Von Horst Rademacher, Los Angeles
25. Oktober 2007 Dass Humphrey Bogart etwas mit den Buschbränden zu tun haben könnte, vor denen sich derzeit mehr als eine Million Menschen in Südkalifornien in Sicherheit bringen müssen, scheint unmöglich. Schließlich starb der kettenrauchende Schauspieler schon im Jahr 1957. Aber in jenem Film, in dem Bogart den Privatdetektiv Philip Marlowe spielt, kommt er immer wieder auf den Santa-Ana-Wind zu sprechen. Marlowe beobachtete nämlich, dass die Einwohner von Los Angeles immer dann nervös und reizbar werden, wenn dieser trockene, heiße Ostwind durch die Stadt fegt.
Zur Zeit ist es genau jener Wind, der die Waldbrände im Süden Kaliforniens zu verheerenden Infernos anfacht, in denen bisher eine Person ums Leben kam und mehr als 1300 Häuser zwischen Santa Barbara und der mexikanischen Grenze verbrannten.
Leicht aus dem Gleichgewicht
Die Schilderung des Detektivs legt nahe, dass der Santa-Ana-Wind auf die Angelinos eine ähnliche Wirkung hat wie der Föhn auf viele Einwohner Oberbayerns. Tatsächlich treten beide Winde, ebenso wie ihre Verwandten Mistral, Chinook und Schirroco, bei besonderen Wetterlagen auf. In Bayern entsteht der Föhn, weil eine ohnehin trockene Luftmasse von Süden über die Alpen gedrückt wird.
Wenn diese Luft in das flache nördliche Voralpenland fällt, erwärmt sie sich und trocknet dabei noch mehr aus. Bei Föhnwetterlagen sorgt die trockene Luft zwar für hervorragende Fernsicht, ihre geringe Feuchtigkeit, verbunden mit dem ständigen Wind, bringt wetterfühlige Menschen aber leicht aus dem Gleichgewicht.
Aufheizen im Fall von 2000 Metern
Der Santa-Ana-Wind ist gleichsam ein Föhn, der mit Sturmstärke weht. Er entsteht meist in den Herbst- und Wintermonaten, wenn sich über den Wüsten Nevadas und Utahs ein starkes Hochdruck- und gleichzeitig vor der Küste der mexikanischen Halbinsel Baja California ein Tiefdruckgebiet bildet.
Weil sich die Luftmassen im Hoch im Uhrzeigersinn drehen, im Tief aber gegenläufig rotieren, entsteht ein Sogeffekt, der die trockene Luft aus den Wüsten in Richtung Los Angeles zieht. Da die Wüsten im kalifornischen Hinterland zum Teil bis zu 2000 Meter hoch über dem Meeresspiegel liegen, fällt die Wüstenluft auf ihrem Weg zur Küste und heizt sich dabei noch weiter auf.
Das kleinste Grillfeuer kann außer Kontrolle geraten
Je stärker der Luftdruckunterschied zwischen dem Nevada-Hoch und dem Küstentief ist, desto intensiver ist die Sogwirkung und desto heftiger weht der Wind. Am vergangenen Wochenende wurde im Zentrum des Hochs im Norden Nevadas ein Luftdruck von 1036 Hektopascal gemessen, im Tief vor Niederkalifornien lag der Druck dagegen unter 1000 Hektopascal. Als Folge blies der - von Los Angeles aus betrachtet aus Richtung der Vorstadt Santa Ana wehende - Wind zum Teil mit Geschwindigkeiten von mehr als 100 Kilometern in der Stunde.
Bei einem derartigen Sturm kann schon das kleinste Grillfeuer außer Kontrolle geraten. Hinzu kommt, dass es seit Monaten in Südkalifornien nicht mehr geregnet hat. Der Santa-Ana-Wind zieht nun auch noch die letzte Feuchtigkeit aus den ohnehin nahezu verdörrten Wäldern und den mit Chaparral-Gebüsch bewachsenen Hügeln an der Küste. Eine achtlos weggeworfene Zigarettenkippe, ein heißes Auspuffrohr in trockenem Gras oder eben ein unkontrolliertes Grillfeuer können dann schnell zur Katastrophe werden.
Die Feuerwehrleute sind weitgehend machtlos
Insgesamt brennt es seit dem vergangen Wochenende an mindestens fünfzehn Stellen in Südkalifornien. Wegen des starken Windes sind die aus allen Landesteilen und mehreren Nachbarstaaten angerückten Feuerwehrleute weitgehend machtlos. Die typische Art der Waldbrandbekämpfung, das Schlagen von Feuerschneisen um den Brandherd herum, versagt, weil der Wind Funken und glühende Asche mit Leichtigkeit über die Schneisen trägt und auf der anderen Seite neue Feuer entfacht.
Auf diese Weise haben die Brände in den vergangenen Tagen eine Fläche von mehr als 1600 Quadratkilometern vernichtet. Mehr als 1300 Gebäude verbrannten. In dem am schwersten betroffenen Landkreis San Diego ordneten die Behörden die Evakuierung von 350.000 Einfamilienhäusern an. Nach einer Schätzung des kalifornischen Amtes für Katastrophenschutz befinden sich zur Zeit mehr als eine Million Menschen auf der Flucht vor den Bränden. Im großen Sportstadion von San Diego sowie in vielen Schulen wurden Notunterkünfte eingerichtet. An diesem Donnerstag will sich Präsident Bush gemeinsam mit dem kalifornischen Gouverneur Schwarzenegger im Katastrophengebiet ein Bild von der Lage machen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.