17. Juli 2008 Wenige Tage bevor Karl Unterkircher sich aufmachte, über die bislang unbezwungene Rakhiot-Eiswand den Nanga Parbat im Himalaya zu besteigen, hatte er in seinem Online-Tagebuch notiert, dass er sich vor dem Berg etwas fürchte: Diese verwunschene, zerklüftete Eiswand mit den vielen Gletscherspalten, schrieb er. Sie liegt genau in der Mitte und hindert unseren Aufstieg. In meinem Verantwortungsbewusstsein empfinde ich so etwas wie Furcht, ich denke oft an zu Hause. Das Beste, um sicher zu gehen und Unvorhergesehenes zu verhindern, wäre natürlich vom diesem Projekt auszusteigen.
Wie weise seine Worte im Nachhinein klingen würden, konnte Unterkircher freilich nicht ahnen. Nur einen Tag, nachdem sich seine Gruppe vom Basislager auf den Weg zum Gipfel gemacht hatte, stürzte der 38 Jahre alte Bergsteiger an der besagten Eiswand in eine Gletscherspalte. Seine Kameraden Walter Nones und Simon Kehrer hatten über ein Satellitentelefon berichtet, dass Unterkircher plötzlich auf einem Schneebrett ausgerutscht und abgestürzt sei. Sie könnten den mit Schnee bedeckten Körper sehen und hätten mehrere Stunden lang vergeblich versucht, ihn zu bergen. Dann mussten sie ihren Aufstieg fortsetzen, weil ein direkter Abstieg nicht möglich war. Unterkircher ließen sie zurück, der Vater von drei Kindern gilt seither als vermisst.
Keine Rettungsmannschaften am Nanga Parbat
Auch für Nones und Kehrer wird die Tour auf den 8125 Meter hohen Berg nun gefährlich. Denn Karl Unterkircher war als Leiter der Expedition der erfahrenste der drei Bergsteiger. Seine Begleiter werden vermutlich noch mehr als drei Tage benötigen, um in das Basislager zurückzukehren. Wir müssen eine Höhe von etwa 7000 Metern erreichen, um dann den sichersten und schnellsten Weg hinunter zu finden, sagte Nones.
Agostino Da Polenza, ein Freund von Karl Unterkircher und ebenfalls ein erfahrener Bergsteiger, wurde von der italienischen Zeitung La Repubblica mit den Worten zitiert: Wir wissen, dass sich zurzeit noch weitere Bergsteiger am Nanga Parbat befinden. Das beste wäre, wenn Nones und Kehrer sich ihnen anschließen könnten. Für Karl Unterkircher könne man indes im Moment überhaupt nichts tun. Es sei unmöglich, den Punkt zu erreichen, wo er abgestürzt ist. Zudem gibt es am Nanga Parbat keine Rettungsmannschaften. Und für eine Rettung aus der Luft ist die Wand zu steil.
Text: FAZ.NET / lbo.
Bildmaterial: dpa