Von Roland Zorn
22. Oktober 2007 Die Leiden der Großen: Borussia Dortmund ist von der ansteckenden Krankheit im Jahr 2000 fast zu Boden gestreckt worden so wie drei Jahre später Bayer Leverkusen und im Vorjahr der Hamburger SV. Diesmal ist der Meister dran, und auch der VfB Stuttgart weiß wie seine prominenten Vorgänger nicht, was er gegen die grassierende Verunsicherung, gegen die spürbare Furcht vor der nächsten Niederlage tun soll.
Wer seine ursprünglich hohen Ziele früh verfehlt und, statt in Richtung Champions League zu schauen, die zweite Liga vor Augen hat, dem wird angst und bang und schwindlig zumute. Trainer wie Armin Veh im Augenblick oder Thomas Doll in der vergangenen Spielzeit beim HSV wirken in solchen Saisonphasen still verzweifelt und müssen doch in ihrem leerlaufenden Redeschwall so tun, als wären sie moderne Medizinmänner.
Dabei suchen auch sie vergeblich nach der passenden Rezeptur, die seelischen Blockaden und körperlichen Hemmungen ihrer Profis zu lösen. Das Ganze nennt sich dann wohl Teufelskreis, und in dem bewegen sich derzeit die noch im Mai gefeierten Schwaben.
Nervenbündel unter Druck
Die 1:4-Abfuhr am Samstag bei dem unter Dolls Nachfolger Huub Stevens längst wieder imposant genesenen HSV dokumentierte mehr als jedes Scheitern zuvor die tiefe Krise, die sich der Himmelsstürmer von gestern bemächtigt hat. Aus dem jugendlichen Elan des Vereins für Bewegungsspiele ist ein naives Anfängerverhalten geworden; die routinierten Anführer Meira und Pardo sind zu Nervenbündeln mutiert, die unter Druck schon mal Rot sehen; schließlich ist bei den am Rande der Abstiegszone balancierenden Stuttgartern kein System, keine Linie, keine Handschrift mehr im längst verlorenen Spiel zu sehen. Und das bei einer Mannschaft, die wie andere Teams auch zwar unter Verletzungen litt, deshalb aber nicht zwangsläufig von einem kompletten Blackout getroffen werden musste.
Wenn nun hinter den Kulissen des Klubs darüber diskutiert wird, warum aus dem Stuttgarter Erfolgsmodell binnen kurzem ein Auslaufmodell zu werden droht, und dabei auch über den Trainer nachgedacht wird, ist das einerseits verständlich. Fußballvereine reagieren in ihrer Not reflexhaft. Andererseits wäre derselbe VfB ohne die ruhige Hand von Armin Veh kaum ganz nach oben gekommen.
Wieder wie Profilehrlinge
Die Situation ist vertrackt. Anders nämlich als die Hamburger, die vor der vorigen Saison eine Reihe ihrer besten Spieler verkauften, hat der VfB in der Hoffnung auf eine Fortsetzungsgeschichte seine Überraschungsmeister beisammenhalten können. Mit der Folge, dass die Aufsteiger Khedira, Tasci und Gomez heute wieder wie die Profilehrlinge anmuten, als die sie in die Spielzeit 2006/07 gestartet sind.
Der Erobererschwung der Entdeckergeneration aber ist hin. Der Titelgewinn hat die Frühreifen satter als erlaubt gemacht. Für Veh wird es höchste Zeit, Lösungen mit Gewinn zu finden. Sein Meisterbonus, so viel scheint sicher, ist seit Samstag aufgebraucht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa
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