24. November 2003
Die Informationstechnik hat auch den Beruf des Wirtschaftsprüfers umgekrempelt: Controlling in Echtzeit, computergestützte Abrechnungssysteme und E-Business eröffnen ganz neue Arbeitsfelder für Berufseinsteiger.
Eine knifflige Situation: Da stehen ihm die IT-Fachleute des Mandanten gegenüber oder die Geschäftsfüh-rung höchstpersönlich, und er muß ihnen eröffnen, daß das Buchführungssystem Lücken hat, daß die Daten, die es generiert, nicht ordnungsgemäß sind und daß eine neue Software nötig ist. "Das hört niemand gern", weiß Guido Czampiel. "Solche unangenehmen Nachrichten muß ich natürlich sehr gut begründen können und am besten gleich Ideen haben, wie man es besser machen kann." Der Consultant bei Deloitte & Touche arbeitet seit eineinhalb Jahren als IT-Prüfer. Das heißt, er überprüft die EDV der Mandanten auf Herz und Nieren bevor die eigentlichen Wirtschaftsprüfer sich die Zahlen vornehmen. Belastbarkeit, ausgeprägte analytische Fähigkeiten sowie eine gewisse Abgeklärtheit seien die wichtigsten Eigenschaften, die man in diesem Job brauche: "Man macht sich als IT-Prüfer nicht immer Freunde und muß oft auch ein zweites Mal nachfragen, bis man genau die Informationen bekommt, die man braucht", beschreibt Czampiel. Schon im BWL-Studium mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik an der Uni in Frankfurt am Main habe für ihn festgestanden, daß er bei einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft arbeiten wolle. Während seiner kaufmännischen Ausbildung vor dem Studium und während eines Praktikums, in dem er mit SAP arbeitete, habe sich sein Interesse für Computer und Software verstärkt, so Czampiel. "Man muß in meinem Job zwar kein ausgewiesener IT-Fachmann sein, sollte aber neben einem Verständnis für betriebswirtschaftliche Fragestellungen eine Affinität zur Informationstechnologie haben", berichtet er. Pedantisch müsse man allerdings nicht sein, wirkt er dem üblichen Vorurteil entgegen: "Wir zählen nicht jeden Cent, sondern müssen das System durchschauen."
Wir zählen nicht jeden Cent, sondern müssen das System durchschauen.
Wirtschaftsprüfung ist heute ohne EDV-Kenntnisse nicht mehr zu bewältigen. Dabei werden die klassischen Wirtschaftsprüfer von Experten unterstützt. Denn längst sind die Systeme so komplex, daß nur noch Fachleute sie wirklich durchschauen. In den vergangenen Jahren haben sich neue, interessante Berufsbilder durchgesetzt, für die Prüfungsunternehmen teilweise händeringend Nachwuchs suchen: IT- oder EDV-Prüfer wie Czampiel, aber auch Entwickler von Prüfungssoftware und IT-Consultants sind gefragte Spezialisten an der Schnittstelle zwischen IT und Rechnungswesen.
IT-Prüfer oder -Revisoren sind entweder bei den großen Prüfungsgesellschaften angestellt oder arbeiten bei externen Spezialisten, deren Leistungen von den mittelständischen und kleinen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften eingekauft werden. Auch die selbständige Arbeit als IT-Prüfer und -Consultant lohne sich, betont Wirtschaftsprüfer Dr. Christoph Swart, Mitglied des Fachausschusses Informationstechnologie beim Institut Deutscher Wirtschaftsprüfer. "IT-Prüfer ist ein Beruf mit sehr hohen Anforderungen - aber auch sehr interessanten Aufgaben", faßt er zusammen. Ein Anreiz: Gute Einsteiger hätten viel schneller eigene Verantwortlichkeit für die Kommunikation mit den Mandanten als Mitarbeiter in übrigen Prüfungsbereichen. Auch der Verdienst sei gut - bei erfahrenen IT-Prüfern oft auf Steuerberaterniveau. Dazu kämen in der Regel Prämien und Entschädigungen für die Reisen und Fahrten, so Swart. Denn ein IT-Prüfer ist viel unterwegs: "Bestandsaufnahme, Feststellen der Risikofaktoren und Auswerten, nebenbei die Prüfungsergebnisse darstellen und mit dem Prüfungsleiter abstimmen und gegebenenfalls die Ergebnisse dem Mandanten gegenüber präsentieren - das alles geschieht heute in wenigen Tagen, dann geht es schon zum nächsten Mandanten."
Wenn ich heute fünf gute IT-Prüfer kriegen könnte, würde ich sie sofort einstellen.
Gefragt sind die Spezialisten auf jeden Fall. Die meisten haben berufsbegleitend ein weltweit anerkanntes Zertifikat erworben, das ihre Kenntnisse dokumentiert. CISA heißt der Abschluß: Certified Information Systems Auditor. Er kann über die Berufsorganisation der IT-Revisoren (ISACA) auch in Deutschland abgelegt werden. Oft werden die Teilnehmer für die Vorbereitung darauf, ähnlich wie beim Steuerberater- oder Wirtschaftsprüferexamen, von ihrer Arbeit freigestellt. Mehr als 200 Kandidaten haben sich für die Prüfung in diesem Jahr angemeldet, teilt Michael Schneider, CISA-Koordinator der ISACA, mit. Nicht alle bestehen die Prüfung. Im letzten Jahr waren es etwa 60 Prozent. "Doch die Prüfungsgebiete sind sehr nah an dem, was der IT-Prüfer täglich macht. Mit einiger Berufserfahrung ist das zu schaffen", betont er. Mindestens zwei bis drei Jahre Berufserfahrung sind ohnehin notwendig, bis ein Teilnehmer den CISA-Titel tragen darf, bei Teilnehmern ohne Universitätsstudium mehr.
Die Prüfung dazu hat Guido Czampiel noch vor sich. Nächstes Jahr werde er sich über die Bücher setzen, lautet sein Plan. Große Angst bereitet ihm das Examen nicht, denn schon nach eineinhalb Jahren in der EDV-Prüfung kennt er die Materie. Sein Chef Thomas Loy, Partner bei Deloitte & Touche, hat neben dem CISA-Examen auch das Wirtschaftsprüferexamen absolviert. "Das ist nicht die Regel in der IT-Revision und auch nicht unbedingt notwendig - aber es schadet nichts", schmunzelt er. Viele Spezialisten gebe es indes noch nicht. "Wenn ich heute fünf gute IT-Prüfer kriegen könnte, würde ich sie sofort einstellen", sagt Loy. Gute Chancen für Berufsanfänger. Für sie "reichen" Kenntnisse aus den Bereichen Jahresabschluß und Rechnungswesen und IT-Consulting oder IT-Prozeßgestaltung. Neben Wirtschaftsinformatikern kämen auch Praktiker aus dem IT-Umfeld in Frage, die eine gewisse Liebe zum Rechnungswesen entwickeln oder BWLer, die zum Beispiel in der Logistik oder im Vertrieb die betriebswirtschaftlichen Prozesse kennengelernt haben. Nach Assessmentcentern und Einzelgesprächen würden die Einsteiger ausgewählt und sofort in ihrem Arbeitsfeld eingesetzt. Ein spezielles Traineeprogramm sei nicht etabliert, so Loy. Die Einsteiger lernen von den Profis und übernehmen bald eigene Aufgaben, erst einfachere und dann immer verantwortungsvollere bis hin zu Präsentationen vor den Mandanten. "Die Freiheit, aber auch die Verantwortung ist hier größer als bei den Einsteigern, die Wirtschaftsprüfer werden wollen." Spätestens da wird die Sozialkompetenz wichtig, die Einsteiger mitbringen müssen. "Sie brauchen im Prinzip die wichtigsten Eigenschaften von guten Consultants und müssen sicher und fundiert über ihre Ergebnisse sprechen können", so Loy. So führen die Karrierewege denn auch sukzessive in Richtung Berater. Später seien die IT-Spezialisten bei einigen Mandanten als Berater, bei anderen als Prüfer tätig, abhängig von der jeweiligen Aufgabenstellung. In jedem Fall sei es immer wieder spannend, versichert Loy.
die Freiheit, aber auch die Verantwortung ist hier größer als bei den Einsteigern, die Wirtschaftsprüfer werden wollen.
Auch die Aufgaben in der "klassischen" Wirtschaftsprüfung sind heute mehr als früher EDV-basiert. Das Berufsbild tendiert zum sogenannten "Real-Time-Financial-Reporting". In Echtzeit sollen Wirtschaftsprüfer heute über das Wohl und Wehe ihrer Mandanten Auskunft geben, statt einmal im Jahr ein Testat anzufertigen. Prozeß- statt ergebnisorientiert - so beschreibt es Prof. Dr. Carl-Christian Freidank vom Institut für Wirtschaftsprüfung der Universität Hamburg. Viele Prüfer haben sich ihre Kenntnisse durch Learning-by-doing angeeignet. Künftig sind EDV-Kenntnisse aber auch Bestandteil des Wirtschaftsprüferexamens. "Der hohe Konkurrenzdruck unter den Wirtschaftsprüfern macht das erforderlich. Sie müssen sehr effektiv arbeiten und selbst mehr und mehr auf Software zurückgreifen, die standardisierte Testate anfertigt", sagt Freidank.
In Firmen, die solche Programme für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und ihre Mandanten entwickeln, werden ebenfalls Schnittstellenspezialisten eingesetzt. Die Software zu programmieren und zu vertreiben, ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die neben Computerfreaks auch Menschen erfordert, die betriebswirtschaftliche Prozesse kennen und verstehen, was beim Kunden gebraucht wird. Und auch für die Vermittlung zwischen den Informatikern und den Betriebswirtschaftlern werden Experten benötigt. Sie übertragen die wirtschaftlichen Erfordernisse in technische Handlungsanweisungen für die Programmierer und erläutern ihnen, wie das Produkt am Ende aussehen soll.
"Diese Mitarbeiter müssen beide Sprachen verstehen: Die des Managements und die der IT-Spezialisten", erklärt Stefanie Nüssle, Personalreferentin für Personalmarketing bei der Firma Datev. Bei dem Nürnberger Unternehmen werden Programme für Wirtschaftsprüfer und Steuerberater und deren Mandanten entwikkelt. Damit sind neben Informatikern und Wirtschaftsinformatikern auch Ingenieure der Elektro- und Nachrichtentechnik beschäftigt. "Einsteiger können sich entweder eher technisch orientieren und an der Entwicklung von Software arbeiten - oder sie werden beratend tätig und steigen beispielsweise im Vertrieb oder Consulting ein", beschreibt Nüssle. Neben Praktika und außeruniversitärem Engagement setzt man bei Datev vor allem auf eine breite Ausbildung, die Elemente aus der EDV und der Betriebswirtschaft abdeckt. Speziellere Fachkenntnisse, zum Beispiel über die Arbeit in der Wirtschaftsprüfung, werden in firmeneigenen Kursen geschult.
Weitere Informationen unter:
www.idw.de
www.datev.de
www.deloitte.de
www.ifbag.de
www.isaca.de