Sturm über Deutschland

Im letzten Zug auf der Flucht vor „Kyrill“

Von Tilmann Lahme

19. Januar 2007 Keine gute Idee, soviel ist klar: Am Donnerstagabend, trotz der Unwetterwarnung, die Bahn zu besteigen. Nur rasch von Frankfurt nach Göttingen, es gab gute Gründe, zumindest vor der Fahrt. Und in Frankfurt, kurz vor 18 Uhr, wehte kaum ein Lüftchen dieses vielbeschworenen Sturms, der uns laut Prognose doch schon seit dem Morgen umtosen sollte.

Gleis 8, Frankfurt Hauptbahnhof, die Bahn hat einen „mobilen Service“ eingerichtet. Etwas, das aussieht wie ein Würstchenwagen mit Laptop. Zwei Männer geben Auskunft. Ja, der Zug fahre, ob man bis Hamburg komme, sei ungewiss, ab Hannover werde es schwierig. Bis Göttingen gehe es auf jeden Fall. „Nach momentanem Stand“. Das wird schon klappen. Die Bahn habe die Höchstgeschwindigkeit der ICE auf 200 km/h heruntergesetzt wegen des Unwetters, hieß es. Der Zug hat 15 Minuten Verspätung. Diese Anmutung von Normalität überredet endgültig zum Einsteigen. Abfahrt 18:15 Uhr. Fünf Minuten später Ansage über Lautsprecher. Entschuldigung wegen der Verspätung, wegen der Anschlusszüge werde man rechtzeitig Bescheid geben.

18:26 Uhr. Leider könne der Zug wegen des Sturms bis Fulda nur mit reduzierter Geschwindigkeit von 50 km/h fahren. Alle weiteren Informationen später. Die Normalität ist vorbei. Die Reisenden fangen an zu telefonieren, es sickern Informationen von außen ins Großraumabeil. Üble Nachrichten aus dem Norden, Flüge sind gestrichen, Verkehrsunfälle, umgefallene Bäume, Verletzte, Tote. Besorgte, aber betont lockere Gespräche. 19:11 Uhr. Gang in den Speisewagen. Voll. Bier ist aus. Zwei Männer, Mittvierziger, am Fenster, Bier in der Hand. „Wir haben gedreht, sind in Frankfurt anders rum rausgefahren.“ - „Ein Sackbahnhof“, erklärt der andere, blickt nun selbst angestrengt nach draußen. „Wir fahren zurück“, sagt er schließlich, beunruhigt.

Freigetränke im Bistro (aber kein Bier)

19:22 Uhr, Anruf eines Freundes. Die Bahn habe angekündigt, den Zugverkehr ab 20 Uhr komplett einzustellen. Es würden nur noch die nächstgrößeren Bahnhöfe angefahren. 19:37 Uhr, Ansage. Der Zug halte in Fulda, werde wegen des Sturms nicht weiterfahren. Es gebe Freigetränke im Bistro (aber kein Bier). Ein Schwabe schimpft fürchterlich am Handy. Dabei sei in Bremen alles ruhig, erklärt er. Die Informationen von außen werden nun widersprüchlich. Keine Probleme in Berlin, berichtet jemand, von „Ausnahmezustand“ in der Hauptstadt spricht ein anderer. In Stuttgart, sagt eine Frau, regne es nicht einmal. 19:58 Uhr, Ansage. In Fulda gebe es die Möglichkeit, mit einem Zug nach Frankfurt zurückzufahren. Er warte an Gleis 3. Verwirrung, Ärger im Zug. Und wer nicht nach Frankfurt will? Der solle im Zug bleiben, hatte es noch geheißen.

20:39 Uhr, Fulda. An Göttingen ist nicht mehr zu denken. Keine Ansage am Bahnhof, dafür lange Schlangen am Bahn-Schalter. Zurück nach Frankfurt also, auf zu Gleis 3. Einen wartenden Zug gibt es nicht, nur wartende Menschen, und eine Anzeige: ICE 1594 von Dresden nach Saarbrücken, 50 Minuten Verspätung, Abfahrt 20:34 Uhr. Das ist schon vorbei. Alles telefoniert. Ich rufe die Bahn an, komme überraschend schnell zu einer menschlichen Stimme durch, frage nach dem Zug nach Frankfurt. Heute fahre kein Zug mehr, sagt die Frau. Alles stehe still. In diesem Moment erlischt die Anzeige auf Gleis 3. Eine Ansage: An Gleis 4 könne der Zug nach Würzburg leider nicht fahren. An 4? Dort steht niemand, kein Mensch, kein Zug nach Würzburg, keine Anzeige. Nervöses Lachen unter den Wartenden an Gleis 3. Ein älterer Mann: Fantastisch, diese Kommunikationsmöglichkeiten heute, „in der globalisierten Welt“. Jeder habe ein Handy, sei sofort informiert. Er schaut in die Runde, ironiefrei. Kommunikation, ja sicher - aber Information? Nun fährt ein ICE auf Gleis 3 ein, auch die Anzeige ist wieder da. Er unterbricht den Vortrag eines jungen Mannes, der von „Medienhysterie“ spricht. Dabei gebe es an der Strecke nach Süden gar keine Bäume. Wir steigen ein. Im Bordbistro gibt es Bier. Essen will der Kellner aber erst machen, wenn sicher sei, dass man wirklich fahre. Schon geht es los. „Solange wir grünes Licht haben, fahren wir“, sagt ein Schaffner. Eine solide Bahnerantwort auf die Unwägbarkeiten der Welt.

In ganz Deutschland stehe der Bahnverkehr

21:18 Uhr, Ansage. In ganz Deutschland stehe der Bahnverkehr. In weiten Gebieten sei der Strom ausgefallen. Unser Zug sei einer der wenigen, die noch fahren. Ob man aber bis Frankfurt komme, sei ungewiss. Leichte Panik breitet sich aus. Die Reisenden kommen nun endgültig hinter ihrer Ipod-verstöpselten Isolation, der Bahnnormalität also, hervor. Was passiert, wenn wir hier irgendwo in der Gegend liegen bleiben? Vom Sturm ist hier nichts zu sehen und zu hören. Nur gelegentlich knackt es draußen laut und bedrohlich . Alles ist dunkel, in der Ferne ab und zu Lichter. Der Zug rollt langsam, etwa 40 km/h. Der Zugführer müsse „nach Sicht“ fahren. Wegen der Äste auf den Gleisen. Die aus gemeinsamer Angst geborene Solidarität ergreift das Großraumabteil. Geschichten werden erzählt, erst von ähnlichen Situationen, Autopannen, dem Schneekatastrophenwinter 1978, dann überhaupt aus dem Leben. Und: Der Klimawandel wird debattiert. Wie soll das nun werden, wenn bei jedem Sturm sofort ganz Deutschland lahm liegt? Jemand dagegen, man müsse das Positive sehen, solche Situationen seien doch die letzten Abenteuer in unserer Zeit.

Zwei Araber vor mir, elegant gekleidet, unterhalten sich. Ob sie überhaupt wissen, was los ist? Englische Ansagen hat es nicht gegeben. Sonst wird man permanent gestört mit dem radebrechenden „We wish you a pleasant journey“. Nun, da es nicht mehr so pleasant ist, geht die Mehrsprachigkeit verloren. Die Araber fragen bald Mitreisende, in flüssigem Englisch, werden informiert, bleiben weiter vollkommen entspannt.

21:38 Uhr. Die üblichen Anzeigen in Leuchtschrift (“buchen Sie immer mit Platzreservierung“) werden unterbrochen: „In Kürze erreichen wir Frankfurt (M) Hbf. Ankunftszeit: 20:36 Uhr“. Belustigtes Raunen. Minuten später ist der zweite Teil der Anzeige verschwunden. Die optimistische Ankündigung bleibt. Langsam kehrt überhaupt die gute Laune zurück. Ein Mann geht durch die Abteile und sucht sich Mitfahrer für ein Taxi von Frankfurt in Richtung Marburg/ Gießen. Andere planen ihre Nacht in Frankfurt. „Ich bleib im Zug sitzen, Hotel lohnt sich nicht.“ Andere setzen auf die Bahn-Lounge. 22:27 Uhr, Ansage. „Außerplanmäßig“ (als gäbe es noch Pläne) halte man in Hanau. Einige wollen aussteigen, meinen, dort sei leichter, einen Platz für die Nacht zu finden als im überfüllten Frankfurt. 22:57 Uhr, Ansage. Der Zug ende in Frankfurt. Es gebe derzeit keinen Fernverkehr in ganz Deutschland, wir seien wohl der letzte fahrende Zug überhaupt. Näheres könne man derzeit nicht sagen. Man möge sich, auch wegen Hotelsuche, an den Service im Bahnhof wenden. Dann: Abschied, in den gewohnten Floskeln, dies auch, anders als die Sachauskunft, auf Englisch. „We thank you for travelling with Deutsche Bahn and say Goodbye.“

Offenbach, dann Frankfurter Vorstadt, endlose Schleife um die Stadt, schließlich, 23:23 Uhr, Ankunft am Hauptbahnhof. Die Araber wollen in ein Hotel, „we know a good one“, meinen sie optimistisch bezüglich der Belegungslage. Andere planen eine Nacht am Bahnhof ein. Die Bahn hat zwei ICE, „Züge zum Übernachten“, wie es auf Anzeigetafeln heißt, bereitgestellt. Der Bahnhof ist voll, aber nicht hektisch. Überall Servicepersonal der Bahn. Im Übernachtungszug an Gleis 8 ist es ruhig, die Leute versuchen zu schlafen. Dezente Party hingegen im ICE auf Gleis 9. Man hat Bier organisiert, hört Musik, redet.

Auch S- und U-Bahnen fahren kaum noch. Aber Taxis. Draußen vor dem Bahnhof erwischt mich ein heftiger Windstoß. Der einzige direkte Kontakt mit dem stürmischen Kyrill, der anderswo so schrecklich gewütet hat, in dieser seltsamen Bahn-Nacht. Tilmann Lahme



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Alex Kraus/ddp

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