Nach der Flutkatastrophe

Bundesregierung: drei Millionen Euro für Angehörige

“Ich habe schreckliches Leid gesehen“: Fischer in Thailand

"Ich habe schreckliches Leid gesehen": Fischer in Thailand

09. Januar 2005 Die Bundesregierung hat am Sonntag drei Millionen Euro als Überbrückungshilfe für deutsche Flut-Opfer und deren Angehörige bereitgestellt. Innenminister Otto Schily (SPD) sagte in Berlin, das Geld des Fonds stünde für Opfer und deren Angehörige zur Verfügung, die durch das Seebeben in eine existentielle persönliche Notlage geraten seien.

Solche Notlagen könnten etwa dann entstehen, wenn sich zu erwartende Leistungen von Versicherungen verzögerten. Die Auszahlung dieser Leistungen könnte in vielen Fällen dadurch verzögert werden, daß von Vermißten keine sterblichen Überreste gefunden werden.

Anträge sollen unbürokratisch geprüft werden

Die Hilfe bestehe in der Regel aus zinslosen Darlehn, sagte Schily. Um sie rasch und unbürokratisch leisten zu können, werde sich die Antragsprüfung auf eine Plausibilitätsprüfung beschränken.

Auch fast zwei Wochen nach der Flutkatastrophe ist die Seuchengefahr in den Krisenregionen Asiens nicht gebannt. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden aus Südindien erste Fälle von Masern und Windpocken bei Kindern gemeldet. Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK) verstärkten ihre Anstrengungen, den Überlebenden zu helfen. Die Zahl der offiziell registrierten Todesopfer ist auf knapp 160.000 angestiegen, die Zahl deutscher Vermißter sank weiter leicht auf nun 716.

Gedenkgottesdienst in Berlin

Indes haben führende Vertreter von Politik und Gesellschaft sowie Hunderte Bürger an diesem Sonntag in einem ökumenischen Gottesdienst im Berliner Dom der Opfer der Flutkatastrophe von Südostasien gedacht.

Unter den Teilnehmern des Gottesdienstes waren neben Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzler Gerhard Schröder zahlreiche Minister, Ministerpräsidenten, Parteivorsitzende und Botschafter sowie Vertreter der betroffenen asiatischen Völker. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, bezeichnete die Flut in seiner Predigt als Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes und sprach den Opfern und ihren Angehörigen sein Mitgefühl aus. Die Katastrophe sei auch eine Chance für mehr internationale Solidarität, mahnte er.

An dem Gottesdienst nahmen neben dem Bundeskabinett unter anderem auch CDU-Chefin Angela Merkel, FDP-Chef Guido Westerwelle, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und DGB-Chef Michael Sommer teil. Neben dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler saßen die Botschafter der am schlimmsten betroffenen Länder Indonesien und Sri Lanka. Vor dem Dom verfolgten mehrere hundert Menschen den von Funk und Fernsehen bundesweit übertragenen Gottesdienst auf einer Großleinwand.

„Ich habe schreckliches Leid gesehen“

Außenminister Joschka Fischer hat bei seiner Reise durch die asiatischen Flutgebiete eine gemeinsame Anstrengung zum raschen Wiederaufbau der zerstörten Regionen gefordert. „Was jetzt ansteht, ist Wiederaufbau. Dazu gehört auch der Tourismus“, sagte Fischer am Sonntag im thailändischen Phuket. Bei seinen Gesprächen mit Regierungsmitgliedern dankte er Thailand zugleich für die Hilfe, die das Land deutschen Touristen und anderen ausländischen Opfern der Katastrophe geleistet hat.

Auf der ersten Etappe seiner viertägigen Reise lobte Fischer die Zusammenarbeit mit den Behörden und der Bevölkerung Thailands. „Die Kooperation läuft auf hohem Niveau“, sagte er. Besonders dringlich sei nun „die große Frage eines Tsunami-Frühwarnsystems“. Der Minister reiste am Sonntag abend (Ortszeit) nach Indonesien weiter. Danach wollte er Sri Lanka besuchen.

Nach seinem Besuch im verwüsteten Gebiet von Khao Lak nördlich von Phuket zeigte sich Fischer erschüttert über das Ausmaß der Zerstörung in Thailand. Bei einem ökonomischen Gottesdienst mit deutschen Geistlichen in Phuket gedachte er der Opfer der Flut. Später traf er auch mit Angehörigen zusammen. „Ich habe schreckliches Leid gesehen, aber auch beeindruckende Solidarität“, sagte er später.

Deutschland beteiligt sich an Frühwarnsystem

Das Potsdamer GeoForschungsZentrum (GFZ) hat bereits im Auftrag von Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) ein Konzept für ein Frühwarnsystem entwickelt. Damit könne in ein bis zwei Jahren ein leistungsfähiges System aufgebaut werden, das etwa 40 Millionen Euro kosten würde, sagte Bulmahn der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Berlin bietet Sri Lanka und Indonesien ein Frühwarnsystem an). Die vom GFZ entwickelte Methode der Echtzeitkommunikation im Internet, per E-Mail und SMS sei bereits internationaler Standard und werde auch in den Vereinigten Staaten verwendet. Bulmahn: „Das ist das weltweit schnellste System.“

Streitigkeiten in Sri Lanka leben auf

Fast 160.000 Menschen sind laut einer Zwischenbilanz der der Vereinten Nationen bei der Flutkatastrophe am zweiten Weihnachtstag ums Leben gekommen. Als vermißt gelten knapp 18.000 Menschen, 1,12 Millionen Menschen sind obdach- oder heimatlos, teilte das UN-Amt für die Koordination humanitärer Hilfe (Ocha) in Genf mit. Die Zahl der vermißten Deutschen verringerte sich leicht auf 716. „Es gibt aber keinen Grund zur Entwarnung“, sagte Staatssekretär Klaus Scharioth in Berlin. Die Zahl von 60 identifizierten toten Bundesbürger steht unverändert. Der Vermißten-Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes ist weiterhin aktiv (Suchdienst des Roten Kreuzes ).

Nachdem die Katastrophe auf Sri Lanka die Differenzen zwischen Regierung und den „Befreiungstigern von Tamil Eelam“ zunächst verdrängt hatte, brach nun wieder Streit zwischen beiden Seiten auf. Die Rebellen protestierten gegen eine Entscheidung der Regierung, Auffanglager im Norden und Osten unter die Kontrolle der Armee zu stellen, die auch die Hilfsgüter in den Lagern verteilen soll.

Akute Seuchengefahr durch Trinkwasser

Nachbeben ließen den traumatisierten Überlebenden am Samstag abermals keine Ruhe. So wurden die Inseln der Nikobaren von einem Beben der Stärke 5,2 auf der Richterskala erschüttert. Über neue Schäden oder Opfer wurde aber nichts bekannt.

Rußland schickte mit seiner Luftwaffe 130 Tonnen Hilfsgüter in die Katastrophenregion, Spanien will Anfang kommender Woche 650 Soldaten als Helfer vor allem nach Indonesien entsenden. Trotz aller Mühen sollen noch immer einige Regionen von jeglicher Hilfe abgeschnitten sein. Verseuchtes Wasser bleibt ein vordringliches Problem. „Das Trinkwasser stellt für die Menschen in den Küstenregionen in den nächsten sechs bis acht Wochen eine akute Gefahr dar, sich anzustecken“, sagte der Hydrogeologe von der Universität Leipzig, Walter Gläßer.

Töpfer regt UN-Grünhelm-Truppe an

Ein am Freitag verabschiedetes Schulden-Moratorium der G7-Staaten soll den Katastrophenländern umgerechnet etwa 4,3 Milliarden Euro an Rückzahlungen pro Jahr ersparen, sagte der britische Finanzminister Gordon Brown am Freitagabend. Großbritannien hat derzeit den Vorsitzin der Gruppe der sieben größten Industrienationen, zu denen auch Deutschland, die Vereinigten Staaten, Kanada, Frankreich, Italien und Japan gehören. Wie die EU künftig zügiger auf Katastrophen reagieren soll, darüber sind sich die Außen-, Entwicklungs- und Gesundheitsminister bisher noch uneins.

Der Chef des UN-Umweltprogramms, Klaus Töpfer, forderte die Einrichtung eines Umweltkorps der Vereinten Nationen nach dem Vorbild der Blauhelm-Friedenstruppen. Die Vereinten Nationen brauchten auch „Grünhelme, also eine ständig einsatzbereite und sofort zu alarmierende schlagkräftige Truppe, die nach Umweltkatastrophen sofort an jedem Punkt der Welt einsatzbereit ist“, sagte Töpfer der „Bild am Sonntag“.

Die Spendenbereitschaft ist nach wie vor groß. Die Amerikaner gaben bislang mehr als 337 Millionen Dollar (257,6 Millionen Euro), in Australien wurden allein bei einem Konzert umgerechnet 9 Millionen Euro gesammelt. In Deutschland zeigen sich nach einer polis-Umfrage besonders ältere Menschen großzügig. 59 Prozent der über 55jährigen haben demnach Anfang Januar gespendet, 56 Prozent waren es bei den 35- bis 54jährigen.

Neue Phase

Die Koordination der nationalen und internationalen Hilfe tritt unterdessen in eine neue Phase. Am Dienstag nimmt die Bundesregierung an der UN-Geberkonferenz in Genf teil. Und für Mittwoch lud Bundeskanzler Schröder zur Koordinierung der deutschen Hilfe zu einem nationalen Spitzentreffen nach Berlin ein. Am Mittwoch wird auch Außenminister Joschka Fischer zum Bericht im Bundeskabinett zurückerwartet, der als erstes Regierungsmitglied die betroffenen Länder Thailand, Indonesien und Sri Lanka bereist.

An der Berliner Konferenz werden nach offiziellen Angaben die Präsidenten der kommunalen Spitzenverbände sowie mehrere Ministerpräsidenten teilnehmen. Bei dem Treffen gehe es um die Einbeziehung der Länder und Kommunen in die von Schröder angestrebten Partnerschaften von Bundesländern und Kommunen mit betroffenen Staaten in Asien.

Von Adoptionen abgeraten

Bei ihrem Hilfseinsatz legen viele Organisationen auf den Schutz und die Hilfe für Kinder einen besonderen Schwerpunkt. „Wir sind gewarnt und müssen sehr wachsam sein, welche Menschen sich in den Kinder-Notunterkünften herumtreiben“, sagte Claudia Berker von terre des hommes. Die Organisation riet von Adoptionen aus den Katastrophengebieten Asiens ab. „Es mag gut gemeint sein, Kinder durch eine Adoption in Sicherheit zu bringen“, sagte Terre-des-hommes-Referentin Maria Holz. Eine intensive Prüfung des persönlichen Hintergrunds sei aber in der derzeitigen Lage kaum möglich (Menschenhandel: Sorge um Kinder im Flutgebiet hält an).

Text: FAZ.NET mit Material der Nachrichtenagenturen
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, F.A.Z., REUTERS

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