02. Juli 2009 Es war wie ein Stromschlag, sagt die zwölf Jahre alte Bahiya Bakari über den Moment, als die jemenitische Maschine in den Indischen Ozean stürzte. Es ist kaum zu ermessen, was das Mädchen durchgemacht hat, das als einzige von 153 Menschen an Bord den Absturz überlebt hat. Am Donnerstagmorgen traf die Französin in Paris ein und wurde direkt in ein Krankenhaus gebracht. Seit ihrer wundersamen Rettung hat sie mehrfach mit ihrem Vater und ihrer Tante in Paris telefoniert und Details von dem Drama berichtet.
Wie sie das Flugzeug verlassen hat, kann sie nicht genau sagen. Möglicherweise wurde sie hinausgeschleudert, als die Maschine auseinanderbrach. Dann trieb sie zehn Stunden lang im Wasser. Mir war abwechselnd heiß und kalt. Meine Beine brannten. Ich hatte Durst, erzählte sie ihrer Tante nach einem Bericht in der Zeitung Le Parisien.
Passagiere wussten um Gefahr
Die Passagiere hätten gewusst, dass das Flugzeug in Gefahr gewesen sei. Sie seien aufgefordert worden, Schwimmwesten anzulegen, sagte sie. Die Weste rettete Bahiya das Leben, sie kann nicht schwimmen. Im Meer klammerte sie sich an ein Wrackteil fest. Anfangs hörte sie noch andere Überlebende in ihrer Nähe, die dann vermutlich von den Wellen fortgetragen wurden oder untergingen. Mehrfach wurde sie bewusstlos.
Als es hell wurde, trieb Bahiya allein auf weiter See. Ein komorisches Fischerboot entdeckte sie und holte sie an Bord. Sie war bei Bewusstein und bat um Wasser. Erst später, im Krankenhaus der komorischen Hauptstadt Moroni, wurde ihr bewusst, dass sie ihre Mutter verloren hatte. Ich weiß, dass Mama nicht im Nachbarzimmer liegt, sonst wäre sie zu mir gekommen, sagte sie ihrer Tante am Telefon. Mir ist klar, was passiert ist. Erstaunlicherweise hat Bahiya selbst nur verhältnismäßig kleine Verletzungen abbekommen - einen Schlüsselbeinbruch, eine Brandwunde am Knie, erfrorene Zehen. Die nächsten Tage soll sie abgeschirmt von den Medien in einem Pariser Krankenhaus verbringen.
Ein ängstliches Mädchen
Sie ist ein sehr ängstliches Mädchen, sagte der Vater Kassim Bakari dem französischen Radio RTL. Ich hätte nie gedacht, dass sie das auf diese Weise überstehen würde. Schließlich winkte sie einem vorbeifahrenden Boot. Ihr Retter Said Abdilai erklärte dem Radiosender Europe 1, das Mädchen habe den ihr zugeworfenen Rettungsring nicht greifen können. So sei er kurzentschlossen ins Wasser gesprungen und habe es herausgeholt. An Bord eines Schiffs bekam das am ganzen Leib zitternde Kind zuerst warmes Wasser mit Zucker.
Das Mädchen hatte während der großen Ferien ihren 13. Geburtstag in der Heimat ihrer Eltern feiern wollen. Sie wuchs mit ihren drei kleinen Brüdern in bescheidenen Verhältnissen einer Pariser Vorstadt auf. Ihr Vater Kassim Bakari (39) arbeitet für eine Reinigungsfirma. Bahiya gilt als schüchternes, freundliches Mädchen und als gute Schülerin.
Wir werden für ihren Geburtstag eine Überraschung vorbereiten, aber es wird keine Feier, da wir alle trauern, sagte ihre Tante. Kassim Bakari nahm seine Tochter am Flughafen in Empfang. Ich bin gespalten zwischen der Erleichterung, dass sie überlebt hat und der Trauer um meine Frau, sagte er. Bahiya ist die einzige der 66 Franzosen an Bord, deren Schicksal in den französischen Medien Beachtung findet. Die übrigen Opfer, die überwiegend afrikanische Wurzeln hatten, spielen eine auffallend geringe Rolle. Vor einem Monat, nach dem Absturz der Maschine Rio-Paris, hatten die Zeitungen hingegen seitenweise über die Franzosen berichtet, die bei dem Unfall ums Leben gekommen waren.
Suche nach Opfern und Flugschreibern
Unterdessen geht die Suche nach dem Flugschreiber der abgestürzten Maschine weiter. Er ist jedoch bislang noch nicht lokalisiert. Ein französisches Militärflugzeug hatte am Dienstag Signale empfangen. Zu dem Zeitpunkt war aber noch keines der Militärschiffe eingetroffen. Am Mittwoch waren die Signale nicht mehr auffindbar. Vermutlich war das Gerät von der Strömung weitergetrieben worden. Nach französischen Medienberichten handelte es sich nicht um den Flugschreiber, sondern um einen Notfallpeilsender (EPL). Dieser gibt automatisch Signale ab, wenn die Maschine abstürzt, funktioniert im Unterschied zum Flugschreiber aber nicht am Meeresgrund. Berichte und Dementis über den angeblichen Fund des Flugschreibers hatten Verwirrung ausgelöst.
An der Suche beteiligen sich Amerikaner, Franzosen und Italiener. Bisher wurden nur kleinere Wrackteile und Gepäckstücke entdeckt. Flug IY 626 hatte elf Crew-Mitglieder und 142 Passagiere an Bord, darunter 66 Franzosen und zahlreiche Komorer. Der 19 Jahre alte Airbus der Fluggesellschaft Yemenia war bei einer Inspektion vor zwei Jahren in Frankreich wegen technischer Mängel aufgefallen.
Nach jemenitischen Angaben hatte der Pilot vor dem Absturz kein Notsignal mehr abgeben können. Das deute daraufhin, dass der Airbus Opfer des schlechten Wetters und nicht von mechanischen Problemen wurde. Die jemenitische Fluggesellschaft Yemenia bot den Angehörigen eine Entschädigung von 20.000 Euro für jedes Opfer an.
Text: FAZ.NET mit dpa und AP
Bildmaterial: AFP, Reuters