ICE-Unglück bei Fulda

Strafverfahren gegen Schäfer eingeleitet

Von Claus Peter Müller

28. April 2008 Die Bundespolizei hat ihre Ermittlungen im Fall des ICE, der bei Fulda nach einer Kollision mit einer Schafherde am Samstag gegen 21:05 Uhr entgleist war, noch nicht abgeschlossen, aber den „Vorgang“ der zuständigen Staatsanwaltschaft Fulda übergeben. Eine Sprecherin der Bundespolizei sagte am Unfallort südlich von Fulda, gegen den Schäfer Norbert Werner aus Kalbach werde wegen des Verdachts des gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr ermittelt. Es drohe eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.

Indes sagte der Schäfer, er sei seiner Sorgfaltspflicht nachgekommen. Reinhard Heintz, Vorsitzender des Hessischen Verbandes für Schafzucht und -Haltung sagte während eines Besuches des Unglücksortes: „Irgendetwas ist da passiert. Meiner Meinung nach ist Herr Werner nicht schuld.“ Heintz vermutete, ein oder mehrere Hunde hätten die Schafe von der Weide, die nur wenige hundert Meter östlich der Bahnlinie liegt, auf die Gleise getrieben. Die Weide war an drei Seiten mit Elektrozäunen begrenzt und an der vierten Seite durch einen Bachlauf. Heintz sagte, Schafe gingen niemals freiwillig durch das Wasser oder auf Gleise. Der Schäfer verlor bei dem Unfall 75 von 152 Tieren. Wie viele davon unter den Triebkopf des ICE gerieten, der auf dem Weg nach München war, ist unklar. Es war von mindestens 20 Schafen die Rede.

Auch die erste Kollision wurde gemeldet

Die Bahn bestätigte unterdessen, dass der Gegenzug, der unmittelbar vor dem Unglückszug in Richtung Norden durch den Landrücken-Tunnel gefahren war, ebenfalls mit einem oder mehreren Schafen kollidiert war. Der Triebkopfführer des aus Süden kommenden Zuges habe nach der Kollision irgendwo zwischen dem Tunnel und dem Bahnhof Fulda gehalten, um den Schaden zu inspizieren, und habe sich dann zur Weiterfahrt entschlossen. Der Lokomotivführer habe natürlich nicht die umliegenden Weiden nach weiteren entkommenen Schafen abgesucht, zumal die Strecke in Betrieb gewesen und es dämmrig gewesen sei, teilte die Bahn mit.

Im Bahnhof Fulda sei der in Richtung Norden fahrende Zug abermals inspiziert worden, bevor er seine Fahrt fortgesetzt habe. Ob das Personal des nach Süden fahrenden Unglückzuges daraufhin vor der Gefahr am Gleis gewarnt worden sei, war der Bahn nicht bekannt. Aber in jedem Falle sei die Kollision, die dem schweren Unfall voranging, gemeldet worden.

„Ich hätte nur abgewunken...“

Der Vorstandsvorsitzende der Bahn AG, Hartmut Mehdorn, sagte in Berlin, er wolle die Sicherungsanlagen vor den Tunneleingängen der ICE-Schnellstrecken überprüfen lassen. Man könne „gar nicht so verrückt denken“, wie sich die Ereignisse verketten könnten, sagte er. „Wenn mir vor kurzem einer gesagt hätte: 'Was macht die Bahn, wenn 60 Schafe im Tunnel sind?', hätte ich nur abgewunken.“ Trotzdem gelte: „So etwas darf nie wieder passieren.“

Am Samstagabend war ein ICE mit einer Geschwindigkeit von mehr als 200 Kilometern in der Stunde am Nordportal des mit 10,8 Kilometern längsten Eisenbahntunnels in Deutschland mit einer Schafherde zusammengeprallt und entgleist. 19 der 135 Reisenden hatten sich Verletzungen zugezogen. Die Bergungsarbeiten dauerten am Montag noch an. Die ICE-Strecke zwischen Hamburg und München werde „für mehrere Tage“ gesperrt bleiben. Zunächst müssten die entgleisten Waggons mit Kranwagen aus dem elf Kilometer langen Tunnel geborgen werden. Der Fernverkehr wird über eine nahe gelegene Regionalstrecke umgeleitet. Über Verspätungen und Umleitungen informiert die Bahn über eine Service-Hotline.

Der Kasseler Verkehrswissenschaftler Helmut Holzapfel forderte eine bessere Sicherung von Eisenbahntunneln. „Genauso wie Weichen oder Brückenpfeiler sind Tunnel neuralgische Punkte. Und entsprechend muss man sie auch sichern, besser als bisher“, sagte der Hochschullehrer.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z., REUTERS

Eine Lokomotive fährt neben den verunglückten ICE Bahn-Mitarbeiter rollen Leitern zur Demontage der Oberleitungen in den Tunnel Gegen den Hirten der Schafherde wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet Der ICE raste mit 200 Kilometern in der Stunde in eine Schafherde In diesem Tunnel ereignete sich das Unglück gegen 21 Uhr Ein Kran soll den entgleisten Zug bergen In den nächsten Tagen soll der ICE aus dem Tunnel geborgen werden Entgleister ICE im Landrückentunnel bei Fulda Großeinsatz der Rettungskräfte: 20 Menschen wurden verletzt