Basketball

Wilde Tänze, freche Dunks und glänzende Perspektiven

Von Jürgen Kalwa, New York

Joakim Noah auf Trophäenjagd

Joakim Noah auf Trophäenjagd

03. April 2007 Es gibt diese Augenblicke für Joakim Noah, da verströmt er eine unkalkulierbare Energie. Zum Beispiel, wenn er für die Florida Gators einen Dunk produziert, aus vollem Hals losbrüllt und sich sein Gesicht mit dem dünnen Oberlippenbart zu einer Grimasse verzerrt. Neulich fiel er sogar vor den Fernsehkameras mit einem Handtuch auf dem Kopf in einen absurden Tanz im Stil seiner westafrikanischen Vorfahren. Noah ist eben ein bisschen intensiver als andere.

Dass man in den Vereinigten Staaten seinen Namen kennt, liegt nicht an seinem Vater - dem ehemaligen französischen Tennisprofi Yannick Noah. Von dem haben dort die wenigsten je gehört. Es liegt an der March Madness, dem drei Wochen währenden Trubel um die Collegemeisterschaft im Basketball, die in der Nacht zum Dienstag mit dem entscheidenden 84:75-Erfolg der Florida Gators über Ohio State zu Ende ging.

Ein Clown

Dieser Karneval des Amateursports kann Clowns gut gebrauchen, besonders wenn sie so erfolgreich sind wie Noah, der maßgeblichen Anteil am Triumph seines Teams hatte. Für die lautstarken und meinungsfreudigen Anhänger der Mannschaften, die der 2,10 Meter große Center regelmäßig mit seinem beweglichen Spiel entnervt, ist er das Feindbild Nummer eins. "Ich fange an, mich daran zu gewöhnen", sagte Noah. "Ihre Spottrufe sind nicht besonders kreativ. Ich sei hässlich oder: Lass dir die Haare schneiden - und solche Sachen."

Zu Hause in Gainesville, wo die University of Florida als drittgrößte Hochschule der Vereinigten Staaten etwas mehr als 50.000 Studenten ausbildet, sieht das anders aus. Da regten sich nach dem ersten Meisterschaftserfolg vor einem Jahr zahlreiche Stimmen, die eine Straße nach Joakim Noah benennen wollten. Die Petitionäre dürften nun noch mehr Zuspruch erhalten, da den Gators das seltene Kunststück gelang den Titel abermals zu gewinnen.

Denn dass der Sohn von Yannick Noah und Cécilia Rodhe, einer ehemaligen Miss Schweden, noch immer für Florida spielt, verdanken sie seinem für amerikanische Verhältnisse höchst ungewöhnlichen Naturell. Jeder andere Spieler hätte nach dem Sieg vor einem Jahr, bei dem er zum wertvollsten Spieler des Turniers ernannt wurde, den Weg Richtung Profiliga NBA eingeschlagen, wo unersättliche Teams auf der Suche nach dem nächsten Michael Jordan und dem nächsten Dirk Nowitzki mit bestens dotierten Verträgen locken.

Lieber weiter Biologie studieren

Aber der 22 Jahre alte Noah zog es vor, sein Biologiestudium weiterzuverfolgen. Als jemand, der nach eigener Darstellung, "immer 150 Prozent" gibt, sah er wohl instinktiv, dass das Leben als gefeierter Student aufbauender ist als der Alltag in der Profiliga, wo ein Neuling meistens bei einem schlechten Club landet, der dauernd verliert.

Der zweite Titelgewinn in Folge ist eine sporthistorische Tat. Florida ist seit dem Titelgewinn der Universität von Duke (1991, 1992) die erste Mannschaft, der die erfolgreiche Titelverteidigung gelang. Nach dem Gewinn der Football-Meisterschaft im Januar sind die „Gators“ zudem das einzige College, das in der Geschichte des amerikanischen Sports die beiden wichtigsten Titel zeitgleich behauptete.

Erklärter Gegner von George W. Bush

Floridas Trainer Billy Donovan baute mit Erfolg auf seinen Center Joakim Noah. Der standhafte Erzrepublikaner musste zwar unlängst viel Überzeugungsarbeit leisten, bis sich Noah, ein ausgewiesener Gegner von Präsident Bush, bereit erklärte, an einem Besuch der Mannschaft im Weißen Haus teilzunehmen. Aber auf dem Platz braucht er keine Motivationshilfe. Und er scheint die Erfahrung, die Entwicklung "von einem völlig Unbekannten zu einem Typen, der wie ein Rock-Star behandelt wird" (Donovan), ganz gut verkraftet zu haben.

Während der 46 Jahre alte Vater Yannick weiterhin in Paris lebt, zog Joakim vor neun Jahren mit seiner Mutter und Schwester nach New York und wurde inzwischen amerikanischer Staatsbürger. Der Kontakt blieb intakt: "Mein Vater ist so etwas wie mein bester Freund und mein stärkster Einfluss", sagte Joakim vor ein paar Jahren, als ihn die ersten Journalisten erspähten. "Aber ich will nicht, dass die Leute nur denken, dass ich sein Sohn bin."

Tatsächlich hat die sportliche Entwicklung Joakim Noahs vor allem mit der New Yorker Basketballbegeisterung zu tun, deren Fördersystem kein Talent übersieht. Bei aller Begabung wirkt Noah zwar immer noch roh und unfertig. Aber dessen ist er sich bewusst. "Ich arbeite an meinem Sprungwurf, ich versuche, kräftiger zu werden", sagte er vor kurzem. "Ich kann noch mehr für meine Kondition tun. Ich kann noch schneller laufen." In der NBA wird man das mit Freuden hören.

Text: F.A.Z., 22.03.2007, Nr. 69 / Seite 33
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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