12. Mai 2008 Die meisten studieren, ohne zu wissen, was sie später beruflich machen wollen. Danach halten sie sich häufig mit Übergangsjobs über Wasser - und verdienen deutlich weniger als die Absolventen anderer Fächer. In der Öffentlichkeit werden sie gerne als weltfremde Schöngeister verspottet - gebildet, aber nicht gebraucht. Was treibt Historiker, Germanisten, Philosophen zu ihrem Fach? Mit welchem Gefühl studieren sie? Und was wird aus ihnen fünf Jahre nach ihrem Examen?
Bei den Ingenieuren ist es traditionell so: Immer wenn die Konjunktur anzieht und die Unternehmen einen Mangel an technisch versierten Akademikern beklagen, steigen die Studienanfängerzahlen im Maschinenbau und in der Elektrotechnik. In Phasen, in denen es hingegen mehr Ingenieure auf dem Arbeitsmarkt gibt als freie Stellen, schrecken die jungen Leute vor einem Studium der entsprechenden Fächer zurück. Dieses Verhalten ist nicht unbedingt klug. Denn es mündet letztlich im berüchtigten Schweinezyklus: Mal gibt es einen Ingenieurmangel, mal eine Ingenieurschwemme. Aber es zeigt gleichzeitig, was sich die technisch interessierten Schulabgänger und potentiellen Ingenieure von einem Studium versprechen: die Qualifikation für einen möglichst sicheren Arbeitsplatz, die Garantie für ein gutes Einkommen.

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Geisteswissenschaftler ticken anders. Ob Konjunktur oder Rezession - wer Philosophie, Germanistik, Geschichte oder fremde Sprachen und Kulturen studieren will, macht seine Entscheidung nicht von der Lage auf dem Arbeitsmarkt abhängig. Die Statistik belegt: Der Anteil der Studienanfänger in geisteswissenschaftlichen Fächern bleibt seit Jahren weitgehend konstant - bei rund 22 Prozent. Die Befragungen des Hochschul-Informations-Systems (HIS) zeigen zudem, dass die Anfänger in den Geisteswissenschaften wesentlich weniger Wert auf ein gutes Einkommen und eine sichere Berufsposition legen als jene anderer Studienfächer. Vielmehr sind das Interesse am Fach, die eigene Neigung und Begabung sowie die Möglichkeit zur persönlichen Entfaltung die wichtigsten Motive, eine Sprach- oder Kulturwissenschaft zu studieren.
Philip Janssen beispielsweise hatte schon immer ein leidenschaftliches Interesse an Geschichte. Ich bin ein Lehrerkind. Bei uns zu Hause standen immer viele Geschichtsbücher rum, in die ich gerne reingeschaut habe, sagt er. Familienfeste nutzte Janssen, um die älteren Verwandten nach ihren Erfahrungen im Nationalsozialismus zu fragen. Zudem nahm er als Schüler aus eigenem Antrieb am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten teil. Nach dem Abitur war absolut klar, dass Janssen Geschichte studieren würde. Zu welchem Beruf das Studium führen sollte, wusste er nicht. Mit dieser Frage habe ich mich damals einfach noch nicht beschäftigt. Sicher war nur, dass ich nicht Lehrer werde, sagt der heute 32-Jährige. So entschieden wie Philip Janssen war Isabel Suditsch nach der Schulzeit nicht. Sie wusste nur, sie wollte studieren. Und Naturwissenschaften, Jura oder BWL waren nicht ihr Ding. Sie hat sich dann für Germanistik und Anglistik eingeschrieben, weil ihr die Beschäftigung mit Literatur immer Spaß gemacht hat. Ich war aber nicht wirklich festgelegt. Es war vielmehr eine intuitive Entscheidung, sagt die 22-Jährige. Pascal Kronenbusch hat Fächer gewählt, die seiner Meinung nach am besten der persönlichen Entfaltung dienen. Philosophie und Psychologie macht man für sich, für die Selbsterkenntnis, sagt er. Der Karriere wegen Wirtschaft oder Jura zu studieren ist für den 22-Jährigen eine vollkommen abwegige Vorstellung. Es geht doch auf dieser Welt nicht nur um Profit.
Philip Janssen, Isabel Suditsch, Pascal Kronenbusch sind keine Ausnahmen - die meisten Geisteswissenschaftler starten ohne Berufsziel ins Studium und bleiben hinsichtlich ihrer Zukunft eine ganze Weile recht unbekümmert. Verständlicherweise, denn geisteswissenschaftliche Studiengänge laden stärker als andere zum Abtauchen ein. Nicht zuletzt, weil der Stoff so praxisfern ist. Wer Kleists Inszenierung der Geschlechter analysiert, über Heideggers Zeitbegriff diskutiert oder sich in die Grundherrschaft im hohen Mittelalter vertieft, der denkt dabei nicht an die Anwendbarkeit im Beruf, sondern tut dies aus einem fachlichen Erkenntnisinteresse heraus. Hinzu kommt, dass die Professoren ihrer akademischen Sphäre verhaftet sind und vom Arbeitsleben außerhalb der Universität wenig verstehen. Sie führen, anders als viele ihrer Kollegen aus den Natur- oder Wirtschaftswissenschaften, kein eigenes Unternehmen nebenbei. Und sie pflegen auch keine Kontakte zur Industrie, um Drittmittel einzutreiben und ihre guten Absolventen zu vermitteln.
Im Kosmos der geisteswissenschaftlichen Fakultäten lassen sich die Realitäten auf dem Arbeitsmarkt eine Weile bestens verdrängen. Die Studenten entwickeln ein Kollektivbewusstsein, das Geborgenheit vermittelt. Man hat ein gemeinsames Fachinteresse und zieht zusammen durchs Studium, berichtet Andreas Eimer, Leiter des Career-Service in Münster.
Eigentlich empfehlen Karriereberater wie Eimer genau das Gegenteil. Geisteswissenschaftler sollten einen ganz individuellen Studienverlauf anstreben und sich auf diese Weise passgenau auf ein sehr spezifisches Berufsprofil vorbereiten. Das Ideal ist beispielsweise ein Sinologe, der sich nicht nur mit der chinesischen Sprache und Literatur befasst, sondern auch Seminare in BWL und Handelsrecht belegt, sich nebenbei in Psychologie und Rhetorik fortbildet, in den Semesterferien ein Praktikum in der Außenhandelskammer in Peking oder Shanghai absolviert und schließlich in der Vertriebsniederlassung eines deutschen Unternehmens in China unterkommt. Das Problem ist nur: Den meisten Geisteswissenschaftlern fehlt dieses klare Berufsziel. Vielmehr wabert im Hinterkopf vieler Studenten der diffuse Wunsch, später an der Uni zu bleiben oder irgendetwas mit Medien zu tun.
Die Unbekümmertheit hält allerdings in der Regel nicht das ganze Studium hindurch an. Je näher das Examen rückt, desto größer werden die Zukunftssorgen. Auch zwischendurch schon machen sich immer mal wieder Ängste bemerkbar - meistens dann, wenn das Kollektiv erste Risse zeigt. Wenn beispielsweise Kommilitonen ihr Studium abbrechen, noch schnell auf Lehramt umsatteln oder plötzlich ein Praktikum nach dem anderen machen. Nach dem Grundstudium ging die Leichtigkeit verloren. Ich wurde langsam nervöser, berichtet der Historiker Philip Janssen. Bei uns im Fachbereich brechen viele ab und fangen da fest an zu arbeiten, wo sie vorher schon gejobbt haben. Das gibt dir dann auch zu denken, räumt Philosophiestudent Pascal Kronenbusch ein. Man fragt sich im Lauf der Zeit halt, welchen Sinn es hat, eine Hausarbeit nach der anderen zu schreiben. Ich sehe zu, dass ich jetzt regelmäßig Praktika mache, sagt Isabel Suditsch. Dass Geisteswissenschaftler ihr Studium nicht als ganz und gar unbeschwerte Zeit erleben, darauf deutet auch die im Vergleich mit anderen Fächergruppen hohe Studienabbruchquote hin. In den Sprach- und Kulturwissenschaften liegt sie laut HIS-Untersuchung aktuell bei 32, in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften hingegen bei nur 19 Prozent. Die Motive für den Studienabbruch sind zwar vielfältig, die berufliche Neuorientierung ist bei den Abbrechern aus den Sprach- und Kulturwissenschaften jedoch eines der wichtigsten.
Wer das Studium abschließt, steigt in der Regel nicht direkt ins reguläre Berufsleben ein. Viele Geisteswissenschaftler halten sich im ersten Jahr nach dem Examen mit Übergangsjobs über Wasser, machen Praktika oder bilden sich fort. Die auf Geisteswissenschaftler spezialisierte Karriereberaterin Maria Kräuter hat in ihren Gesprächen mit Absolventen festgestellt, dass die heutige Generation der Sprach- und Kulturwissenschaftler zwar pragmatischer ist als noch vor zehn Jahren. Die Distanz zur privaten Wirtschaft ist nicht mehr ganz so groß wie früher, sagt sie. Gleichzeitig aber mache sich bei den Absolventen ein mangelndes Selbstbewusstsein bemerkbar. Wenn man sie nach ihren berufsrelevanten Kompetenzen fragt, nehmen sie gleich eine Verteidigungshaltung ein. Kräuter führt dies auf die Geringschätzung der Geisteswissenschaften in der Gesellschaft zurück.
Tatsächlich spielen Sprach- und Kulturwissenschaften im öffentlichen Diskurs und in der Wissenschaftspolitik eine untergeordnete Rolle. Schon im Dezember 2006 kritisierte Silke Leopold, damals Prorektorin für Studium und Lehre der Uni Heidelberg, dies in einer Rede zur Bedeutung der Geisteswissenschaften: Seit längerem ist in der Öffentlichkeit eine Diskussion darüber im Gange, ob unsere Gesellschaft sich diese Horden von Germanisten, Philosophen oder Historikern noch
leisten will, die zur Produktivität unserer Wirtschaft scheinbar wenig beitragen, ob jene vermeintlichen Orchideenfächer wie Papyrologie oder Islamwissenschaften - Orchideen nach dem Motto ›schön, aber nutzlos‹ - nicht viel zu wenige Studierende anziehen, um in Zeiten knapper Kassen noch finanzierbar zu sein. Wenige Tage zuvor hatte der Spiegel in einer Titelgeschichte mit der Überschrift Am Leben vorbei die Frage gestellt, warum so viele das Falsche studieren. Gemeint waren natürlich die Geisteswissenschaftler, die keiner brauche, schon gar nicht der Arbeitsmarkt. Seitdem ist deren Stellenwert nicht gewachsen. Im Gegenteil: An vielen Unis wurden geisteswissenschaftliche Fakultäten entweder ganz geschlossen oder zurechtgestutzt. Auch in der jüngsten Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder zur Förderung der Wissenschaft an den Hochschulen fanden die Geisteswissenschaften quasi nicht statt. Die Extragelder bekamen vor allem jene Hochschulen zugesprochen, die mit zukunftsträchtigen Konzepten im naturwissenschaftlich-technologischen Bereich aufwarten konnten.
Dabei zeigt der Blick auf den Arbeitsmarkt: So nutzlos wie oft behauptet scheinen Geisteswissenschaftler gar nicht zu sein. Zwar werden sie in Stellenanzeigen so gut wie nie explizit gesucht. Geisteswissenschaftler brauchen nach dem Examen auch länger als Absolventen anderer Fächer, bis sie ihre erste reguläre Erwerbstätigkeit ausüben. Doch nach ein paar Jahren hat der weitaus größte Teil einen Job. Und: Immer häufiger finden sie den in der Privatwirtschaft. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft von 2007 ergab: Viele Unternehmen zeigen sich inzwischen aufgeschlossen gegenüber Geisteswissenschaftlern. Eingesetzt werden sie vor allem in den Bereichen Marketing, Vertrieb und Kundenbetreuung, Personalführung, Public Relations und EDV. Die von Arbeitgebern geschätzte Stärke von Sprach- und Kulturwissenschaftlern liegt in deren kommunikativer und interkultureller Kompetenz. Außerdem zeichnen sich Geisteswissenschaftler durch selbständiges Arbeiten, die Übernahme von Verantwortung und die Fähigkeit aus, sich auf veränderte Umstände einzustellen.
Gelernt haben sie dies in einem Studium, das einerseits viele Freiräume ließ, andererseits eine gehörige Portion Eigeninitiative erforderte. Im Gegensatz zu den Studenten anderer Fächer bekamen Geisteswissenschaftler weder einen Studienplan noch ein fertiges Berufsbild vorgesetzt. Die Studenten mussten sich selbst organisieren. Mit der Einführung des Bachelors ändert sich das - worin viele Bildungsexperten eine Gefahr sehen. Die Umstellung auf die modularisierten Studiengänge erfolge nach dem Muster eines weitgehend verschulten Ausbildungsgangs mit wenig Wahlmöglichkeiten und einem engen thematischen Fokus. Dies sei für viele Fächer sinnvoll, in den meisten Geisteswissenschaften bedroht es jedoch die spezifische Wissenschaftskultur und das Qualifikationsprofil ihrer Absolventen, so etwa die Kritik des ehemaligen Kulturstaatsministers und heutigen Ordinarius für Politische Theorie und Philosophie der Ludwig-Maximilians-Universität München, Julian Nida-Rümelin.
Dabei ist es doch gerade eine der wichtigsten Aufgaben des Bachelors, durch eine stärkere Praxisorientierung der Studiengänge die Berufsfähigkeit der Studenten zu fördern. An der Uni Hamburg beispielsweise sind aus diesem Grund 15 Prozent des gesamten Studiums für Allgemeine Berufsqualifizierende Kompetenzen (ABK) reserviert. Wer Germanistik, Geschichte, Philosophie oder fremde Sprachen und Kulturen studiert, besucht nun auch Seminare über die Bewerbung für ein Praktikum, EDV für Geisteswissenschaftler, Berufsfelderkundung, Präsentation und Moderation, Schreibtechniken und Projektmanagement. Lauter nützliche Dinge findet Ulrike Job, die als Leiterin der Arbeitsstelle Studium und Beruf die ABK-Maßnahmen für Geisteswissenschaftler koordiniert. Doch auch sie fürchtet, dass der eigentliche Trumpf von Geisteswissenschaftlern durch den Bachelor verspielt werden könnte: nämlich ein kritischer, offener, flexibler Geist, eine Persönlichkeit, die in der wissenschaftlichen Arbeit, in Auslandsaufenthalten und bei Ausflügen in andere Disziplinen, durch Nachdenken, Diskutieren, Orientieren und auch durch die Auseinandersetzung mit Selbstzweifeln reifen konnte. Dieses Ziel, so Job, erreiche man nicht in drei Jahren. Das brauche Zeit.