21. Dezember 2009

Freie Berufe haben Hochkonjunktur

Ganz speziell: Freie Berufe

Von Anne Jacoby



16. Mai 2007 
Von 1995 bis 2006 ist die Zahl der Freiberufler um mehr als 40 Prozent in die Höhe geschnellt. Weil hier vor allem viel Wissen gefordert ist, stellt die Freiberuflichkeit insbesondere für Akademiker eine interessante Option dar.

„Hos geldiniz“ - dieser Gruß steht ganz oben auf der neu gestalteten Website von Halil Öztas, direkt daneben: „Willkommen“. Der 1977 geborene Rechtsanwalt kennt sich aus mit deutscher Rechtsprechung und mit türkischer, und hat damit eine sehr lukrative Nische für sich entdeckt. „Ich hatte damit gerechnet, frühestens nach einem halben Jahr erste Gewinne zu erwirtschaften, doch es lief schon nach zwei Monaten gut“, ist Öztas zufrieden. Seine Kanzlei in Offenbach am Main öffnete im August 2005, und bereits jetzt beschäftigt er eine - ebenfalls türkischstämmige - Anwältin, eine Sekretärin, einen Azubi, drei Referendare und weitere freie Mitarbeiter.

„Ich wollte schon immer auf eigenen Füßen stehen“, sagt Öztas. Weil er schon während des Studiums bei einer Anwaltskanzlei selbständig Fälle bearbeiten konnte, fühlte er sich erfahren genug, um sich direkt nach seinem Staatsexamen selbständig zu machen. Ein ziemliches Risiko, das war dem jungen Anwalt klar: „Ich habe zuerst mit meinen Freunden, mit meiner Frau und meinen Eltern darüber gesprochen - sie haben mir Rückendeckung gegeben.“ Dann hat er einen Businessplan geschrieben, ein Büro gesucht, eine Bank überzeugt und beim Arbeitsamt einen Existenzgründungszuschuss beantragt. Vor allem das Bankgespräch war seine „große Sorge“ und ein „großer Kampf“, erinnert sich der Kanzleigründer.

In Deutschland gibt es derzeit rund 906.000 selbständige Freiberufler, 94.400 davon sind Rechtsanwälte. Sie bilden zusammen mit Wirtschafts- und Steuerberatern die zweitgrößte Gruppe der sogenannten Katalogberufe, die als Freiberufler kein Gewerbe anmelden müssen: 27 Prozent aller Freiberufler sind in diesem Bereich tätig. Die größte Berufsgruppe sind mit 32 Prozent Heilkundler (z. B. Ärzte, Zahnmediziner, Apotheker, Therapeuten), die Angehörigen der Freien Kulturberufe stellen 23,7 Prozent der Freiberufler, und die Techniker (z. B. Architekten, Ingenieure, Lotsen) 17,2 Prozent. Laut Bundesverband der Freien Berufe (BFB) beschäftigen sie insgesamt mehr als 2,5 Millionen Mitarbeiter, erwirtschaften rund 9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und stellen einen Wachstumsmotor der deutschen Wirtschaft dar, der immer wichtiger wird.

„Eine schnellere und preiswertere Start-up-Möglichkeit als über freiberufliche Tätigkeiten gibt es kaum“, erklärt Martin Massow in seinem „Freiberufler-Atlas“. Wer kein externes Büro braucht, muss nur in einen PC, in Briefpapier und Visitenkarten investieren - was heute für wenig Geld zu haben ist. Eine einfache Anmeldung beim Finanzamt genügt, dann kann es losgehen. Die Buchführung ist einfach: Es gibt keine Bilanzierungs- und Buchführungspflicht, stattdessen reicht eine einfache Gewinn- und Verlustrechnung.

Der Nachteil: „Vielen Freiberuflern geht es nicht sehr gut, manche müssen woanders noch dazuverdienen oder üben einfach mehrere Berufe aus, um über die Runden zu kommen“, weiß Massow. Doch dafür genießen sie eine hohe Lebensqualität: Sie entscheiden selbst, wann, wo und für wen sie arbeiten. „Schon heute arbeiten Millionen Menschen als Freie, feste Freie, kreative Dienstleister, Project-Worker, wie auch immer. Und zwar weil sie das wollen, Flexibilität suchen und eine bessere Work-Life-Balance“, unterstrich Matthias Horx, Gründer des Kelkheimer Zukunftsinstituts, jüngst in einem Spiegel-Online-Interview.

Das Beispiel Halil Öztas zeigt, dass freiberufliche Gründungen wirtschaftlich aber auch sehr erfolgreich sein können. Bei der Offenbacher Kanzlei waren zwei Faktoren ausschlaggebend. Erstens: „Ich habe von Anfang an sehr gute Arbeit geleistet und war erfolgreich, das hat sich herumgesprochen“, weiß Öztas. Zweitens ist der junge Anwalt ein Marketing-Naturtalent: Schon seit seinem elften Lebensjahr half er vielen türkischen Familien bei Behördengängen - dafür wurde und wird er hochgeschätzt. Einen weiteren Bekanntenkreis erschloss er sich als Ausbilder für Schiedsrichter beim Hessischen Fußballverband und andere Ehrenämter. Außerdem ist ein türkischer Fernsehsender auf ihn aufmerksam geworden, so dass er jetzt regelmäßig in einer Anwaltssendung auftritt und über diesen Weg Mandanten aus ganz Deutschland gewinnt. Vielleicht liegt die Networking-Begabung in der Familie: Diese hat so viele Freunde und Verwandte, dass Öztas seine Hochzeit mit 1.200 Gästen feierte.

LINKTIPPS:

http://www.kanzlei-oztas.de Kanzlei Öztas & Associates

http://www.ifb-gruendung.de Institut für Freie Berufe (IFB) an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Abteilung Gründungsberatung

http://www.freie-berufe.de Bundesverband der Freien Berufe

Hier finden sich ausführliche Informationen zum Beispiel zur Abgrenzung zwischen „Freiem Beruf“ und „Gewerbe“ und zu Rechtsformen: http://www.freie-berufe.de/ IFB-Information-zur- Rechtsform. 424.0.html

BUCHTIPP:

Martin Massow:
Freiberufler-Atlas. Schnell und erfolgreich selbständig werden.
Ullstein Verlag, 2006, 463 Seiten,
12 Euro

RECHTSFORMEN FÜR FREIE BERUFE

Einzelunternehmung:
Der Inhaber arbeitet allein und haftet unbeschränkt mit seinem Vermögen. Eine Berufshaftpflichtversicherung ist deshalb in einigen Freien Berufen Vorschrift.

Büro- oder Praxisgemeinschaft:
Mehrere Freiberufler nutzen gemeinsame Räume und beschäftigen möglicherweise auch gemeinsame Mitarbeiter. Jeder tritt nach außen aber als Einzelunternehmer auf und haftet nicht für die Fehler der anderen.

Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR):
Hier arbeiten mehrere Freiberufler zusammen. Jeder Gesellschafter haftet mit seinem gesamten Vermögen - auch für die Fehler seiner Partner.

Partnergesellschaft (PartGG):
Diese Gesellschaftsform steht ausschließlich Freiberuflern offen und ermöglicht auch die Zusammenarbeit verschiedener Professionen. Bei Fehlern in der Berufsausübung haftet nur der dafür verantwortliche Partner.

Kapitalgesellschaft:
Auch diese Form steht - abgesehen von einigen berufsrechtlichen Beschränkungen - Freiberuflern offen. Vorteil ist die Haftungsbeschränkung, Nachteil ist allerdings die Gewerbesteuer und Bilanzierungspflicht.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 90, 2007
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor