Olympia-Kommentar

11.128 politische Manifestationen

Von Evi Simeoni

Lopez Lomong: persönliches Schicksal als Verstoß gegen Regel 51.3

Lopez Lomong: persönliches Schicksal als Verstoß gegen Regel 51.3

07. August 2008 Auch ein Mensch an sich kann eine politische Manifestation sein. Zum Beispiel Lopez Lomong, der Mann, der an diesem Freitag die amerikanische Fahne ins Olympiastadion von Peking tragen wird. Puristen könnten fragen, was er da zu suchen hat. Eigentlich müsste der Sudan-Flüchtling, der erst seit einem guten Jahr amerikanischer Staatsbürger ist, ja Probleme mit der Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bekommen.

Schließlich stellt sein persönliches Schicksal einen Verstoß gegen die Regel 51.3 der olympischen Charta dar. Er ist ein Opfer des Bürgerkriegs in seiner Heimat, den die Volksrepublik China mit Waffenlieferungen am Laufen hält. Wenn der Mittelstreckenläufer also mit wehenden Stars and Stripes die amerikanische Mannschaft anführt, die ihn demokratisch zum Fahnenträger gewählt hat, ist das eine hochpolitische Aussage, da helfen keine Antidemonstrationsregeln.

Seiltanzen drängt sich immer mehr ins olympische Programm

Im Grunde ist nicht nur Lopez Lomong, sondern jedermann allein durch seine Existenz ein Verstoß gegen die Regel 51.3, zumindest für alle, die nicht glauben, dass der Mensch, und ganz besonders der vorbildliche Olympia-Athlet, eine geniale Idee der Schöpfung sei. Zwar soll man auf den Olympiastätten besser keine religiösen Aussagen auf Armbändchen oder Schirmmützen tragen, weil diese in der Volksrepublik als politisch gelten. Aber wie soll man verbergen, dass man ein Kind Gottes ist? Das ist schwer.

11.128 wandelnde politische Manifestationen werden also in den kommenden beiden Wochen die olympischen Wettbewerbe bestreiten, und gegen diese Art von Politik wird sich das IOC nicht wehren wollen – und die chinesische Regierung sich nicht wehren können. Allerdings gibt es andere, politisch verminte Gebiete, vor denen sich das IOC mit aller Macht hüten muss. Die olympische Bewegung stellt eine Provokation und Verlockung für die Regierenden dar – allein durch ihre Existenz, ihre weltweite Werbewirkung und das viele Geld, das an die Nationalen Olympischen Komitees weitergegeben wird.

Alle 205 Mitgliedsländer sind diesmal dabei

Das weckt große Begehrlichkeiten – zuletzt hat die Regierung des Irak die Räume seines NOK beschlagnahmt und dessen Konten sperren lassen. Der Sportminister übernahm handstreichartig das Kommando über eine Organisation, deren Führung laut Charta in einem demokratischen Prozess gewählt werden muss. Erst kurz vor den Spielen konnte ein Kompromiss gefunden werden, so dass eine kleine irakische Mannschaft in Peking an den Start gehen kann. Darauf ist das IOC stolz: Alle 205 Mitgliedsländer sind diesmal dabei. Und das, obwohl die Konflikte mit Regierungen zunehmen, wie Pere Miro, der Außenminister des IOC, bei der Session in Peking berichtete. Eine Auseinandersetzung mit Panama wurde gerade beigelegt, Probleme schwelen in Ägypten und in Nepal.

Man müsse, sagte IOC-Präsident Jacques Rogge, in der Auseinandersetzung mit den Regierenden eine Situation schaffen, in der jeder sein Gesicht wahren könne. Seiltanzen, so scheint es, drängt sich immer mehr ins olympische Programm. Eine faszinierende Disziplin, genauso spannend wie die 302 Entscheidungen in 28 Sportarten, die von diesem Freitag an ihren Lauf nehmen.

Text: F.A.Z.

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