Von Peter-Philipp Schmitt
03. März 2008 Schon während des Endanflugs über Hamburg-Langenhorn war es für den Piloten offenbar nicht leicht, den Airbus 320 gerade in der Luft zu halten. Der Seitenwind von rechts war, wie von der Deutschen Flugsicherung angekündigt, kräftig - von bis zu 100 Stundenkilometern ist die Rede. Der Flugkapitän musste schon in der Luft gegensteuern, damit das Flugzeug nicht schräg auf der regennassen Landebahn 05/23 aufsetzte. Ganz gelang es ihm nicht, bevor die Reifen bei etwa 250 Stundenkilometern erstmals kurz den Asphalt berührten. Regenwasser spritzte auf, der Bug der Maschine drehte sich leicht nach links, das Flugzeug schien der Pilot Oliver A. aber trotzdem sicher gelandet zu haben.
Dann jedoch erfasste plötzlich eine heftige Böe die rechte Tragfläche, die an die knapp 64 Tonnen schwere Maschine kippte zur anderen Seite, die Spitze des linken Flügels berührte kurz den Boden. Dabei wurde, wie sich später herausstellte, das sogenannte Winglet beschädigt, das Endstück der Tragflächen, das die Aerodynamik des Flugzeugs steigern und den Treibstoffverbrauch senken soll. Zwar gelang es der Cockpit-Besatzung sofort, die Maschine wieder aufzurichten. Sie wurde aber trotzdem weiter von der asphaltierten, 45,8 Meter breiten Bahn gedrückt. Der Pilot brach daraufhin die Landung ab, gab den Triebwerken vollen Schub und startete durch. Der zweite Anflug, dieses Mal auf der mit 3666 Metern gut 400 Metern längeren Bahn 15/33 etwa 15 Minuten später, gelang.
Start- und Landeabbrüche gehören zur täglichen Übung
Start- und Landeabbrüche gehören zur täglichen Übung eines Lufthansa-Piloten, sagt Thomas Jachnow, Sprecher der Fluggesellschaft. Mehrere Maschinen mussten am Samstag, als der Orkan Emma über Deutschland hinwegzog, in Hamburg zu einem Go-around-Manöver ansetzen - also durchstarten. Jachnow spricht von erschwerten Bedingungen. Die Windverhältnisse seien suboptimal gewesen seien. Doch darauf habe sich der Pilot der Lufthansa-Maschine Suhl, Oliver A., einstellen können. Starke Windböen aber kann man nicht kalkulieren, sagt Jachnow. Nur trainieren. Er geht davon aus, dass der Pilot, der seit 17 Jahren für die Lufthansa arbeitet und seit sechs Jahren Kapitän ist, eine derartige Situation schon zigfach real erlebt und ganz gewiss schon hundertfach im Flugsimulator durchgespielt hat. Dass ein Flugzeug unmittelbar vor der Landung von einer Windböe erfasst wird, ist für unsere Piloten also keine völlig neue Erfahrung.
Dass ein Flugzeug aber beim Aufsetzen mit einer Tragfläche über den Boden schrammt, sei eher selten, sagt Jachnow. Den 131 Passagieren und sechs Besatzungsmitgliedern des Flugs LH 044 aus München sei daher psychologische Betreuung angeboten worden. Die Fluggäste seien sehr gefasst gewesen. Die meisten reisten sofort weiter. Einer der Passagiere, Hansi Küpper, sagte, an Bord sei es während der gescheiterten Landung völlig still gewesen. Nach dem Durchstarten sei es geradezu gespentisch ruhig gewesen: Entweder waren die Passagiere ziemlich cool, oder aber sie standen unter Schock.
Kritik der Pilotenvereinigung Cockpit
Die Pilotenvereinigung Cockpit kritisierte am Montag die Entscheidung, das Flugzeug die windanfälligere Landebahn 23 anfliegen zu lassen. Markus Kirschneck, Sprecher der Vereinigung, sagte, dass die Seitenwinde auf der Bahn 33, auf der die Maschine beim zweiten Versuch gelandet war, grundsätzlich nicht so stark seien. Zugleich sprach auch Kirschneck von einem normalen Manöver des Kapitäns. Er sei deswegen gewiss kein Held. Nach Angaben der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung wird der Fall untersucht. Dabei soll vor allem das Video eines Planespotters ausgewertet werden, der die abgebrochene Landung von seinem Beobachtungsposten außerhalb des Flughafengeländes gefilmt und danach öffentlich gemacht hatte.
Das Flugzeug mit der Registrierung D-AIQP wurde noch am Sonntag in Hamburg repariert. Offenbar hatten weder Pilot, noch Tower etwas von der Bodenberührung der Tragfläche bemerkt. So standen während der zweiten Landung mit dem beschädigten Flügel auch keine Kräfte der Flughafenfeuerwehr bereit. Nach Angaben Jachnows hatte der Airbus, Baujahr 1992, allerdings nur kleine Schäden davongetragen. Er wird an diesem Dienstag wieder im Linienverkehr zum Einsatz kommen. Der 39 Jahre alte Pilot Oliver A. und die 24 Jahre alte Kopilotin Maxi J. hätten nach ihrer vorgeschriebenen Ruhezeit am Montag schon wieder ganz normal ihren Dienst angetreten.
Text: dpa und ddp
Bildmaterial: ddp, dpa, reuters