16. Mai 2007
Gute Noten im Studium machen noch keinen guten Unternehmer. Rund 50 Prozent der Existenzgründer geben in den ersten sechs Jahren wieder auf, ein Fünftel von ihnen sind Hochschulabsolventen.
Noch heute tuscheln sie gelegentlich auf den Gängen des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven: Er war ein sehr guter Ingenieur - aber er hatte kein unternehmerisches Denken. Vor zehn Jahren war das gewesen, als ein Mitarbeiter des Instituts sich selbständig machte und eine eigene Elektronikfirma gründete. Doch außer den Aufträgen aus dem Mutterinstitut erhielt er kaum Aufträge. Im Jahr 2005 wurde das Unternehmen aufgegeben. Ein klassischer Fall: Der Existenzgründer hatte sich vorab nicht ausreichend informiert, ob es für seine Produkte auch einen Markt gibt.
Gerade bei Hochschulabsolventen ist es häufig so, dass sie im Studium sehr gut sind, für die Existenzgründung aber noch nicht über ausreichende Unternehmerkenntnisse verfügen, weiß Anne Sahm vom Wirtschaftsinformationsdienst Creditreform. Laut Statistischem Bundesamt meldeten die deutschen Amtsgerichte für das erste Halbjahr 2006 ganze 16.265 Unternehmensinsolvenzen. Rund 31 Prozent von ihnen geschehen innerhalb der ersten vier Jahre. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung schätzt den Akademikeranteil bei Existenzgründungen auf über 20 Prozent, ebenso verhält es sich bei den Pleiten.
Woran hapert es bei so vielen Existenzgründern? Aus einer Befragung von Gründungsberatern durch die FH Trier ging eindeutig hervor, dass Finanzierungsprobleme der Misserfolgsfaktor Nummer eins sind. Auf Platz zwei und drei folgen der Mangel bei Marketing und Umfeldanalyse sowie persönliche Defizite. Etwa gleichauf liegen die Misserfolgsfaktoren kaufmännische Defizite sowie Fehlplanung bei Konzept und Vorbereitung. Die Studie zeigt, dass nicht einzelne Problemfelder den Gründern zu schaffen machen, sondern ein Mix der Faktoren den Start neuer Unternehmen erschweren, sagen Jan Adam und Tobias Dörholt, die Leiter der Studie.
Immer wieder bekomme ich mit, wie Gründer den Markt maßlos überschätzen, berichtet Stefanie Pump, bei der Hamburger Sparkasse HASPA für Existenzgründungsvorhaben zuständig. Viele glauben sogar, dass sie es ohne Business-plan schaffen können. Auch die KfW Mittelstandsbank, über die staatliche Förderungen für Existenzgründer vergeben werden, vermeldet, dass immer wieder erstaunlich viele Akademiker unvorbereitet in die Kreditgespräche gehen. Dabei sind eine gründliche Vorbereitung und das Sammeln von Branchenkenntnissen das A und O, so Stefanie Pump.
Auch in späteren Phasen nimmt die Gefahr zu scheitern nicht ab: In der Zeit von vier bis sechs Jahren nach der Gründung gibt es noch einmal eine zweite Klippe zu überwinden, weiß Anne Sahm von Creditreform. Der Unternehmer muss dann im gewachsenen Betrieb häufiger Managerqualitäten gegenüber Mitarbeitern zeigen und Aufgaben delegieren können. Auch daran scheitern viele Gründer aufgrund ihrer Persönlichkeit. Hinzu kommt, dass Kreditgeber im Lauf der Zeit nicht gerade spendabler werden: Wer nicht über ein boomendes Unternehmen verfügt, wird es auch nach vier Jahren schwer haben, bei Banken eine Wachstumsfinanzierung zu bekommen, weiß Günther Möhlig vom Institut für Existenzgründungsforschung EXFOR.
Langfristig werde die Zahl der Pleiten bei jungen Unternehmen jedoch stagnieren, schätzt Andrea Sahm bei Creditreform. Denn mit der Abschaffung der Ich-AG würden nur noch die ernsthafteren Vorhaben den Sprung in die Existenzgründung wagen. Hintergrund ist, dass mit der Einführung des Ich-AG-Nachfolgers Gründungszuschuss seit August 2006 die Anforderungen an Gründerkonzepte verschärft wurden. So müssen Bewerber ein Gutachten aus der Feder einer Industrie- und Handelskammer vorlegen. Man braucht heute schon eine einigermaßen überzeugende Idee, um als Gründer Zuschüsse zu bekommen, weiß Günther Möhlig bei EXFOR.