Vereinigte Staaten

Schlechte Noten für die Infrastruktur

Von Roland Lindner, New York

Minneapolis zeigt: Viele Brücken in Amerika sind gefährlich marode

Minneapolis zeigt: Viele Brücken in Amerika sind gefährlich marode

03. August 2007 Patrick Natale hat keinen einfachen Job. Als Executive Director des Ingenieurverbands American Society of Civil Engineers predigt er schon seit vielen Jahren, dass in den Vereinigten Staaten nicht genug getan wird, um die Infrastruktur in Schuss zu halten. Seine Rufe verhallen aber oft ungehört. „Die Menschen betrachten die Infrastruktur als gegeben oder nehmen sie gar nicht wahr. Und was nicht wahrgenommen wird, hat keine oberste Priorität.“

Das ändert sich nur dann schlagartig, wenn etwas passiert - wie jetzt der Brückeneinsturz in Minneapolis (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Der Brückenkollaps von Minneapolis). Und dann herrscht große Fassungslosigkeit, dass die größte Industrienation der Welt derartige Schwachstellen aufweisen kann. „In einem Land wie Amerika sollte eine Brücke einfach nicht einstürzen“, sagte eine konsternierte Senatorin Amy Klobuchar aus dem Bundesstaat Minnesota, in dem Minneapolis liegt, nach dem Unglück bei einer Pressekonferenz.

Mehr als ein Viertel von 600.000 Brücken kritisch

Der Ingenieurverband gibt der Infrastruktur in Amerika fast durch die Bank miserable Noten. Vor zwei Jahren bewertete der Verband in einer Studie die einzelnen Teile der amerikanischen Infrastruktur - Brücken, Straßen, Deiche, Staudämme, Stromnetz, Wasserversorgung und viele andere. Das Ergebnis war ernüchternd: Fast überall ist der Zustand der Infrastruktur beklagenswert, fand der Verband. Zum Beispiel die Brücken: Mehr als ein Viertel der fast 600.000 Brücken in Amerika seien in ihrer Struktur fehlerhaft oder entsprechen zumindest nicht heutigen technischen Standards.

Welche Folgen Defizite in der Infrastruktur haben können, hat man nach den Worten von Natale gesehen, als vor zwei Jahren nach dem Hurrikan „Katrina“ die Deiche in der Stadt New Orleans brachen und dies eine humanitäre Katastrophe auslöste. Der Brückeneinsturz von Minneapolis sei nun ein weiteres trauriges Beispiel. Und die Bilanz der Explosion einer unterirdischen Dampfleitung in New York hätte noch viel schlimmere Folgen haben können, wenn sie an anderer Stelle in der Stadt passiert wäre, meint Natale.

„Es gibt in Amerika eine Flickwerk-Mentalität“

Bei dem Unglück gab es im Juli eine Tote und Dutzende von Verletzten. Auch viele andere Teile der Infrastruktur wie zum Beispiel Staudämme seien wahre Zeitbomben. Diese Mängel würden aber ignoriert: „Es gibt in Amerika eine Flickwerk-Mentalität. Eingegriffen wird immer nur dann, wenn es zu Störfällen kommt. Aber es wird nicht langfristig investiert“, beklagt Ingenieur Natale.

Sein Verband resümiert, dass in den nächsten fünf Jahren Investitionen von 1,6 Billionen Dollar nötig wären, um die Infrastruktur in einen guten Zustand zu bringen. Diese Summe gilt nach den Worten von Natale nur für die bestehende Infrastruktur und berücksichtigt nicht, dass das System eigentlich ausgebaut werden müsste, etwa weil die Belastung wegen des Bevölkerungswachstums steigt. Auch Ausgaben für die Sicherheit seien darin nicht enthalten.

„Die Infrastruktur war früher ein Standortvorteil“

Die genannten Summen stehen freilich nicht einmal annähernd zur Verfügung: In den öffentlichen Haushalten sei nur 1 Billion Dollar vorgesehen - und damit fast zwei Drittel weniger als die Ingenieure für nötig halten. Als der amerikanische Präsident George W. Bush vor zwei Jahren ein Investitionsbudget für Straßen und Brücken in den nächsten fünf Jahren in Höhe von 286 Milliarden Dollar verabschiedete, blieb er damit ebenfalls weit unter den Forderungen vieler Experten. Allein zur Beseitigung von Mängeln an Brücken wären nach Ansicht des Ingenieurverbands jedes Jahr 9,4 Milliarden Dollar nötig. Aber nur 2 Milliarden Dollar stehen in den Haushalten zur Verfügung.

Die Zurückhaltung der Politik erklärt Natale damit, dass höhere Ausgaben letztlich über höhere Steuern finanziert werden müssten - „und davor schrecken viele Politiker zurück“. Entsprechend schwer falle es dem Verband in seiner täglichen Arbeit, um höhere Investitionen zu werben. Auch Rae Zimmerman, Professorin mit einem Schwerpunkt auf Infrastruktur an der New York University, macht sich keine Illusionen: „Wir müssen wohl noch eine ganze Zeitlang mit Schwachstellen im System leben.“ Natale warnt vor den Folgen: „Wenn wir nicht investieren, dann wird darunter unsere ganze Wirtschaft leiden. Die Infrastruktur war früher immer ein Standortvorteil für Amerika.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, AP Photo/Pioneer Press, Scott Takushi, AP Photo/St. Paul Pioneer Press, Scott Takushi, dpa, F.A.Z., REUTERS

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