Sri Lanka

Das Meer hat viele mitgenommen

Von Peter-Philipp Schmitt, Galle

29. Dezember 2004 Auf den Straßen von Galle liegt ein Vermögen. Unverkäuflich und doch für jeden zu haben. Im Schlamm steckt ein Gemisch aus Uhren und Armbändern, daneben Dutzende von Zahnpastatuben, fast unversehrte Glühbirnen, in Goldpapier gehüllte Süßigkeiten und Bonbons, aber auch vergammelte Fische. Der Gestank ist kaum zu ertragen. Trotzdem scheint ganz Galle auf den Beinen, wühlt, gräbt, entsorgt und räumt weg - meist allerdings nur zwei Meter weit.

Dennoch scheinen nicht alle an Wiederaufbau zu denken. Gleich vorne an der Ecke beim alten Fischmarkt, an den nur ein paar weiße Kacheln und umgestürzte Mauerreste erinnern, hocken zwei alte Männer und ziehen Schrauben mit einem Magneten aus dem Dreck. Hier an der Hauptstraße war einmal ein Eisenwarenladen. Der Besitzer schaufelt das Innere auf den Asphalt, wo einige Hausfrauen sich im Vorbeigehen ein Werkzeug in die Tasche stecken.

Überall Gerüchte

Alles, was die Flut halbwegs unbeschadet überstanden hat, verschwindet unter Saris, in Rucksäcken und Taschen. Am Strand, der mindestens einen Meter mit Schutt übersät ist, sind Hunderte Suchende bei der Arbeit. Obwohl überall Soldaten in grüner Uniform und mit umgehängten Gewehren patrouillieren oder, sofern es sich um die höheren Ränge handelt, auf weißen Plastikstühlen sitzen und mit ernster Miene zusehen.

Plünderer kann man die Menschen eigentlich nicht nennen. Die Ladenbesitzer lassen sich die gewaltlosen Übergriffe gefallen. Vielleicht auch deshalb, weil es überall Gerüchte gibt. Eines besagt, es habe bereits Schießereien mit Plünderern gegeben. Ein anderes, die Polizei habe nicht nur tatenlos zugesehen, sondern sich fleißig daran beteiligt.

Ein Blid des Grauens

Lou Mose ist vielleicht die letzte Touristin in Galle. Noch am Mittwoch aber bricht sie nach Colombo auf, um von der Hauptstadt Sri Lankas nach Hause zu fliegen. Sie stammt aus Utah und hat die erste große Flut am Sonntag verschlafen. Sie lag sicher hinter den grasüberwachsenen Wällen der alten Festung, in deren Mauern sich die berühmte Altstadt befindet. Das Weltkulturerbe (seit 1988), der neuen Stadt Galle vorgelagert, wurde vollkommen verschont.

Als Lou Mose aber am Sonntag um zehn Uhr auf den Wall kletterte und zum Strand blickte, bot sich ihr ein Bild des Grauens. „Die ganzen Häueser am Strand waren so gut wie zerstört, Schiffe, Busse und Autos lagen überall verstreut, und im Wasser schwammen Tote und Verletzte.“ Dutzende Einwohner versuchten den Menschen zu helfen, als eine zweite Welle heran kam. „Der größte Teil der Leichen ist seither verschwunden“, erzählt Lou Mose. Doch das Meer hat die meisten wieder zurück gebracht.

Leblose Arme ragen bizarr in die Höhe

Mehr als einen halben Kilometer ist das Wasser in die Stadt vorgedrungen. Es hat die Erdgeschosse der Geschäfte und Wohnhäuser zerstört, entkernt und weitestgehend entleert, hat Fahrzeuge durch die Gassen vor sich her getrieben, so daß sie links und rechts Fassaden zum Einsturz brachten. Auf dem Friedhof liegt ein Bus auf der Seite, einige Grabsteine sind davongeschwommen. Die Kirche hingegen hat sowohl dem Wasser als auch einem Lastwagen standgehalten, der noch immer in der Mauer steckt.

Vor der Festung am Rande des Fußballfeldes gibt es plötzlich ein Gedränge. Ein kleiner Traktor hat auf seinem Anhänger mehr als ein Dutzend Tote gebracht - verstümmelte, aufgedunsene Körper, deren Arme teils bizarr in die Höhe ragen. Entlang der Strände, in den Flüssen, an den Seitenstraßen und auch in der Stadt selbst unter den Trümmern liegen noch immer verwesende Leichen. Neben den Toten steht ein einzelner Sarg. Gebraucht wird er offenbar nicht: Niemand in der Menschenmenge scheint einen der Körper zu erkennen.

3000 Tote

In der Festung organisieren Soldaten derweil die Ausgabe von dringend benötigten Lebensmitteln. Alle Fernsehsender und Radiostationen von Sri Lanka, sieben an der Zahl, haben zur Hilfe aufgerufen. Nun reihen sich einige hundert Bewohner auf und warten geduldig.

Auch Goll Prasanna, der für die Stadt arbeitet. Er sagt, 3000 Menschen seien in der Stadt mit ihren 120 000 Einwohnern ums Leben gekommen. Dreißig davon seien wohl ausländische Touristen gewesen. Rund 6000 Personen sollen verletzt worden sein. „Zum Glück war Sonntag, die meisten Geschäfte waren geschlossen“, sagt der Dreiunddreißigjährige. Drei seiner Verwandten seien getötet worden. Seine Familie aber, vor allem sein kleiner Sohn, blieben unverletzt.

Lastwagen mit Hilfsgütern

Anil De Silva vom privaten Sender MBC organisiert seit Sonntag die Spendenaufrufe. Schon am Dienstag hätten sich siebzig Lastwagen mit Hilfsgütern von Colombo aus auf den Weg in den Süden gemacht, und 150 Ärzte wurden zum Helfen entsandt. Auch die internationale Hilfe ist inzwischen angekommen: World Vision, seit Jahren auf Sri Lanka tätig, hat am Mittwoch zehn mobile Kliniken mit zwanzig Medizinern rund um Galle aufgebaut.

Die beiden ehrenamtlichen Mitarbeiter der deutschen Organisation HELP haben tausend Matratzen gekauft, die am Donnerstag unter den Flüchtlingen, die im Tempel auf dem Berg leben, verteilt werden sollen. Noch am Dienstag konnten die Mitarbeiter von World Vision nicht viel mehr tun, als dabei zu helfen, 600 Tote in Massengräbern zu verscharren. Und das deutsche THW ist bereits am späten Mittwochvormittag von Colombo aus nach Galle gestartet, um eine Wasserwiederaufbereitungsanlage zu errichten. Die Seuchengefahr wächst von Stunde zu Stunde.

„Wir machen hier sauber, und dann kommen auch schon die Touristen wieder

Galle, mit seiner Altstadt aus holländischer Zeit, ein Symbol der aufstrebenden Tourismusindustrie Sri Lankas, wird unter der Flut noch lange leiden. Jeder in der Stadt scheint sich im klaren darüber zu sein. Nur der Manager des „Vijitha Yapa Bookshops“, der für einen Tag von Colombo gekommen ist, um mal nach dem Rechten zu sehen, ist merkwürdig optimistisch.

Er steht in einer braunen Masse, aus der ein „Time Magazine“ mit George Bush auf dem Titel, ein „Harry-Potter“-Band und ein Langenscheidt-Wörterbuch ragen, und verkündet freundlich: „Wir machen hier sauber, und dann kommen auch schon die Touristen wieder.“ Ob daraus auch ein Gerücht wird? Wenn es so sein sollte, wird es sich gewiß nicht lange halten.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2004, Nr. 305 / Seite 15
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche