Von Claus Peter Müller
29. April 2008 Nach dem Tunnelunglück nahe Fulda sorgen weitere Unfälle bei der Deutschen Bahn für Aufregung. In Thüringen ereignete sich am Dienstag ein neuerlicher Zugunfall, in den Tiere involviert waren. Fahrgäste wurden nicht verletzt. Und auf der Strecke Nürnberg-Bayreuth blieb am Montagabend ein Regionalexpress im Plattetunnel bei Rupprechtstegen wegen eines technischen Defekts liegen. Die Fahrgäste wurden zu Fuß aus dem Tunnel geführt.
Die Räumung der ICE-Strecke Fulda-Würzburg kam unterdessen am Dienstag voran. Dort waren am Samstag zwei Züge mit Schafen kollidiert, wovon einer bei einer Geschwindigkeit von 200 bis 220 Kilometern in der Stunde entgleiste und die Schienen sowie das Tunnelbauwerk beschädigte.
Rinder liefen im Gänsemarsch auf den Gleisen auf den Zug zu
Wie die Bundespolizei in Pirna mitteilte, wurde eine Rinderherde am Dienstag um 10.05 Uhr südlich von Arnstadt vom Regionalexpress Erfurt-Würzburg erfasst. Die 27 Tiere waren von einer Weide etwa vier Kilometer entfernt von der Bahnlinie ausgebrochen. Am Unfallort sagte ein Polizeisprecher, die Tiere seien im Gänsemarsch auf den Gleisen auf den Zug zugelaufen. Der Zug bog mit einer Geschwindigkeit von 80 Kilometer in der Stunde um eine Kurve, als er den Rindern begegnete. Eine Bremsung nutzte wenig, denn der Bremsweg des Zuges bei dieser Geschwindigkeit beträgt 300 Meter. Ein Augenzeuge sagte, die Tiere seien regelrecht umgesäbelt“ worden.
Insgesamt wurden dreizehn Tiere tödlich verletzt, davon acht nach Angaben der Bundespolizei unmittelbar durch den Aufprall des Zuges. Fünf weitere Tiere habe die Landespolizei aus tierethischen Gründen getötet. Der Zug blieb im Gleis stehen. Keiner der 30 Passagiere wurde verletzt. Der Triebwagen zeigte nur leichte Schrammen, war jedoch mit Blut bespritzt und von Tierhäuten verklebt. Die anderen Tiere der Herde rannten nach Polizeiangaben aufgescheucht umher“. Einzelnen Rindern wurden mit einem Gewehr Beruhigungsmittel verabreicht.
Die toten Tiere hatten sich unter dem Zug verkeilt, wie ein Polizeisprecher sagte. Sie wurden mit Hilfe von Radladern entfernt und mit einem Kran in einen Container gehievt. Eines der Rinder, das von einer Polizistin getötet worden war, war nach Angaben der Fachleute noch zum Verzehr geeignet.
Hätte der Zugführer noch gewarnt werden können?
In Fulda hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen den Schäfer wegen fahrlässig-gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr aufgenommen. Die Schafweide war dem Vernehmen nach an drei Seiten eingezäunt und an der vierten Seite durch einen Bachlauf begrenzt. Nach Angaben von Fachleuten gehen Schafe niemals durch Wasser oder auf Gleise. Nur wenn sie in Panik seien, liefen sie überall hin. Die Fachleute mutmaßten, ein Hund habe die Schafe auf die Gleise getrieben. Selbst der liebste Hund könne zum hartnäckigen Jäger werden.
Gegenstand der Ermittlungen ist nach Angaben der Bahn auch, ob der Triebkopfführer des Unglückszuges noch hätte gewarnt werden können. Schließlich hatte der Lokomotivführer des aus München kommenden Gegenzuges am Bordportal des Landrückentunnels eine Notbremsung ausgelöst, nachdem der Zug am Tunnelausgang mit einem Schaf kollidiert war. Der Schaden wurde offenbar ordnungsgemäß gemeldet.
Offen ist, ob genug Zeit geblieben war, den Führer des nach Süden fahrenden Zuges zu warnen. Nach Angaben eines Bahnsprechers begegneten sich die beiden Züge etwa in Höhe des Tunnels mit einer Geschwindigkeit von jeweils 200 bis 250 Kilometer in der Stunde. Bis der nach Norden fahrende Zug gehalten und sich dessen Triebkopfführer ein Bild von der Lage gemacht hatte, sei der andere Zug schon in den Tunnel eingefahren. Die Staatsanwaltschaft werte die Fahrtenschreiber der Züge aus.
Bergungsarbeiten äußerst aufwendig
Noch am Montagabend wurde der vordere Triebkopf des Unglückzuges nach Süden aus dem 10,8 Kilometer langen Landrückentunnel gezogen. Der Triebkopf war zuvor aufgegleist worden. Danach wurden die zwei folgenden Wagen, die einzigen, die nicht entgleist waren, nach Süden aus dem Tunnel gezogen. Der vordere Triebkopf steht nun in Mottgers, wo ihn Fachleute der Bahn inspizieren werden, um zu entscheiden, ob er mit Schrittgeschwindigkeit bis Nürnberg geschleppt wird. Wahrscheinlicher sei der Transport auf der Straße. Zunächst hatten die Techniker geplant, den hinteren Triebkopf als ersten nach Norden aus dem Tunnel zu ziehen, doch dieser war tiefer und fester in den letzten Wagen verkeilt als erwartet.
Die Trennungsarbeiten“ waren aufwendiger. Der hintere Triebkopf wurde dann am Dienstagmorgen um 7.15 Uhr aus dem Tunnel gezogen und nach Fulda gebracht. Noch am Dienstag sollten auch zwei Wagen aus dem Tunnel gezogen werden. Beide Triebköpfe und zehn von zwölf Wagen waren entgleist. Nach der Demontage der Oberleitung wurden Triebköpfe und Wagen von zwei Kränen, die das unbeschädigte Richtungsgleis gen Norden befahren können, auf die Gleise und auf Schlitten gehoben.
Ausmaß des Schadens noch völlig unklar
Erst wenn der beschädigte Zug aus dem Tunnel gezogen ist, kann sich die Bahn nach eigenen Angaben ein Bild vom ganzen Umfang des Schadens machen. Auf etwa ein Kilometer Länge ist das Gleis zerstört. Offen ist, inwiefern die Telekommunikationseinrichtungen, die parallel zu den Gleisen liegen, in Mitleidenschaft gezogen wurden.
Auch ist offenbar noch nicht klar, ob alle Bahnanlagen im Tunnel repariert werden, bevor der Verkehr wieder freigegeben wird, oder ob der Tunnel schon eingleisig befahren werden soll, während am Richtungsgleis gen Süden noch die Arbeiten laufen. Doch zunächst müssen die Bergungsarbeiten abgeschlossen werden. Wie lange diese in Anspruch nehmen werden, ist noch offen. An der Unfallstelle arbeiten Tag und Nacht etwa 50 Einsatzkräfte von Bahn und Technischem Hilfswerk.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa
