19. Juli 2007 Beim schwersten Flugzeugunglück in der Geschichte Brasiliens sind in São Paulo bis zu 200 Menschen ums Leben gekommen. Das Auswärtige Amt entkräftete Befürchtungen, dass Deutsche unter den Opfern seien. Ob die deutschen Namen auf der Passagierliste deutschstämmigen Auswanderern ohne Staatsbürgerschaft gehörten, darüber gebe es jedoch keine Erkenntnisse, sagte eine Sprecherin am Donnerstag in Berlin. Die in São Paulo verunglückte Maschine war in Porto Alegre gestartet. In der Region leben viele Menschen deutscher Abstammung.
Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft die Schließung des nationalen Flughafens Congonhas gefordert, wo sich das Unglück ereignete. Alle Starts und Landungen sollten so lange untersagt bleiben, bis einwandfreie Sicherheitsbedingungen bestätigt und die Zweifel ausgeräumt werden, die durch den Unfall verursacht wurden, heißt es in dem am Mittwochabend in Brasilia veröffentlichten Antrag.
Bei Aquaplaning über Rollbahn hinausgerast
Eine aus Porto Alegre kommende Maschine der brasilianischen Fluggesellschaft TAM war in der Nacht zu Mittwoch (MESZ) bei der Landung auf dem Flughafen Congonhas unweit des Stadtzentrums über die regennasse Landebahn hinausgerast, fuhr in ein Tanklager und ging in Flammen auf. Nach Angaben der Flughafenverwaltung Infrarero war zuvor schon bekannt gewesen, dass Regenwasser von der Unglückspiste nur langsam ablief. Nach Einschätzung der Behörden kamen bei dem Unglück alle 176 Insassen ums Leben; zudem starben rund 25 Menschen am Boden (siehe auch: Video: Flugzeugkatastrophe in Sao Paulo).
An Bord des aus Porto Alegre kommenden Airbus A320 waren 170 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder. Der Inlandsflug war um 17.16 Uhr (22.16 Uhr MESZ) in der südlichen Stadt Porto Alegre gestartet und um 18.50 Uhr bei strömendem Regen auf dem nationalen Flughafen Congonhas, wenige Kilometer vom Zentrum São Paulos entfernt, gelandet. Der A320 schoss nach Angaben der Fluggesellschaft TAM über die regennasse Landebahn hinweg und raste über eine viel befahrene Straße in ein Gebäude der TAM. Der Augenzeuge Junios Matos berichtete, das Flugzeug habe am Ende der Landebahn versucht, durchzustarten, um der Straße auszuweichen. Aber es ist in das Gebäude gekracht und explodiert, sagte er.
Ein TAM-Mitarbeiter, Elias Rodrigues Jesus, sagte, die Maschine sei zwischen der Tankstelle und einem Lager der Fluggesellschaft explodiert. Ich habe nach oben gesehen und einen riesigen Feuerball gesehen, und dann habe ich Kerosin und Schwefel gerochen, berichtete er der Nachrichtenagentur AP. Dutzende Rettungswagen waren an der Unglücksstelle im Einsatz. Meterhohe Flammen und dichte schwarze Rauchwolken waren zu sehen.
Keine Hoffnung auf Überlebende
São Paulos Gouverneur José Serra dämpfte am Unglücksort jede Hoffnung auf Überlebende unter den Flugzeuginsassen. Bei bis zu 1000 Grad Celsius in dem Wrack, von dem nur das Heck aus den Gebäudetrümmern ragte, sei dies illusorisch. Rettungskräfte gingen von zahlreichen weiteren Todesopfern am Boden aus, darunter Menschen, die sich in dem gerammten Gebäude aufhielten. Ein Arzt am Unglücksort berichtete, viele Menschen seien aus den Fenstern gesprungen. Er habe rund 25 verkohlte Leichen gesehen und ein totes Paar in einem Auto. Die Fluggesellschaft hat eine Liste mit den Namen der meisten Passagiere, über deren Nationalität ist bisher noch nichts bekannt gegeben wurde auf ihre Internet-Site gestellt (siehe: Informationen auf der TAM-Homepage (portugiesisch)). Am Flughafen Congonhas warteten den ganzen Tag über verzweifelte Angehörige von Insassen auf Nachrichten über die Opfer. Der Flughafen ist inzwischen wieder teilweise für den Verkehr geöffnet.
Wie die Flughafenverwaltung Infrarero mitteilte, waren die Mängel auf der Piste seit längerem bekannt. Die Oberfläche der Hauptlandebahn sei seit Mitte Mai saniert worden, um Aquaplaning zu verhindern. Die Piste sei erst am 29. Juni wieder freigegeben worden. Bei den Bauarbeiten seien unter anderem Unebenheiten und Schäden des Asphalts erneuert worden. In einer zweiten Phase sollte demnach bis September die Drainage für das Regenwasser verbessert werden (siehe auch: Airport Congonhas: Landebahn gilt seit langem als gefährliche Rutschbahn).
Vorboten des Unglücks
Schon am Montag war nach Angaben von Infrarero ein kleines Flugzeug der Gesellschaft Pantanal mit 21 Passagieren nur knapp an einem Unglück vorbeigeschlittert. Die Propellermaschine schoss den Angaben zufolge wie der Airbus von der regennassen Piste, kam aber mit zwei geplatzten Reifen auf dem angrenzenden Grünstreifen zum Stehen.
Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Die Staatsanwaltschaft von São Paulo kündigte Ermittlungen über die Unglücksursache an. Airbus schickte nach eigenen Angaben fünf Experten nach Brasilien, um bei den Ermittlungen zu helfen. Ob die gefundene Black Box der Unglücksmaschine nützliche Informationen liefern konnte, muss sich noch zeigen.
In Congonhas vor allem Inlandsflüge
Auf dem Flughafen Congonhas werden vor allem Inlandsflüge und Verbindungen innerhalb Südamerikas abgefertigt, während auf dem internationalen Flughafen Guarulhos die meisten Langstreckenflüge ankommen und abheben. Unter Piloten gilt der Anflug von Congonhas wegen der besonders kurzen Landebahn, der nahegelegenen Hochhäuser und des starken Verkehrsaufkommens als schwierig. Im Februar hatte ein Gericht alle Maschinen der Typen Fokker 100, Boeing 737-800 und Boeing 737-700 vom Flughafen Congonhas verbannt. Das Urteil wurde jedoch in höherer Instanz wieder aufgehoben.
Das letzte schwere Flugzeugunglück in Brasilien liegt noch kein Jahr zurück: Am 29. September 2006 stürzte eine Boeing 737 der brasilianischen Fluglinie Gol nach einem Zusammenstoß mit einem Kleinflugzeug im Amazonasgebiet ab. Alle 154 Insassen der Boeing kamen ums Leben. Die Insassen des Privatjets überlebten (siehe auch: Chronik: Schwere Flugzeugunglücke in Südamerika).
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS