FAZ.NET-Spezial

Surreale Kunstwelt Olympia

Von Evi Simeoni

Was haben wir in Peking erlebt? Und wie hat die Welt Peking erlebt?

Was haben wir in Peking erlebt? Und wie hat die Welt Peking erlebt?

04. September 2008 Asiaten haben keine Probleme mit der Vorstellung, dass es mehrere Wirklichkeiten gleichzeitig geben kann. Mit westlichen Augen hingegen ist es schwer, ein klares Bild von den Olympischen Spielen 2008 zu gewinnen. Was haben wir in Peking erlebt? Und wie hat die Welt Peking erlebt? Schaurig-schöne Spiele, eine perfekte Inszenierung mit grandiosen Kulissen, Weltklasse-Leistungen der Athleten, eine Stärkung des globalen Anspruchs und gleichzeitig eine überwältigende Machtdemonstration der chinesischen Führung - je nach Sichtweise zeigt sich dieses widersprüchliche Spektakel in einem anderen Licht.

China hat bewiesen, dass es eines der traditionsreichsten westlichen Kultereignisse, die auf einer verklärten Antike gründenden Olympischen Spiele, besser, glanzvoller und erfolgreicher ausrichten kann als all die Sporterfinder in Europa oder den Vereinigten Staaten. Chinas Athleten haben sich mit großem Abstand an die Spitze der Medaillenwertung gesetzt. Die ehrgeizige Nation hat demonstriert, zu welch gewaltigen Anstrengungen sie fähig ist, um sich im Weltgefüge die Anerkennung zu verschaffen, auf die sie Anspruch erhebt.

Eine große Selbstdarstellungsshow

Und ihre Machthaber haben gezeigt, dass sie sich dabei nicht um die westlichen Forderungen nach einer Verbesserung der Menschenrechtslage zu scheren brauchten. Nicht einmal die zuvor zugesagte Pressefreiheit für die Olympia-Berichterstatter musste eingehalten werden. China hat zwar viel Geld ausgegeben für seine große Selbstdarstellungsshow, aber nur einen geringen politischen Preis bezahlen müssen.

Das Internationale Olympische Komitee feiert die Spiele als Erfolg - und die weltweit gestiegenen Fernseh-Einschaltzahlen illustrieren die Freudenausbrüche der Herren eines bestechenden Vermarktungskonzepts. Die Oberfläche, die äußerste, weltweit vermarktete Schicht dieses gigantischen Ereignisses, erscheint makellos.

Eine angenehm neutrale Kuschel-Atmosphäre

In dieser Beziehung hat der Gastgeber alle seine Zusagen erfüllt. Er hat Stadien gebaut, die nicht nur architektonisch, sondern auch funktional alles bisher Dagewesene überragen. Er hat die Athleten mit einem einzigartigen olympischen Dorf verwöhnt. Er hat die Sorgen zerstreut, die Pekinger Luft könnte die Leistungen der Sportler beeinträchtigen. Pekings Luft war für die Dauer der Spiele sauber. Dazu sorgte das Amt für Wettermodifikation in den entscheidenden Momenten stets für die optimale Witterung.

Überhaupt herrschte auf dem Olympia-Gelände eine angenehm neutrale Kuschel-Atmosphäre. Die Politik, die gesellschaftliche Wirklichkeit Chinas, wurde vom Organisationskomitee weitgehend draußen gehalten. Die Olympia-Besucher, die innerhalb des riesigen Sicherheitssystems blieben, erlebten eine sympathische Leichtversion dieses komplizierten Landes. Wer sich einzig dem sportlichen Drama widmen wollte, konnte dies bequem unter einer sorgfältig abgedichteten Glocke tun - in der surrealen Kunstwelt Olympia.

Die Sportwelt feiert beide Übermenschen

Surreal - so erschien bereits am 8. August die prächtige, mit allerlei Tricks noch weiter ins Bombastische gesteigerte Eröffnungsfeier. Und so ging es weiter. Mehr als vierzig Weltrekorde wurden in Peking gebrochen. Schier unglaubliche sportliche Leistungen weckten futuristische Assoziationen an eigens für den Sport geschaffene Kunst-Menschen. Usain Bolt, der Jamaika-Mensch, der scheinbar mühelos Sprint-Leistungen unterbot, die man jenseits menschlicher Grenzen wähnte, ist einer der beiden Superstars von Peking.

Der andere ist Michael Phelps, die amerikanische Unterwasser-Rakete, die nichts, auch nicht der maximale Erfolgsdruck, vom Kurs auf seine acht Goldmedaillen hat abbringen können. Die Sportwelt feiert die beiden Übermenschen.

Gute Nachrichten für unkritische Sportkonsumenten

Aus negativen Doping-Test-Ergebnissen schließen Zweckoptimisten zumindest in der Öffentlichkeit auf saubere Rekorde. Realisten wiederum weisen auf die Wirkungslosigkeit der Kontrollen hin. Einem Testrekord in Peking standen bis Sonntag ganze sechs positive Fälle gegenüber. Das Internationale Olympische Komitee hat daraufhin den Anti-Doping-Kampf entgegen allen realistischen Einschätzungen für nahezu gewonnen erklärt - in einem Akt der Markenpflege, der an die Verdrängungspolitik der von Anabolika geprägten achtziger Jahre erinnert. Offensive Resignation - das scheint der neue Kurs der Olympier zu sein.

Das sind gute Nachrichten für unkritische Sportkonsumenten: Endlich ist Schluss mit dem öden Generalverdacht. Eine neue Zuschauer-Generation wird die Sportveranstaltungen nur noch als Unterhaltungsshows ohne einen ethischen oder pädagogischen Anspruch begreifen. In vier Jahren werden die Spiele in ihren europäischen Schoß, nach London, zurückkehren. Doch nichts wird so sein wie zuvor.

Die Spiele von Peking haben Olympia eine neue, perfekt gestylte Oberfläche gegeben, unter der nur noch sporadisch die Probleme aufschienen, die der Sport mit sich selbst und den Gefahren des politischen Missbrauchs hat. Nun folgt die Rückkehr in den ernüchternden Alltag mit seinen ernüchternden Realitäten. Ein virtuoser Maskenball ging am Sonntag mit einem riesigen Feuerwerk zu Ende.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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