Skisprung-Nationalmannschaft

Die rote Nummer für Hocke

Von Christian Görtzen, Damp

Die deutschen Skispringer halten sich auch im Sommer fit

Die deutschen Skispringer halten sich auch im Sommer fit

12. Mai 2005 Anstellwinkel, Geschwindigkeit und Windrichtung stimmten. Als alle Teamkollegen nicht damit rechneten, legte Stephan Hocke noch einmal an Tempo zu. Bereits im nächsten Augenblick befand sich das 21 Jahre alte Mitglied der deutschen Skisprung-Nationalmannschaft nicht im Auslaufbereich einer Schanze, sondern windschnittig gebückt auf seinem Rennrad sitzend auf dem „Gipfel“ einer landschaftlichen Erhebung, die allen Nicht-Norddeutschen nur ein mitleidiges Lächeln abringen würde.

Im notorisch platten Schleswig-Holstein aber zählt die Erhebung zu den Hügeln der höchsten Kategorie. Dort „oben“ angekommen, ließ er seinen Blick schweifen über die Landschaft der Region Angeln (nördlich von Kiel), die im satten Gelb der blühenden Rapsfelder erstrahlte. Eine Formation von Wildgänsen zog schnatternd vorüber, und im Hintergrund der malerischen Momentaufnahme glitzerte das Sonnenlicht in den sanften Wogen der Schlei.

Die Rote Nummer

Hocke mag ein wenig zu lange den Anblick genossen haben. Wohl deshalb erkannte er nicht, daß von hinten das Feld herannahte. Schon kurz darauf hatte das Peloton um Martin Schmitt, Michael Uhrmann und Bundestrainer Peter Rohwein den Ausreißer gestellt. Hätte es aber auf dieser siebzig Kilometer langen Radfahreinheit, die im Rahmen eines einwöchigen Trainingslagers der Nationalmannschaft im Ostseebad Damp stattfand, ebenso wie bei der Tour de France eine rote Nummer für den angriffslustigsten Fahrer gegeben, sie hätte Stephan Hocke gebührt.

Kämpferisch, hungrig und immer für einen Ausreißer nach oben gut - genauso will Peter Rohwein sein acht Springer umfassendes Team sehen. Beim Konditionslehrgang in Damp, wo noch bis zum 15. Mai durch Kraft- und Schnelligkeitstraining die Grundlagen für die Saison geschaffen werden sollen, fehlen zwei der Teammitglieder: Alexander Herr tastet sich nach seinem Kreuzbandriß, den er Anfang Januar im Mannschaftsspringen in Willingen erlitten hatte, in seinem Heimatort Schonach in Eigenregie erst langsam wieder an die Mannschaft heran, und Michael Neumayer befindet sich in einer Prüfungsphase seines Studiums.

Hanawalds vorzeitiger Ruhestand?

Und dann ist da noch die mögliche Nummer neun, die einst die unumstrittene Nummer eins war. Der Schwebezustand um den ehemaligen Überflieger Sven Hannawald, der zum letzten Mal Ende Februar 2004 an einem Wettbewerb teilgenommen hat, hält an. Auch in Damp konzentrierten sich die Fragen der Journalisten auf die Zukunft von Hannawald, der im Zuge des Burn-out-Syndroms zu einer Galionsfigur im Wartestand wurde. Oder sollte man besser sagen im vorzeitigen Ruhestand? Niemand weiß das so genau, vermutlich nicht einmal Hannawald selbst.

„Er hat so viel für den Skiverband getan, daß wir ihm jetzt auch die Zeit geben müssen, damit er seine Krankheit auskurieren kann. Die Tür steht weiter für ihn offen“, sagt Peter Rohwein. Aus seinem Gesicht spricht Skepsis. Rohwein erzählt davon, daß er ständig im Kontakt mit Hannawald stehe, den er seit dessen C-Kader-Zeiten kennt. „Man kann so tolle Gespräche mit Sven führen, mit viel Inhalt, das ist ein Geben und Nehmen. Aber nur wenig später fällt er mental in ein solch tiefes Loch, daß man ihn kaum wiedererkennt. So etwas wirft ihn in seiner Genesung dermaßen weit zurück.“

Fehlen der mediale Sendungskraft

Rohwein ist der Spekulationen um Hannawalds Rückkehr oder Karriereende überdrüssig. Er handelt pragmatisch und plant lieber mit jenen acht Springern, die schon beim Sommer-Grand-Prix in Hinterzarten im August oder wenig später in den Wettbewerb eingreifen können. Ein Siegertyp wie ehemals Hannawald, der mit Erfolgen die Skisprung-Begeisterung befeuert, ist darunter nicht zu finden. Michael Uhrmann und Georg Späth sind immer wieder für eine vordere Plazierung gut.

Doch ihnen fehlt ebenso die mediale Sendungskraft wie Alexander Herr, der erst in zwei Wochen wieder die ersten Sprünge machen wird. So wird es also wieder an dem 27 Jahre alten Martin Schmitt sein, der Mannschaft durch sein Charisma ein Gesicht zu geben. „Martin war am Tiefpunkt seiner Karriere angelangt und ist jetzt zurückgekommen. Je besser er springt, desto länger hält der Skisprung-Boom an“, sagt Rohwein.

Schmitts neue Statements

Das ist auch in seinem Interesse. Nach einer durchwachsenen vergangenen Saison (Höhepunkt war das WM-Mannschaftssilber in Oberstdorf) wurde der Cheftrainer selbst immer wieder zum Ziel von Kritik. „Solch erfolgreiche Springer, wie Reinhard Heß sie zur Verfügung hatte, fehlen mir ganz einfach. Von solchen Vergleichen halte ich auch nichts. Ich habe meinen eigenen Stil, bin sachlich, stütze mich auf Fakten und suche auf der menschlichen Ebene den Zugang zum Team“, sagt Rohwein.

Große Auftritte sind nicht seine Welt, die überläßt er anderen. Martin Schmitt stillte im Ostseebad Damp den Hunger der TV-Teams nach neuen Statements. Georg Späth konnte nur zwei Tischreihen weiter ungestört seinen Kuchen essen.

Text: / F.A.Z., 13.05.2005, Nr. 110 / Seite 30
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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