Beben vor Indonesien

Die Gefahr des Dominoeffektes

Von Horst Rademacher

Hunderte von Häusern - wie hier auf Sumatra - stürzten durch das Beben ein

Hunderte von Häusern - wie hier auf Sumatra - stürzten durch das Beben ein

13. September 2007 Die vielen schweren Erdbeben der vergangenen Tage vor der Küste der indonesischen Insel Sumatra kamen für Geowissenschaftler nicht überraschend. Sie sind nämlich eine unmittelbare Folge der Erdbebenkatastrophe vom Dezember 2004, bei der damals mindestens 300.000 Menschen ums Leben kamen.

Mit den jüngsten Erdstößen reagiert die Erdkruste unter dem östlichen Indischen Ozean auf die erheblichen mechanischen Spannungen, die sich durch das verheerende Beben vor zweieinhalb Jahren aufgebaut haben. Mit weiteren schweren Beben entlang des Sundabogens ist in den nächsten Jahren zu rechnen.

Kollision mit sechs Zentimeter pro Jahr

Unter Indonesien verläuft eine jener Linien in der Erdkruste, entlang der zwei der mächtigen Platten zusammenstoßen, die auf dem extrem zähflüssigen Magma des Erdinneren schwimmen. Diese Linie wird durch den Sundabogen definiert, der sich auf einer Länge von mehreren tausend Kilometern von Burma im Norden über den Archipel der Andamanen und Nikobaren, Sumatra und Java bis weit in die östliche indonesische Inselwelt der kleinen Sundainseln erstreckt.

Dieser gewaltige Bogen entstand, weil sich - vereinfacht beschrieben - dort die australisch-indische Erdkrustenplatte, die Australien und den größten Teil des Indischen Ozeans umfasst, unter die riesige eurasische Platte schiebt. Im langjährigen Mittel beträgt die Geschwindigkeit, mit der sich die indische Platte gegenüber Eurasien bewegt, etwa sechs Zentimeter pro Jahr. Auf der Außenseite des Bogens, also vor der dem Indischen Ozean zugewandten West- und Südküste Indonesiens lässt das Absinken der Erdkruste einen Tiefseegraben entstehen.

Das Gestein zerspringt plötzlich

Der ständige Druck, der durch die stetige Nordwärtsdrift der indischen Platte auf die eurasische Platte ausgeübt wird, setzt das spröde Gestein der Erdkruste in beiden Platten unter starke mechanische Spannungen. Ähnlich wie eine Glasscheibe zerspringt, wenn man zu stark auf sie drückt, hält auch die Erdkruste den tektonischen Kräften der Plattenbewegung nicht unendlich lange stand.

Wird der Druck zu groß, zerspringt das Gestein plötzlich, und die dabei ausgelösten Bebenwellen entfalten ihre zerstörerische Wirkung. Bei dem Beben, das am zweiten Weihnachtstag 2004 die Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean auslöste, gab die Erdkruste entlang des nördlichen Sundabogens dem seit Jahrzehnten angestauten tektonischen Druck nach.

Erdbebengefahr nicht verringert

Ausgehend von der Nordsumatra vorgelagerten Insel Simeulue, brach das Gestein auf einer Länge von 1200 Kilometern in Richtung Norden und führte damit zum zweitschwersten Erdbeben der vergangenen hundert Jahre. Der gesamte Rest des Sundabogens südlich von Simeulue blieb dagegen von einem Bruch verschont.

Das bedeutete aber keinesfalls, dass sich die Erdbebengefahr im südlichen Teil des Bogens damit verringerte. Vielmehr setzte jener plötzliche Druckabbau, der zu dem Beben 2004 führte, den Rest des Sundabogens unter eine noch größere mechanische Spannung.

Das Fallen der Steine

Dieser Vorgang lässt sich mit dem Fallen von Dominosteinen vergleichen. Der Fall des ersten Steins übt einen Druck auf den zweiten Stein aus, der dazu führt, dass auch dieser umfällt. Der fallende zweite Stein wiederum bewegt den dritten.

Dieser Vorgang wiederholt sich so lange, bis entweder alle Steine umgefallen sind oder die Kraft, mit der sie umfallen, nicht mehr ausreicht, den nächsten Stein aus dem Gleichgewicht zu hebeln. Innerhalb der Erde entwickelt sich dieser Dominoeffekt allerdings nicht unmittelbar. Es kann vielmehr Monate oder Jahre dauern, bis der zweite und die folgenden Steine umfallen.

Nachbeben werden noch Monate lang anhalten

So fiel der zweite Stein genau drei Monate nach dem ursprünglichen Erdbeben. Ende März des Jahres 2005 brach die Erdkruste im Sundagraben südlich von Simeulue in einem Erdbeben der Magnitude 8,2. Bei diesem Beben breitete sich der Bruch knapp 200 Kilometer weit in südlicher Richtung aus. Nun, weitere 29 Monate später, ist der dritte Dominostein umgefallen.

Die Bruchfläche des Bebens vom Mittwoch schloss sich nahezu nahtlos in Richtung Süden an den zweiten Dominostein an. Mit einer Magnitude von 8,4 ist das Beben das bisher schwerste dieses Jahres. Ihm folgten mehrere tausend Nachbeben, von denen das größte immerhin noch mit einer Magnitude von 7,8 registrierte.

Allen bisherigen Erfahrungen zufolge werden diese Nachbeben entlang der Küste vor der Großstadt Padang noch Monate anhalten und die Bevölkerung an der Westküste Sumatras in Schrecken versetzen. Nach Meinung vieler Geowissenschaftler ist die vom Dominoeffekt ausgehende Gefahr aber wesentlich größer als das von den Nachbeben ausgehende Risiko. Denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis der vierte Dominostein fällt und das nächste, weiter südlich gelegene Segment des Sundagrabens in einem schweren Erdbeben bricht.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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