28. April 2008 Bei dem Zugunglück im Landrücken-Tunnel bei Fulda hat sich nach Angaben der Deutschen Bahn das Rettungskonzept offenbar bewährt. Alle 135 Reisende hatten sich spätestens 40 Minuten nach dem Unfall am Sammelplatz vor dem Tunnel eingefunden, sagte ein Bahnsprecher. Sie hatten den Weg aus dem Zug bis zum Nordportal des Landrücken-Tunnels zu Fuß zurückgelegt.
Noch ist nicht klar, wie die Schafe auf die Gleise gelangen konnten. In der Nähe der Bahnlinie befinden sich Schafweiden. Die Bahntrasse ist zudem nicht eingezäunt. Die Bundespolizei hat inzwischen den Schäfer ermittelt. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich meiner Sorgfaltspflicht als Schäfer nachgekommen bin, sagte der Landwirt aus Mittelkalbach. Die Tiere seien ordnungsgemäß eingeschlossen gewesen. Es könnte aber sein, dass die Schafe auf die Gleise getrieben worden seien. Schafe laufen nicht einfach auf Gleise, hieß es.
30 bis 40 Notrufe gingen gleichzeitig ein
Der Zug war am Samstag um 21.05 Uhr auf die Schafherde geprallt. Die Züge fahren auf dieser Strecke mit einer Geschwindigkeit von bis zu 250 Kilometer in der Stunde. Zwanzig Tiere verendeten bei dem Zusammenstoß. Es ist unklar, wieviele Tiere unmittelbar vor dem nördlichen Portal des Landrücken-Tunnels auf den Gleisen waren. Die Schätzungen reichen von 20 bis auf mehr als 40 Tiere. Nach Angaben der Bahn muss der Triebkopf des ICE unmittelbar aus dem Gleis gesprungen sein, denn schon am Tunneleingang sind die Betonschwellen zum Teil schwer beschädigt. Wahrscheinlich seien die Tiere in das vordere Drehgestell geraten. Nach einer Vollbremsung kam der 400 Meter lange Zug im Tunnel zu stehen. Glücklicherweise stellte sich kein Zugteil im Tunnel quer. Der Zug bestand aus je einem Triebkopf am Anfang und Ende des Zuges und zwölf Wagen dazwischen.
Der vordere Zugteil ist nach Angaben der Bahn entgleist. Nur die beiden letzten Wagen und der hintere Triebkopf blieben im Gleis stehen. Der vordere Triebkopf stand etwa 1300 Meter tief im Tunnel, der hintere etwa 900 Meter tief. In der Fuldaer Rettungsleitstelle der Feuerwehr gingen unmittelbar nach dem Zusammenprall 30 bis 40 Notrufe gleichzeitig ein. Thomas Hinz, Leiter der Feuerwehr, sagte, es habe sich bewährt, dass die Einsatz- und Rettungskräfte den Einsatz am Landrücken-Tunnel erst unlängst geübt hätten. Es sei Vollalarm für die gesamte Feuerwehr, die Hilfsdienste und die Notärzte ausgelöst worden. Über die Durchsage Original. Original. Dies ist keine Übung! sei den Einsatzkräften klargemacht worden, worum es gegangen sei.
Bahnreisende müssten sich mit Sicherheitseinrichtungen vertraut machen
In Fulda und Würzburg seien die speziell gebildeten Rettungszüge in Richtung der Unfallstelle gestartet, um sich von beiden Seiten dem Tunnel zu nähern. Die sieben Rettungszüge der Bahn seien stets einsatzbereit. Ein solcher Zug verfüge über einen technischen und medizinischen Teil. Bergungsgerät und medizinische Intensivbehandlungsplätze seien an Bord. Das Zuginnere stehe unter Überdruck, damit der Zug auch in verrauchte Tunnelröhren einfahren könne. Der Lokführer fahre dann mit Hilfe von Infrarotsichtgeräten. An Bord befinden sich 22 Feuerwehrleute und etwa die gleiche Zahl Ärzte und Rettungsassistenten. Als der Rettungszug am Tunnel eintraf, stand noch die Staubwolke in der Tunnelröhre. An den Wänden und den Lampen hingen Teile der zerfetzten Tiere. Einige Schafe lebten noch, waren verstümmelt und schrieen vor Schmerzen. Eine Reisende berichtete, sie dachte, sie ersticke. Sie habe etwa 50 Meter vor dem Tunnelausgang eine Fleischmasse gesehen.
Hinz sagte, der Schaden sei gewaltig, aber die Reisenden hatten viel Glück. Das Einsatzmanagement sei hervorragend gelaufen und das Selbstrettungskonzept der Bahn durch das geschulte ICE-Personal habe funktioniert. Auch habe es sich bewährt, dass das Personal in der Leitwarte geschult gewesen sei, sowie über Ortskenntnis verfügt habe, um den Reisenden, die per Funktelefon um Hilfe nachsuchten, den Weg aus dem Tunnel erklären zu können. Die Reisenden haben sich nach den Angaben ganz unterschiedlich verhalten. Einige waren bestens organisiert, hatten ihr Gepäck mitgenommen und wollten offenbar unter Termindruck ihre Reise rasch fortsetzen. Andere waren offenbar in Panik, denn Nothämmer und Feuerlöscher seien aus den Verankerungen im Zug gerissen worden, um Scheiben einzuschlagen. Dabei sind an den Fenstern im ICE Druckpunkte, an denen sich die Scheiben leicht lösen ließen, extra mit einem roten Punkt gekennzeichnet. Hinz sprach sich dafür aus, dass sich Bahnreisende wie Flugreisende mit den Sicherheitseinrichtungen im Verkehrsmittel vertraut machen müssten.
Keine weiteren Reisenden gefunden
Die Rettungskräfte durchsuchten den Zug zwei Mal nach Reisenden, die vielleicht noch in den Waggons hätten sein können. Sie schauten auch auf den Toiletten, in den Faltenbälgen zwischen den Waggons und unter Gepäckstücken nach. Nach dem ersten Durchgang sprühten sie mit einer Farbdose von außen einen Strich auf den Waggon, nach dem zweiten Durchgang einen zweiten, so dass ein Kreuz entstand. Zudem machten sich drei Stoßtrupps von je zwei Mann auf den Weg Richtung Süden, um den Tunnel die mehr als acht Kilometer bis zum südlichen Portal nach Passagieren abzusuchen, die vielleicht in die falsche Richtung gelaufen waren.
Gegen ein Uhr am Sonntag, sagte Hinz, habe er mit Erleichterung die Meldung entgegengenommen, dass keine weiteren Reisenden gefunden worden waren. Indes waren alle Reisenden am Nordportal gesammelt und ins Gemeindehaus nach Kalbach gebracht worden, wo sie Getränke und einen Imbiss erhielten. Anschließend wurden sie mit Bussen nach Fulda gebracht. Um 2.30 Uhr setzte die Bahn eigens einen Zug ein, der die Reisenden an ihre Zielbahnhöfe brachte. Im Zug wurden die Passagiere betreut und je nach Zielort mit Taxischeinen versehen.
Allein 60 Helfer des Technischen Hilfswerks
Nach dem Unfall kam es noch bis zum Sonntagnachmittag zu widersprüchlichen Meldungen über die Zahl der Reisenden. Es war von 170 und bis zu 200 die Rede. Die Reisenden in Zügen werden, anders als im Flugzeug, nicht gezählt. Wer sich selbst gerettet hat, ist frei, seinen Weg fortzusetzen. Darum, sagte Hinz, sei es wichtig, am Sammelpunkt möglichst rasch die Passagiere nach Mitreisenden und Platznachbarn zu befragen, damit keiner, der verletzt sei, vergessen werde. Welche Zahl an Helfern insgesamt im Einsatz war, konnten weder Bahn noch Bundespolizei beziffern. Am Sonntag waren allein 60 Helfer des Technischen Hilfswerks im Einsatz.
Vor dem Tunnelportal lag ein Haufen mit Schotter und abgerissenen, geborstenen und deformierten Zugteilen und Gleisbefestigungen. Daneben fanden sich noch Gewebereste und einzelne Gedärme der Tiere. Bis die Kadaver am Sonntagvormittag abgeholt worden waren, berichteten die Helfer, habe es bestialisch gerochen. Im Tunnel sind die Gleise verschoben und teils herausgerissen worden. Zunächst ging die Bahn daran, den Fahrdraht zu demontieren, um über dem entgleisten Zug Platz zu schaffen. Dann sollten über das intakte Gleis, das in Richtung Norden führt, Kranwagen in den Tunnel gefahren werden, um die entgleisten Waggons anzuheben und wieder aufzugleisen, sofern die Drehgestelle dies zuließen. Wenn die Drehgestelle zu stark beschädigt sein sollten, werden die Wagen auf Schlitten gesetzt, um sie aus dem Tunnel zu ziehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.