Immer schlimmere Zahlen nach Wirbelsturm „Nargis“

22.000 tot, 41.000 vermisst, eine Million obdachlos

“Nargis“ von oben: Ein Foto des NASA-Satelliten “Aqua“

"Nargis" von oben: Ein Foto des NASA-Satelliten "Aqua"

06. Mai 2008 In Burma steigen die Opferzahlen von Stunde zu Stunde. Nach offiziellen Angaben sind durch den verheerenden Wirbelsturm „Nargis“ mehr als 22.000 Menschen ums Leben gekommen. 41.000 würden vermisst, meldete das staatliche Fernsehen am Dienstag. Allein in Bugalay im Irrawaddy-Delta kamen nach Angaben aus der Regierung 10.000 Menschen ums Leben, in Laputta 1000 Menschen und auf den beiden Inseln Haing Kyi und Mawlamyaing vor der Südküste fast 3000. In Rangun seien mindestens 59 Menschen getötet worden.

Der Sprecher des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) bezifferte in Bangkok die Zahl der durch den Zyklon obdachlos gewordenen Menschen auf eine Million. Einige Dörfer seien vollständig ausgelöscht worden. Zudem seien große Reisanbauflächen zerstört. „Wir hoffen, weitere Hilfe innerhalb von 48 Stunden einfliegen zu können“, sagte der WFP-Sprecher.

Regierung verschiebt Volksabstimmung

Unterdessen meldete das staatliche Radio an diesem Dienstag, dass die für Samstag geplante Volksabstimmung in den von dem Zyklon heimgesuchten Regionen nicht vor dem 24. Mai stattfinden werde. Betroffen seien 40 Kommunen im Großraum Rangun sowie sieben im Irrawaddy-Delta.

Zyklon „Nargis“ raste am vergangenen Samstag mit einer mehr als drei Meter hoher Flutwelle an Land. Im Delta des Irrawaddy-Flusses wurden zahllose Dörfer überschwemmt. Uralte Bäume wurden von der Wucht der Orkanböen aus dem Boden gerissen und versperrten Straßen.

Noch am Montag hatte Außenminister Nyan Win vor Diplomaten erklärt, es habe möglicherweise insgesamt rund 10.000 Tote gegeben. Am Sonntag hieß es, es seien 351 Menschen ums Leben gekommen. In der Millionenstadt Rangun brach nach dem Wirbelsturm die Versorgung mit Strom und Trinkwasser zusammen, Telefon- und Internetleitungen waren defekt.

Regierung in Rangun akzeptiert internationale Hilfe

Die Regierung, die ihr Land seit Jahrzehnten abschottet und abgesehen von Touristen nur wenigen Ausländern Zugang erteilt, hat inzwischen UN-Hilfe akzeptiert. „Wir werden umgehend die am dringendsten benötigte humanitäre Unterstützung liefern“, sagte der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon. „Wegen fehlender Kommunikation und Informationen sind wir noch nicht ganz sicher über das Ausmaß der Schäden und die Zahl der Toten.“

Einwohner von Rangun, denen es gelang, Kontakt zu Verwandten im Irrawaddy-Delta herzustellen, berichteten von verheerenden Zuständen. Manche Dörfer seien dem Erdboden gleichgemacht. In anderen hätten kaum zehn Prozent der Bevölkerung überlebt. Die Reisernte, die in den nächsten Wochen eingefahren werden sollte, dürfte zerstört sein - eine Hiobsbotschaft für die Bevölkerung in dem bitterarmen Land.

Kritik am Krisenmanagement

Das Auswärtige Amt in Berlin hat deutschen Hilfsorganisationen 500.000 Euro für humanitäre Hilfe in Burma zugesagt. Die Aktion „Deutschland Hilft“, der zehn deutsche Hilfsorganisation angehören, will nach eigenen Angaben 200.000 Euro als Soforthilfe zur Verfügung stellen. Die EU-Kommission hat zwei Millionen Euro bereitgestellt. Frankreich hat 200.000 Euro zugesagt. Die Vereinigten Staaten versprachen 250.000 Dollar.

Die Militärregierung geriet unterdessen wegen ihres schlechten Krisenmanagements in die Kritik. Obwohl die Behörden von der Bedrohung gewusst hätten, hätten die staatlichen burmesischen Medien keine rechtzeitige Warnung ausgegeben, sagte die Frau des amerikanischen Präsidenten, Laura Bush. Viele Menschen in dem südostasiatischen Land hätten erst von ausländischen Sendern wie Radio Free Asia und Voice of America von den Sturmwarnungen erfahren. „Die Reaktion auf den Zyklon ist die jüngste Beispiel für die Versäumnisse der Militärjunta, auf die Grundbedürfnisse ihres Volkes einzugehen.“

Auch Dissidenten warfen der Militärjunta vor, die Bevölkerung nicht ausreichend gewarnt zu haben. „Sie waren zu sehr damit beschäftigt, ihr Referendum vorzubereiten“, sagte ein Sprecher der Opposition im Exil, Soe Aung, am Dienstag in Bangkok.

Erst nach einem halben Tag reagierten die Behörden

Der ehemalige schwedische Minister Jens Orback, der im Auftrag des Olof-Palme-Instituts die politischen Bedingungen in Burma vor einem für Samstag geplanten Verfassungs-Referendum untersucht hatte, berichtete bei seiner Rückkehr von chaotischen Zuständen. Selbst in Rangun habe es bis zu zwölf Stunden gedauert, bevor die Behörden reagiert hätten,

„Nargis“ war vom Golf von Bengalen aufgezogen und erreichte am Freitagabend das Festland. Die Böen hatten Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 240 Kilometern in der Stunde. Die Regierung erklärte fünf Regionen zu Katastrophengebieten: Neben Rangun und Irawadi waren dies Bago sowie die Bundesstaaten Mon und Karen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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