25. September 2006 Die Aufklärung des verheerenden Transrapid-Unglücks im Emsland mit 23 Toten wird sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft lange hinziehen. Zunächst erhoffen sich die Ermittler von der Auswertung des Funkverkehrs während des Unfalls am vergangenen Freitag und durch die Vernehmung der Überlebenden Aufschlüsse über den Hergang der Tragödie. Es habe bereits erste Vernehmungen von Überlebenden gegeben, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Osnabrück, Alexander Retemeyer. Bislang konnten drei der zehn Verletzten die Krankenhäuser verlassen.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung. Ersten Untersuchungen der beschlagnahmten Kassetten zufolge seien Gespräche zwischen Leitstelle, Zug und Werkstattwagen aufgezeichnet worden, sagte er. Die Auswertung gestalte sich aber schwierig, da der Funkverkehr auf verschiedenen Kanälen erfolgt sei. Zur Sicherung des Beweismaterials seien Experten und ein Spezialgerät angefordert worden. Auch die Videoaufzeichnungen aus dem Cockpit müßten noch analysiert werden.
Die Fahrdienstleiter im Transrapid-Leitstand konnten von den Ermittlern noch nicht befragt werden, weil sie unter Schock stehen. Sie hätten nach einem Protokollbucheintrag und laut Daten eines Ortungssystems von dem Werkstattwagen auf der Strecke wissen müssen. Sie hätten nach Angaben der Staatsanwaltschaft daher dem Zug nicht grünes Licht zur Fahrt geben dürfen.
Ermittlungen in alle Richtungen
Retemeyer betonte, daß die Ermittlungen in alle Richtungen gehen. Zwar gebe es keine Hinweise auf ein technisches Versagen. Dennoch könne den Fahrdienstleitern nicht von vornherein die Schuld gegeben werden. Wir ermitteln gegen alle Personen dieser Testfahrt, sowohl gegen die Mitarbeiter der Leitstelle als auch gegen das Fahrpersonal. Retemeyer fügte hinzu: Bisher haben wir nur die Dienstpläne und wissen nicht, wo die Personen in der Leitstelle zum Unfallzeitpunkt waren. Auch die Rekonstruktion der Minuten vor der Tragödie beschäftigt die Ermittler. Der Zug wird vom Lokführer in Bewegung gesetzt, aber die Leitstelle muß mehrere Bedienhandlungen zuvor vornehmen, erläuterte Retemeyer. Dazu gehöre zum Beispiel, daß die Leitstelle für Strom sorgen müsse, damit der Zug fahren kann.
Zu den Erkenntnissen aus den Vernehmungen der Überlebenden wollte sich die Staatsanwaltschaft nicht äußern. Die Ermittler wollten sich erst ein Gesamtbild machen. Auch gebe es noch keine Hinweise darauf,
in welchem Teil des Zuges sich die 31 Menschen zum Unfallzeitpunkt befunden haben. Die Leiche eines der Zugführer wurde in der Gerichtsmedizin in Oldenburg obduziert.
Unterdessen untersuchte ein Sachverständiger des Eisenbahnbundesamtes in Bonn den Unglücksort und sicherte Brandspuren am Transrapid. Dies könnte möglicherweise Aufschluß über den Bremsvorgang des Zuges geben, sagte Retemeyer. Die Zugführer des Transrapids sollen kurz vor dem Zusammenprall mit Tempo 170 einen Notbremsung eingeleitet haben. Wann der Zug von der Trasse geborgen werden könnte, sei noch unklar. Er wird erst von der Staatsanwaltschaft freigegeben, wenn die Gutachter ihre Untersuchungen abgeschlossen haben, sagte Retemeyer. Ferner prüfe zunächst ein Statiker, ob die Trasse dort, wo noch das Wrack des zerstörten Transrapid 08 steht, einstürzen könnte.
Zeitplan für Münchner Transrapid sei nicht gefährdet
Bayerns Verkehrsminister Erwin Huber (CSU) kündigte im Radiosender Antenne Bayern in München an, daß der Zeitplan für die geplante Transrapid-Trasse in der bayerischen Landeshauptstadt nach dem Unfall in Lathen nicht gefährdet sei. Jedoch könnte das Projekt wegen zusätzlicher Sicherheitsmaßnahmen noch teurer werden, als die bisher kalkulierten 1,6 Milliarden Euro.
Im Laufe des Tages wurde auch ein Gutachter des Eisenbahnbundesamtes an der Unglücksstelle erwartet. Sein Gutachten und das eines Sachverständigen der Technischen Universität Braunschweig sollen Aufschluß darüber geben, warum der Zug am Freitagmorgen mit etwa Tempo 170 auf einen Werkstattwagen, der auf der Strecke stand, zusammenprallte. Der für den Zug zuständige Leitstand hätte eigentlich einem Protokollbucheintrag zufolge und laut Daten eines Ortungssystems wissen müssen, daß der Werkstattwagen noch auf der Strecke steht. Der Transrapid hätte nach Angaben der Staatsanwaltschaft eigentlich gar nicht losfahren dürfen.
Experten: Unfall in Shanghai wäre unmöglich
Nach Überzeugung chinesischer Experten wäre auf der einzigen kommerziellen Strecke des Transrapids in Schanghai ein solcher Unfall wie im Emsland nicht möglich. Der Transrapid würde sofort abbremsen, wenn Gegenstände auf der Trasse lägen, erklärten Experten laut dem Chinesischen Staatsfernsehen. Ein Unfall wie in Deutschland wäre unmöglich. Mit der erwarteten Analyse aus dem Emsland sollen aber die bestehenden Sicherheitsstandards sowie Rettungspläne überarbeitet werden.
Die Auswirkungen des Unglücks auf die Pläne für den Ausbau der Schanghaier Flughafenstrecke über 160 Kilometer in die benachbarte Millionenstadt Hangzhou waren unklar. Ich weiß nicht, wie ich das beantworten soll, sagte Direktor Xia Guozhong von der Betreibergesellschaft in Schanghai.
Der Experte Sun Zhang von der Tongji-Universität verwies darauf, daß menschliche, nicht technische Ursachen hinter dem Unglück stünden, das aber doch eine Warnung sein könne. Die Lehren aus Deutschland sollen diskutiert werden, um das System und die Ausrüstung gegebenenfalls weiter zu verbessern, schrieb auch die Jiefang Ribao.
Ausführlich verwies die größte Schanghaier Zeitung darauf, daß bereits früher viele verschiedene Unfallszenarien für die Strecke durchgespielt worden seien. Die Züge in Schanghai seien alle mit GPS-Geräten für die Ortung ausgestattet. Wenn ein Werkstattwagen auf der Trasse wäre, könnte der Zug gar nicht losfahren. Drei Computer überwachten unabhängig voneinander alle Kontrolldaten. Zwei der Systeme müßten immer übereinstimmen, sonst dürfte der Zug nicht fahren.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa, AP
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS