschland 2006 des Global Entrepreneurship Monitors (GEM) und die aktuelle High-Tech-Gründungsstudie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Auch unter Hochschulabsolventen hat die Lust aufs Selbständigmachen merklich nachgelassen, wenn auch nicht so stark wie in der restlichen Bevölkerung. „Zwischen 2003 und 2005 ist die Zahl der Gründer zwar insgesamt um 14 Prozent gesunken, die Zahl der Gründer mit akademischem Hintergrund aber nur um 10 Prozent“, weiß Dr. Margarita Tchouvakhina, Abteilungsdirektorin Volkswirtschaft der KfW Bankengruppe. Für 2006 zeichne es sich sogar ab, dass diese beiden Zahlen noch sehr viel deutlicher auseinanderklaffen werden, was nicht zuletzt auch am Existenzgründungszuschuss für sogenannte „Ich AG“-Gründer liegen mag, den die Regierung im August 2006 abschaffte. Daraufhin knickten die Gründerzahlen insgesamt weg, nicht jedoch die der Akademiker.

Akademiker gründen ganz anders als Gründer, die nicht studiert haben. Das zeigt sich schon bei der Wahl der Branche: Während insgesamt rund 25 Prozent aller Gründer ihre Selbständigkeit im Handel (Groß-, Einzelhandel sowie Direktvertrieb) beginnen, spielt diese Branche für Akademiker eine nur untergeordnete Rolle (Akademikeranteil: unter 10 Prozent). Das Baugewerbe, in dem 8 Prozent aller Nicht-Akademiker ihre Existenzgründung starten, ist nur für 1 Prozent der Akademiker interessant. „Außerdem sind Akademiker besonders stark in den wissensintensiven Berufen vertreten“, weiß KfW-Volkswirtschaftlerin Tchouvakhina. Architektur, Ingenieurwesen, Datenverarbeitung, Forschung und Entwicklung, Erziehung und Unterricht, Beratung, Gesundheitswesen und Kultur - das seien die typischen Domänen der Hochschulabsolventen, die sich für eine Karriere in einem der gesetzlich definierten Freien Berufe entscheiden und von den Vorteilen der Freiberufler profitieren: keine Gewerbesteuer zum Beispiel, keine Bilanzierungspflicht. Während die Zahl der Gewerbeanmeldungen sinkt, zeichnet sich bei den Freiberuflern ein umgekehrter Trend ab: 1998 gab es 646.000 Selbständige in Freien Berufen, 2005 bereits 906.000, so das Institut für Freie Berufe in Nürnberg.

Eine Stärke der Akademiker sind High-Tech-Gründungen. Laut einer Studie des ZEW („Hightech-Gründungen in Deutschland: Trends und Entwicklungsperspektiven“, Juni 2006) besitzt in knapp 70 Prozent der High-Tech-Unternehmensgründungen mindestens ein Gründungsmitglied einen Hochschulabschluss, wobei 53 Prozent ein FH- oder Unistudium abgeschlossen haben und 16 Prozent promoviert sind. Und mehr noch: Je höher der Bildungsabschluss der Gründer, desto erfolgreicher ist das Unternehmen. So zeigte die Studie, dass sich an Unternehmen mit starkem Beschäftigungs- und Umsatzwachstum häufiger ein promoviertes Gründungsmitglied beteiligte, als das bei wachstumsschwachen Unternehmen der Fall ist.

Laut ZEW machen High-Tech-Gründungen derzeit 6 bis 7 Prozent der Gründungen aus, zwischen 1995 und 1998 lag ihr Anteil noch bei 8 Prozent. Die Gründungszahlen sinken vor allem in den technologie- und wissensintensiven Wirtschaftszweigen des verarbeitenden Gewerbes, während - und das ist die gute Nachricht für akademische Gründer - die Zahl der neu gegründeten Dienstleistungsunternehmen im High-Tech-Sektor zunimmt.

Akademiker gründen mit einer anderen Haltung als Nicht-Akademiker: Laut KfW-Expertin Tchouvakhina sind sie „klarer in ihrer Motiviertheit“. 29 Prozent der Akademiker sehen sich selbst als „chancenmotiviert“, 23 Prozent gründen aus einer Notlage heraus. Dagegen sind nur 24 Prozent der Nicht-Akademiker „chancenmotiviert“ und nur 20 Prozent „notmotiviert“. Fragt man nur die männlichen Hochschulabsolventen, tritt das Motiv, eine Chance am Schopfe packen zu wollen, noch deutlicher hervor: 32 Prozent der Männer bezeichnen sich als „chancenmotiviert“ und 23 Prozent als „notmotiviert“. Akademikerinnen, die insgesamt weniger häufig als Gründerinnen in Erscheinung treten, schätzen ihre Lage umgekehrt ein: 33 Prozent gründen aus der Not heraus, 23 Prozent wollen eine Chance nutzen. „Für Akademikerinnen stellt die Selbständigkeit offenbar keine attraktive Alternative zur Festanstellung dar“, folgert Tchouvakhina. In ihrem Gründungsmonitor 2006 formuliert die KfW vorsichtig: „Betrachtungen des geschlechtsspezifischen Gründungsgeschehens im Zeitverlauf (...) lassen möglicherweise sogar auf eine milde Renaissance der klassischen Rollenverteilung schließen, da sich die Frauenanteile am Gründungsgeschehen im Zeitraum von 2000 bis 2005 insbesondere im Vollerwerb tendenziell verringert haben.“

Akademiker gründen häufiger im Team als Nicht-Akademiker (19 Prozent vs. 16 Prozent). „In dieser Zahl sind nicht die zahlreichen Kooperationen, Bürogemeinschaften und Netzwerkverbindungen enthalten, die für Freiberufler typisch sind“, erklärt Margarita Tchouvakhina. Etliche Studien zeigen: Gründungsteams sind erfolgreicher als Einzelgründer, die Erfolgswahrscheinlichkeit steigt mit der Teamgröße.

Betrachtet man nur die Gründungen im High-Tech-Sektor, ergibt sich laut ZEW ein eindeutiger Trend: 60 Prozent der Unternehmen werden von einem Team gegründet, das durchschnittlich drei Personen umfasst. „Große Teams decken das erforderliche Kompetenzspektrum in der Regel besser ab als Einzelgründer“, so die Autoren der Studie. Konkret heißt das zum Beispiel: Einer kennt sich mit der Technik aus, einer mit Controlling, einer mit Vertriebsfragen.

Akademiker gründen mit weniger Geld. Laut KfW-Volkswirtin Tchouvakhina haben 38 Prozent der Akademiker überhaupt keinen Finanzierungsbedarf (dagegen 31 Prozent der Nicht-Akademiker): Darunter zum Beispiel Freiberufler, die sich mit Laptop am Küchentisch selbständig machen.

23 Prozent der Akademiker bemühen sich um einen Mikrokredit zwischen 10.000 und 25.000 Euro - ein Betrag, mit dem lediglich 13 Prozent der Nicht-Akademiker auskommen. „Wer sich als Nicht-Akademiker beispielsweise im Handwerk selbständig macht, muss Maschinen oder Werkzeuge kaufen. Wer als Händler gründet, muss ein Warenlager vorhalten. Da können Kredite von mehr als 50.000 Euro notwendig werden“, erklärt Tchouvakhina.

Einen größeren Beitrag zur Finanzierung können private Investoren leisten - wie viel Geld sie tatsächlich fließen lassen, ist allerdings nicht bekannt, weil die sogenannten Business-Angels in der Regel unsichtbar bleiben. Dagegen mischen sich Risiko-Kapitalgeber (Venture-Capital-Geber, kurz VC-Geber) aktiv ins Management ein, um ihre Renditeziele zu erreichen. Diese Geldquelle ist allerdings nur für 5,5 Prozent der Unternehmen gesprudelt, die zwischen 1996 und 2005 gegründet wurden, so das ZEW.

Öffentliche Fördermittel sind gerade für High-Tech-Gründer interessant. Zwischen 1998 und 2005 haben rund 28 Prozent der High-Tech-Unternehmen Unterstützung von der KfW Bankengruppe (einschließlich der ehemaligen Deutschen Ausgleichsbank (DtA)) und ihrer Töchter wie der Technologiebeteiligungsgesellschaft (tbg) bekommen. Etwa 22 Prozent der geförderten Unternehmen haben die Fördermittel von Bundesministerien. Länderprogramme und -ministerien fördern 18 Prozent der Unternehmen und die Europäische Union 7,5 Prozent. Gute Nachricht für Akademiker: Laut ZEW zeigen mehrere Studien, „dass Hochschulabsolventen gewisse Vorteile bei der erfolgreichen Beantragung von öffentlichen Fördermitteln haben“.

Die Mehrzahl der Gründer-Akademiker sind keine klassischen Unternehmensgründer, die eine GmbH oder eine AG mit vielen Mitarbeitern an den Start bringen. „Die Zahl der Solo-Selbständigen - also Selbständige ohne Partner und ohne Mitarbeiter - steigt seit 17 Jahren. Heute sind es mehr als zwei Drittel aller Gründer“, weiß Tchouvakhina. Der vom Statistischen Bundesamt erhobene Mikrozensus 2004 zeigte, dass mittlerweile drei Viertel aller Vollzeitgründer und 93 Prozent aller Teilzeitgründer ohne Mitarbeiter starteten.

Etwas anders sieht es wiederum in der High-Tech-Branche aus: Laut ZEW-Studie beschäftigten die befragten Unternehmen durchschnittlich vier Mitarbeiter im ersten Geschäftsjahr und elf im jüngsten. Insgesamt liegen Teilzeitgründungen im Trend: Laut Mikrozensus ist die Zahl der in Teilzeit arbeitenden Selbständigen insgesamt zwischen 1996 bis 2004 um 36 Prozent gestiegen. Die Teilzeitquote unter den Selbständigen lag 2004 bei 14 Prozent, bei den Gründern bei 20 Prozent. Laut KfW gab es unter den Akademikern im Jahr 2005 sogar etwas mehr Nebenerwerbsgründer als solche, die sich Vollzeit in die Selbständigkeit gestürzt haben (17,9 Prozent vs. 16,3 Prozent).

Akademiker starten später. Den Sprung in die Selbständigkeit wagen nur die wenigsten Hochschulabsolventen direkt nach der Uni. Die meisten sammeln erst einmal Erfahrung als Angestellte: Wie tickt die Branche? Welche Produkte und Dienstleistungen sind gefragt? Der Vorteil: Wenn sie bei ihren ersten Schritten im Job Fehler machen, müssen sie nicht ganz allein dafür geradestehen.

60 Prozent der Gründer mit akademischem Hintergrund waren vor ihrem Start in die Selbständigkeit abhängig beschäftigt, bestätigt Margarita Tchouvakhina. Nur 19 Prozent waren zuvor überhaupt nicht erwerbstätig, weil sie zum Beispiel noch studiert haben.

Akademiker bereiten sich gut vor: „Die intensive Vorbereitung einer Unternehmensgründung ist bei Akademikern heute ein wichtiges Thema“, sagt Tchouvakhina. Am Anfang einer Existenzgründung stehe eine Idee, die begeistert. Diese Idee sollte aber in jedem Fall durch einen Businessplan unterlegt werden, der darüber Aufschluss gibt, mit welchen Umsätzen und Kosten man in welchen Zeiträumen rechnet. Je genauer man einen solchen Businessplan aufstellt, desto präziser und realistischer zeigt sich die Umsetzbarkeit der ursprünglichen Idee. Zum einen erhöht das die Wahrscheinlichkeit, erfolgreich zu gründen. Zum anderen ist ein detaillierter Businessplan noch Jahre nach der Unternehmensgründung ein wichtiger Maßstab dafür, inwieweit die Prognosen umgesetzt wurden und welche Maßnahmen im weiteren Verlauf zu treffen sind.

Danach komme es vor allem aufs Durchhalten an - und darauf, auch bei Misserfolgen nicht den Mut zu verlieren. High-Tech-Gründer scheinen darin wahre Meister zu sein: Eine Umfrage vom ZEW hat ergeben, dass 43 Prozent schon zum zweiten Mal gründen.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 90, 2007
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor
 
 
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