Schneechaos im Süden

„Das Schlimmste ist vorbei“

Wo ist mein Auto? (Mindelheim, Oberbayern)

Wo ist mein Auto? (Mindelheim, Oberbayern)

06. März 2006 Nach dem Schneechaos vom Wochenende hat sich die Lage im Süden Deutschlands in der Nacht zum Montag etwas entspannt. Die Autobahnen in Baden-Württemberg und Bayern waren sind nach Polizeiangaben wieder befahrbar. Auch die meisten Bahnstrecken sind nicht mehr blockiert, in Bayern blieben lediglich einige Nebenstrecken gesperrt. Dennoch behindern die Schneemassen weiter das öffentliche Leben.

Im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb sind immer noch einige Kreis- und Landstraßen gesperrt. In mehreren bayerischen Landkreisen fällt wie im baden-württembergischen Zollernalbkreis die Schule aus.

Entwarnung der Meteorologen

Die Meteorologen geben inzwischen Entwarnung: „Das Schlimmste ist vorbei“, sagte ein Mitarbeiter des Wetterdienstes Meteomedia. In den Alpen herrscht dennoch große Lawinengefahr, es gilt die zweithöchste Gefahrenstufe. In manchen Skigebieten wurden Lawinen vorsorglich durch Sprengungen ausgelöst.

Am Wochenende waren der Süden Deutschlands, Österreich und die Schweiz im Schnee regelrecht verunken. Mehr als 48 Stunden herrschte besonders in Bayern weißes Chaos: Nach den schwersten Schneefällen seit Jahren wurden am Wochenende Straßen gesperrt, Züge gestoppt und Flüge annulliert.

Verantwortlich war nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes eine namenlose Luftmassengrenze zwischen den Tiefs „Xandra“ und „Yuna“. Unter der Schneelast zusammengebrochene Bäume blockierten Straßen und Bahnstrecken. 10.000 Menschen in Bayern waren zeitweise ohne Strom. Hallendächer brachen ein.

90 Zentimeter Neuschnee, 300 Kilometer Stau

In Bayern, Baden-Württemberg und auch in Hessen mußten am Wochenende Tausende Menschen stundenlang Schnee schaufeln, ihre Autos von der weißen Last befreien, Dächer räumen oder in langen Staus ausharren. Bayern, das den kältesten Winter seit zwei Jahrzehnten erlebt, kämpfte gegen Rekord-Schneemassen. Im Allgäu wurden 90 Zentimeter gemessen und in Münchens Innenstadt 50 Zentimeter - das ist untypisch für Anfang März.

Die Staus auf den Straßen des Landes summierten sich am Samstag auf 300 Kilometer Länge. In der Nacht zu Samstag versorgten Hilfsorganisationen festsitzende Autofahrer mit Decken und heißem Tee. Die Stadt Memmingen im Allgäu öffnete in der folgenden Nacht eine Turnhalle als Notunterkunft für Touristen - meist Familien mit Kindern. „Es waren Urlauber, die einfach nicht mehr konnten“, sagte ein Polizeisprecher. „Bis jetzt ist so was noch nie vorgekommen. Es gab aber auch noch nie so ein Schneechaos im Allgäu.“

Die heftigsten Schneefälle seit 15 Jahren führten auch in Hessen zu einem Verkehrschaos mit Hunderten Unfällen, bei denen fünf Menschen starben und viele verletzt wurden. „Schneemengen wie seit Jahren nicht mehr“, konstatierte die Polizei in Baden-Württemberg. Nach Angaben des Innenministeriums in Stuttgart wurden zwischen Freitag- und Sonntag morgen allein in diesem Bundesland bei 634 Unfällen vier Menschen getötet und 104 verletzt. Eine 76jährige Frau wurde in Schwäbisch Hall beim Schneeräumen überfahren und starb.

Nur die U-Bahn ist noch gefahren

Die Münchner Feuerwehr rückte bis zum Sonntagmittag mindestens 750 Mal aus. Viele Straßen der Stadt waren ebenso wie in Schwaben von umgestürzten Bäumen blockiert. An der Schwäbischen Alb, im Schwarzwald und in München brachen die Dächer mehrerer Hallen ein. Ein Eishockey-Bundesligaspiel wurde in der Stadt Schwenningen vorsorglich verschoben - aus Angst vor einem Dacheinsturz. In Bayerns Hauptstadt und in Augsburg stoppte der Schnee den Nahverkehr. Nur die Münchner U-Bahn verkehrte planmäßig.

Bis zu 50 Zentimeter Neuschnee in Teilen Österreichs führte auch dort zu chaotischen Verhältnissen. Vor allem im südlichen Bundesland Kärnten kam der Verkehr am Sonntag zum Erliegen. In einigen Gebieten brach die Stromversorgung zusammen. In der Schweiz sah es ähnlich aus: In den Städten Zürich, Basel und St. Gallen kam in 24 Stunden 50 Zentimeter und mehr Schnee vom Himmel. Im Südschweizer Kanton Wallis wurden Straßen wegen Lawinengefahr gesperrt. Eine Frau starb, als sie beim Schneeschuhwandern im Gebiet von Les Diablerets von einer Lawine verschüttet wurde. Der EuroAirport Basel-Mülhausen-Freiburg blieb bis Sonntagnachmittag geschlossen.

20.000 Passagiere konnten nicht abheben

Auf dem größten deutschen Flughafen in Frankfurt/Main wurden von Freitag bis Samstag viele Flüge gestrichen. Für bis zu 20.000 Passagiere hieß das: umbuchen, im Hotel übernachten oder auf den Zug umsteigen. Auch am Sonntag fielen Flüge aus, weil Flughäfen wie München oder Basel gegen den Schnee zu kämpfen hatten. Zudem behinderte Nebel den Anflug auf Frankfurt.

Auch Bahn-Fahrer waren betroffen: In Baden-Württemberg übernachteten 80 Reisende in einem Zug und am Bahnhof von Singen. Sie waren nach Angaben der Bahn mit dem „Cisalpino“ von Stuttgart nach Mailand unterwegs, als der Schnee die Strecke ab Schaffhausen blockierte. „Gegen 6.00 Uhr ging es mit dem Bus weiter“, teilte die Deutsche Bahn mit. Im Schwarzwald und in Bayern waren zahlreiche Zugverbindungen unterbrochen - meist wegen Schneebruchs.

Streik ohne Einfluß auf Verkehrsverhältnisse

Angesichts der Schneemassen und liegen gebliebener Lastwagen wurden schon am Samstag viele Straßen im Süden und Südwesten gesperrt. „Von Minute zu Minute blockiert ein neuer Baum die Straße“, hieß es in Freudenstadt. „Die Räumdienste sind komplett ausgelastet“, sagte ein Polizeisprecher am Sonntag. Die Gewerkschaft Verdi hatte ihre Streiks im öffentlichen Dienst zwar fortgesetzt. Nach Angaben von Autobahnmeistereien und Polizei hatte dies jedoch kaum Einfluß auf die Verkehrsverhältnisse.

Auf den bayerischen Autobahnen lösten sich die Staus erst am Sonntag morgen langsam auf. Auf der Autobahn München-Salzburg und München-Ulm ging es jedoch bald abermals nur im Schritttempo voran. Rastanlagen waren überbelastet, Lastwagen auf dem Standstreifen behinderten die Räumdienste.

Zwiespältig waren die Empfindungen in den Wintersportorten: „Wir haben bis zum 1. Mai Saison, da kommt der Schnee eigentlich gerade recht“, sagte der Betriebsleiter der Nebelhornbahn in Oberstdorf (Oberallgäu). In den Alpen herrschte zudem die zweithöchste Lawinenwarnstufe.

Schneechaos auch in Ostfrankreich: 2500 gestrandete Urlauber übernachteten in einem Festsaal von Bourg-Saint-Maurice. Im Elsaß und in der Region Franche-Comté waren etwa 10.000 Haushalte vorübergehend ohne Strom. Etwa 200 Autos und 300 Lastwagen steckten über Nacht auf der Autobahn im Doubs-Tal bei Belfort fest. Eine schwangere Frau konnte gerade noch rechtzeitig zur Entbindung in ein Krankenhaus gebracht werden.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa
Bildmaterial: AP, ddp, dpa/dpaweb, KEY, REUTERS

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