Flugzeugabsturz in Amsterdam

„Kommt uns holen, kommt uns holen!“

Von Michael Stabenow

Das Heck der Maschine brach ab

Das Heck der Maschine brach ab

25. Februar 2009 Es ist ein diesiger Vormittag, als die um 8.10 Uhr in Istanbul gestartete Boeing 737-800 mit der Flugnummer TR 1951 sich der Landebahn nähert. Um 10.40 Uhr soll die Maschine der türkischen Gesellschaft Turkish Airlines mit 134 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord planmäßig auf der „Polderbaan“ im nordwestlichen Teil des Amsterdamer Flughafens Schiphol aufsetzen. Um 10.31 Uhr, neun Minuten vor dem vorgesehenen Landetermin, passiert jedoch, was Augenzeuge Henk Dijkshoorn später dem niederländischen Fernsehsender NOS so schildert: „Plötzlich sackte das Flugzeug mit stark nach unten hängendem hinteren Rumpfteil ab. Die Maschine hatte absolut kein Tempo mehr. Sie ist auf dem Feld aufgeschlagen und in drei Stücke zerbrochen. Gleich danach sind ungefähr fünfzehn Menschen aus dem Flugzeug entkommen.“

Widersprüchliche Darstellungen über den Hergang des Unglücks und die mögliche Zahl der Opfer machen nicht nur am Unfallort die Runde. Hatte die zwei Jahre alte Maschine etwa, wie später während einer im Hauptgebäude des Flughafens eilends einberufenen Pressekonferenz gemutmaßt wird, zu wenig Kerosin an Bord? Es ist eine Frage, zu der sich Michel Bezuijen, der geschäftsführende Bürgermeister der Gemeinde Haarlemmermeer, zu der Flughafen und Unglücksstelle gehören, jetzt nicht äußern kann und will.

Panik und Fassungslosigkeit

In der Ankunftshalle des Flughafens warten inzwischen schon seit Stunden besorgte Angehörige und Freunde der Passagiere auf Nachrichten aus der Unglücksmaschine. Es gebe viele Überlebende, aber auch Schwerverletzte, erzählt ein Mann, der zuvor mit einer Familienangehörigen in der Unglücksmaschine telefoniert hat. „Es sieht schlecht aus. Panik und Fassungslosigkeit. Sie sagt nur: Kommt uns holen, kommt uns holen. Sie steht unter Schock.“

Unweit von ihm steht ein Mann, dessen Frau und Tochter sich in der Maschine befinden, und der noch keine Neuigkeiten von ihnen erhalten hat. Er weint. Wenig später trägt Bürgermeister Bezuijen eine erste Bilanz des Unglücks vor: „In diesem Augenblick sind nach unseren Informationen in jedem Fall neun Todesopfer zu beklagen“ sagt Bezuijen. Am Nachmittag wurde bekannt, dass zu den Todesopfern auch drei Besatzungsmitglieder gehören, darunter seien auch die Piloten. Mehr als 80 Menschen seien mit teilweise schweren Verletzungen in Krankenhäuser eingeliefert worden, sechs davon schwebten noch in Lebensgefahr.

Die Nase im Boden

Auf einem frisch gepflügten Acker, rund drei Kilometer vor der Landebahn, aber nur knapp 150 Meter von der vielbefahrenen Autobahn A9 entfernt, liegt die Maschine. Einsatzfahrzeuge können nicht unmittelbar bis zur Unglücksstelle vordringen. Nur mit Hilfe eines Spezialfahrzeugs des Flughafens und einer von einem nahegelegenen Gehöft stammenden Zugmaschine gelingt es, die Verletzten über das matschige Gelände abzutransportieren.

Später finden sich drei Rettungshubschrauber am Unglücksort ein. Die Nase der Maschine mit dem Cockpit, in dem Pilot Hassan Tarcin und sein Co-Pilot zuletzt noch verzweifelt versucht haben müssen, das Drama abzuwenden, ragt in den Boden hinein.

Erst im Dezember grundlegend gewartet

Anders als in der Türkei heißt es in Amsterdam, es seien mehrere Besatzungsmitglieder unter den Toten. Aus der Ferne ist zu erkennen, wie mehrere Körper mit weißen Tüchern abgedeckt werden. Vier oder fünf sind es offenbar. Später wird an der Stelle ein Plastikzelt mit der Aufschrift „Forensische Opvang“ aufgestellt. Die Ursachenforschung hat dort begonnen. Über den genauen Hergang der Bruchlandung der erst einige Jahre alten Boeing 737 gibt es freilich nur Mutmaßungen.

Aus der Türkei lässt sich Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit dem Hinweis vernehmen, die Maschine habe keinerlei Anlass zu Beanstandungen gegeben und sei erst im Dezember grundlegend gewartet worden. Ein ranghoher Vertreter von Turkish Airlines bestätigt, die Maschine sei in einer Höhe von 500 Metern in Probleme geraten und plötzlich abgesackt.

Keine Gleitspuren auf dem Acker

Dafür spricht auch, dass auf dem Acker offenbar keine Gleitspuren zu entdecken sind. Die Triebwerke haben sich herausgelöst, eines liegt rund 50 Meter von der Maschine entfernt. Der Passagier Mustafa Bahececioglu berichtet im niederländischen Fernsehen, die Maschine sei plötzlich abgesackt und hart auf dem Boden aufgeschlagen. „Davor haben wir überhaupt nichts gemerkt.“ Dann hätten sich die Türen geöffnet und eine Reihe von Passagieren hätten die Maschine verlassen können. „Vorne und hinten saßen Menschen, die eingeklemmt waren“, berichtet Bahececioglu.

Ein anderer Passagier erzählt im niederländischen Fernsehen, der Pilot habe noch versucht, die Maschine wieder nach oben zu ziehen - vergeblich. „Die ersten zehn Sekunden nach dem Aufprall herrschte vollkommene Stille. Danach wurde überall geschrien.“ Vielleicht ahnt er zu diesem Zeitpunkt, dass mindestens neun seiner Mitreisenden ihr Leben lassen mussten.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Bleiben Sie pausenlos informiert. Mit den RSS-Services von FAZ.NET behalten Sie alle Nachrichten stets im Blick. Alle Informationen unter www.faz.net/rss-service

FAZ.NET-RSS-Services
Keine Schlagzeile verpassen. Mit FAZ.NET immer und individuell auf dem Laufenden.
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche