Eschede

Die Wunden sind noch nicht vernarbt

Von Robert von Lucius, Eschede

03. Juni 2008 Das Tor zur Gedenkstätte von Eschede trägt die Inschrift „Das Unglück hat die menschliche Zerbrechlichkeit, Vergänglichkeit und Unzulänglichkeit gezeigt“. Blickt man durch den Torbogen hindurch, sieht man am Ende einer steil abwärts führenden, engen Treppe die helle Steinwand mit den Namen der Opfer. Um diese Wand gruppieren sich 101 Kirschbäume. Jeder wurde gepflanzt für eines der Todesopfer beim größten Eisenbahnunglück in der deutschen Geschichte.

An diesem Dienstag werden Überlebende, Angehörige der Toten und der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff in Eschede der 101 Todesopfer des ICE-Unglücks vor zehn Jahren zunächst in Stille gedenken, bevor Wulff eine Rede hält. Das größte Eisenbahnunglück der deutschen Geschichte ist zum Symbol für die Fehlbarkeit der Technik geworden.

„Gelebte Mitmenschlichkeit und spontane Solidarität“

Nicht willkommen bei Gedenkfeier und Gottesdienst sind Repräsentanten der Bahn. Ihr werfen die Überlebenden Versagen vor. Es geht weniger um die als gering empfundenen Entschädigungen als darum, dass man vergeblich auf eine Entschuldigung der Bahn gewartet hat. Immerhin: Zur Unglückszeit um 10.59 Uhr werden Züge umgeleitet oder Eschede nur mit gedrosselter Geschwindigkeit passieren, um die Schweigeminute nicht zu stören – auf dringliche Bitten des Bürgermeisters der Samtgemeinde Eschede.

Eschede sei, sagte Bundespräsident Roman Herzog vor zehn Jahren, nicht nur Ort eines furchtbaren Unglücks, der die Südheide in aller Welt bekannt gemacht habe, sondern stehe auch für „gelebte Mitmenschlichkeit und spontane Solidarität“. Zu den Polizisten, Ärzten, Sanitätern und Pastoren im Rettungseinsatz hatten sich Hunderte Helfer aus der Umgegend gesellt, die das Geschehen seither nicht mehr losgelassen hat, die immer wieder berichten von der schrecklichen Stille nach dem Unglück, von den verkeilten Waggons, den entstellten und zerrissenen Opfern.

Es hätte noch schlimmer sein können

An der medizinischen Hochschule im nahen Hannover tagten zum Zeitpunkt der Katastrophe gerade 34 Unfallchirurgen, die sofort zur Unfallstelle eilten. Ihnen und den Einsatzkräften der Bundeswehr fehlten anfangs Beatmungsgeräte, Schmerzmittel und Sauerstoff. Am Ende des Einsatzes hatten die mehr als 1000 Helfer aus den Trümmern des ICE 96 Tote geborgen.

Fünf Personen starben später im Krankenhaus, 105 waren teils schwer verletzt. Es hätte noch schlimmer kommen können: Meist begegnen sich unter der Brücke zwei ICE auf der Fahrt nach und von Hamburg, an diesem Tag aber war der Zug gen Süden zwei Minuten früher durch. Es dauerte mehrere Tage, bis mit großen Kränen und Bergepanzern die Betonteile der auf den Zug gestürzten Brücke geräumt waren. Das Identifizieren der Todesopfer erforderte noch mehr Zeit.

Viel gelernt

Die deutsche Psychotraumatologie hat aus der Betreuung der Opfer von Eschede vieles gelernt, nicht zuletzt, dass auch die Helfer Hilfe brauchen. Eingesetzt wurden die neuen Erkenntnisse dann auch bei dem Amoklauf eines Schülers in Erfurt mit 17 Todesopfern. Traumatologen berichten, nach einer Katastrophe wie in Eschede oder in Erfurt brauchten die Beteiligten mindestens ein Jahr, ihr Leben neu zu ordnen, viele auch weit länger. Sie müssten dafür das Erlebte hundert-, zweihundertmal erzählen. Zum Unglück von Eschede sind fünf Bücher erschienen – von einem Eisenbahnfachmann, einem Pfarrer und einer Journalistin, eine Dokumentation über Einsatznachsorge am Beispiel Eschedes, und „der Weg zurück ins Leben“ von einem Überlebenden.

Wie beklemmend das auch nach zehn Jahren ist, zeigte am Freitag eine neunzigminütige Fernsehdokumentation der ARD mit nachgestellten Bildern und Schicksalen. Ein Überlebender etwa wird auch nach Jahren noch von dem Gedanken gequält, dass er den Knopf für die Notbremsung nicht fand oder nicht den Mut, ihn zu bedienen. Als er dem Zugbegleiter mitteilte, der Boden in seinem Abteil sei aufgerissen, war es zu spät. Der ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“, in dem 300 Fahrgäste saßen, fuhr mit dem gebrochenen Radreifen noch drei Minuten lang ungebremst weiter – mit einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern in der Stunde.

Keine Blumen von der Bahn

Ein Lehrer überlebte nur, weil er kurz vor dem Entgleisen des Zuges seinen Sitzplatz gewechselt hatte – seine Frau wurde tödlich verletzt. Udo Bauch, der bei dem Unfall schwer verletzte Autor des Erinnerungsbuches, sagt beim Besuch der Gedenkstätte, auf der Tafel mit den Namen der Todesopfer hätte auch seiner stehen können – tagelang hielt ihn die Klinik im künstlichen Koma. Bauch, seit dem Unfall halbseitig gelähmt, wünscht sich von der Bahn eine Entschuldigung; es sei „einfach peinlich“, dass sie an der Gedenkmauer noch nicht einmal für Blumen sorge. Im Garten seines Hauses errichtete Udo Bauch eine Kapelle zum Dank fürs Überleben.

Der Sprecher der „Interessengemeinschaft der Betroffenen“, Heinrich Löwen, sagt, die Bahn habe unermesslichen Schaden zugefügt, aber nie ihre Schuld eingestanden – das sei schäbig. Der von der Bahn nach dem Unglück eingesetzte Ombudsmann, der frühere Vizepräsident des Bundessozialgerichts Otto Ernst Krasney, wendet ein, die Bahn habe an Verletzte und Hinterbliebene 33 Millionen Euro bezahlt, neben Heilbehandlung, Erwerbsunfähigkeits- und anderen Renten auch je Opfer 30.000 Mark Schmerzensgeld, viel mehr als damals üblich.

Ein jährliches Treffen

Zornig waren die Angehörigen nicht nur auf die Bahn, sondern auch auf die Justiz. Das Landgericht Lüneburg stellte 2003 gegen Zahlung einer Geldbuße von jeweils 10.000 Euro ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung gegen zwei Bahningenieure und einen Techniker des Radherstellers ein. In acht Monaten Verhandlung waren 93 Zeugen und 16 Sachverständige aus aller Welt gehört worden. Beschwerden gegen das Urteil wurden vom Oberlandesgericht und vom Bundesverfassungsgericht ebenso zurückgewiesen wie eine Schadensersatzklage Angehöriger.

Seit 1999 treffen sich Hinterbliebene jedes Jahr am 3. Juni zu Schweigeminuten an der Unglücksstelle, an der 2001 eine Gedenkstätte eröffnet worden war. Dort, kurz vor dem Südheidebahnhof im Ort, kreuzt die ICE-Trasse die sie überquerende Brücke nach Rebberlah.

Fährnisse des Verkehrs und des Zukunftsglaubens

Rebberlah liegt an der alten Heerstraße von Celle nach Lüneburg. Von der Böschung über der Unglücksstelle aus und dem Garten mit den 101 Kirschbäumen, die für die Todesopfer des Unglücks gepflanzt wurden, sind die Wälder von Rebberlah zu sehen. Eschede lag lange im Windschatten aller Verkehrsströme – es gab bis Mitte des 19. Jahrhunderts nur einen Frachtweg in erbärmlichem Zustand.

Das änderte sich erst mit der Wegeordnung für das Kurfürstentum Lüneburg von 1797 – mit dem Neubau von Chausseen. Im Mai 1847 wurde der Bahnhof an der Strecke von Hannover nach Harburg eröffnet. Fast genau 150 Jahre danach wurde Eschede zum Symbol für Fährnisse des Verkehrs und des Zukunftsglaubens. Noch heute trägt dort ein Backsteinbau die Aufschrift „Kaiserliches Postamt“. Mit der Ruhe der Dörfer im Naturpark Südheide, einem der am dünnsten besiedelten Gebiete Deutschlands, war es schockartig vorbei, als der ICE verunglückte.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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