Tod auf der Zugspitze

„Die Läufer können nicht einfach aufhören“

14. Juli 2008 Markus de Marees ist Mediziner und arbeitet als Höhenphysiologe an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Er ist selbst ein passionierter Läufer. Im Interview erklärt er, welchen besonderen Belastungen der Körper bei einem alpinen Berglauf ausgesetzt sein kann. Und wie man das Unglück beim Berglauf auf der Zugspitze, bei dem am Sonntag 16 Kilometer und rund 2100 Meter Höhendifferenz zu überwinden waren, womöglich hätte verhindern können.

Herr de Marees, bei einem Berglauf auf die Zugspitze am Sonntag sind nach einem plötzlichen Wetterumschwung zwei Läufer gestorben. Normalerweise nehmen an einem solchen Lauf nur erfahrene Sportler teil. Wie kann es trotzdem sein, dass es zu diesem Unglück kommt?
Wie stark ein Läufer seinen Körper auslastet, hängt von seiner Motivationslage ab. Diejenigen, die bei einem solchen Berglauf mitmachen, haben tatsächlich oft ein hohes Trainingsalter, das heißt sie haben schon viele Läufe absolviert. Die Läufer bewegen sich öfter im Grenzbereich.

Gerade dann müssten sie doch in der Lage sein, die Situation und die Gefahr richtig einzuschätzen.
Die Läufer hatten berichtet, dass es erst relativ weit oben, also nahe des Gipfels zu dem Temperatursturz mit Schneefall und heftigem Wind gekommen ist. Unten am Start sollen die Bedingungen noch akzeptabel gewesen sein. Zum einen haben die Sportler oben natürlich den starken Willen, den Lauf zu Ende zu bringen. Zum anderen können sie aber ohnehin nicht einfach aufhören, selbst wenn sie mitbekommen haben, dass es gefährlich wird. Sie müssen ja zur nächsten Hütte, also entweder umkehren oder weiterlaufen. Aber bewegen müssen sie sich in jedem Fall.

Was geschieht unter diesen Bedingungen mit dem Körper?
Wenn die Läufer oben ankommen, schwitzen sie. Sofern sie keine langen Hosen und T-Shirts tragen, haben sie einen Flüssigkeitsfilm auf der Haut. Es ist dann vor allem der Wind, der den Körper schnell auskühlen lässt. Die Athleten haben ohnehin einen geringen Körperfettanteil und verfügen über wenig Dämmung. Zudem ist wohl niemand mit einer Mütze gelaufen. Gerade über den Kopf, der sehr gut durchblutet wird, geht aber sehr viel Wärme verloren. Bei Läufern sind es rund 25 bis 30 Prozent. Hinzu kommt, dass man in der Kälte grundsätzlich mehr Energie verbraucht und deswegen mehr Sauerstoff benötigt. Weil der Sauerstoff aber in großen Höhen knapp ist, gehen die Athleten schnell eine Sauerstoffschuld ein. Bei einer Temperatur von fünf Grad Celsius und einer Windgeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern könnte der Mensch dann rund 20 Minuten überleben.

Welche physiologischen Prozesse laufen im Körper dann ab?
Der Körper versucht zu zentralisieren. Das heißt, diejenigen Körperpartien, die nicht zum Überleben gebraucht werden, wie Beine und Arme, werden nicht mehr so stark durchblutet. Das Blut geht mehr zu den wichtigen inneren Organen, also zur Lunge, zum Herzen und in den Verdauungstrakt. Wer nun in einer solchen Situation weiterläuft, lenkt das Blut in Arme und Beine, also in Körperteile, die kalt sind. Es mangelt dann schlicht an Blut, um den Körperkern warm zu halten. Das führt zu Engpässen im Stoffwechsel und zu Unterversorgung der Organe. Die Organfunktionen können ausfallen.

Was hätte man tun können, um das Unglück zu verhindern?
Menschen, die selten in den Bergen unterwegs sind, können sich oft schlecht vorstellen, wie schnell das Wetter in den alpinen Lagen zuweilen umschlägt. Vielleicht lassen sich derartige Unglücke verhindern, indem man nur noch Sportler teilnehmen lässt, die eine entsprechende alpine Berglauferfahrung haben. Das wird aber schwierig, denn meist wollen die Veranstalter ja, dass möglichst viele Läufer teilnehmen.

Die Fragen stellte Lena Bopp.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP

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