24. Dezember 2006 Ist Deutschland wieder Weltspitze im Fußball? Wie Joachim Löw aus jungen Nationalspielern Siegertypen machen will. Der Bundestrainer über neue Strategiespiele und die Trainerkrise in der Bundesliga.
Ich habe derzeit einen einzigen Wunsch: Ich sehne mich nach ein paar Tagen Ruhe. 2006 war ein tolles, spannendes und sehr emotionales Jahr für mich. Jetzt am Jahresende aber merke ich, daß ich unbedingt abschalten muß.
Ich hatte nach der WM keine Zeit, die Flügel hängen zu lassen. Für mich ging es gleich weiter mit der Konzentration. Ich mußte sofort in die Zukunft denken und überlegen, welche neuen Ziele es mit der Nationalmannschaft gibt. Ich hatte deshalb keine Möglichkeit, die WM und die Vorbereitung emotional zu verarbeiten. Das war für mich schwierig. Jetzt zum Jahresende merke ich, daß die Kräfte nachlassen und ich weniger Energie habe.
Ich würde sagen, es war das interessanteste und das aufregendste. Was alles bewegt worden ist und wie glücklich die Menschen waren in Deutschland mit der Mannschaft und dieser WM – das war toll.
Ich empfinde diese große Verantwortung nicht unbedingt. Für mich war die Übernahme des Bundestraineramtes von Anfang an eine große Herausforderung, die mich mit viel Freude und Stolz erfüllt. Ich bin gespannt auf die Schritte, die wir als Mannschaft in den nächsten Jahren machen werden – es ist keine Bürde für mich.
Ich habe gesagt, die Gruppe der jungen Spieler könnte zu einer Goldenen Generation werden. Die Podolskis, Schweinsteigers, Mertesackers oder Lahms haben die Fähigkeiten, Großes zu erreichen, wenn sie zusammenbleiben.
Jeder einzelne Spieler und die ganze Mannschaft müßte sich über Jahre in der Weltspitze wiederfinden – und wenn möglich Titel gewinnen.
Ich stufe die Chancen auf einen Titelgewinn für beide Turniere als gut ein. Es gibt nach der EM sicher noch mal einen Generationswechsel. Ich denke an Jens Lehmann oder Bernd Schneider. Aber wir haben ein gutes Fundament junger Spieler, die nachrücken, auch von den Junioren. Unsere Aufgabe ist, die Spieler für die Turniere 2008 und 2010 vorzubereiten.
Ein Spieler ist in erster Linie für sich selbst verantwortlich. Unsere Aufgabe ist, den Spielern den Weg zur Spitze aufzuzeigen. Ein Spieler muß für sich selbst eine klare Zielvorstellung entwickeln: Wo möchte ich hin? Was möchte ich in meiner Karriere erreichen? Wie komme ich dahin? Wenn wir das schaffen, haben wir sicher eine hohe Eigenmotivation.
Es ist unsere Aufgabe beim Deutschen Fußball-Bund, die Elitespieler in den verschiedenen Altersstufen besonders zu fördern.
Das würde ich nicht sagen. Es gibt auch hier in Deutschland Vereine, in denen die Spieler gut ausgebildet werden.
Ich muß nicht besonders erwähnen, daß Werder Bremen erfolgreichen und attraktiven Fußball spielt. Und es gibt auch andere Vereine, die für ihre Voraussetzungen guten Fußball spielen.
Ich sehe Spiele in der Bundesliga auf hohem Niveau, und ich sehe Spiele, in denen die spielerische Qualität zu wünschen übrig läßt.
So nahe bin ich nicht an der Basis Bundesliga dran, um dies beurteilen zu können. Ich weiß nur teilweise, wie im Training gearbeitet wird, und kenne nicht alle Philosophien der Trainer. Für mich gilt, Spieler für die Nationalmannschaft zu finden. Ich akzeptiere, daß es unterschiedliche Sichtweisen der Trainer gibt. Jeder versucht mit seinen Möglichkeiten erfolgreich zu sein. Unsere Spieler aber wissen ganz genau, welche Anforderungen in der Nationalmannschaft an sie gestellt werden.
Es gibt Mannschaften, die der deutschen Mannschaft in einigen Bereichen voraus sind. Aber ich denke, daß wir eine gute Basis geschaffen haben. Mit der Integration junger Spieler, bei Technik und Taktik, mit der Sensibilisierung der Spieler, mehr für sich selbst zu arbeiten. Wir sind Richtung Weltspitze gerückt.
Man spürt in diesen Gesprächen, daß unsere Arbeit positiv ankommt. Die Leute wissen doch, daß es der ganzen Liga guttut, wenn die Nationalmannschaft gewinnt. Einige Trainer, Assistenztrainer und Konditionstrainer haben nach der WM bei uns angefragt und sich informiert über die Vorbereitung. Wir kommunizieren alles, was wir in der Nationalmannschaft tun, an die Vereine – detailliert. Damit die Trainer sehen können, was trainiert wurde und unter welchen Belastungen.
Diese Sichtweise wäre völlig falsch. Wir können uns noch immer verbessern. Wir möchten nicht, daß eine Lücke klafft zwischen Zwanzigjährigen und Dreißigjährigen, wie es in den vergangenen Jahren war. Wir müssen es schaffen, daß nach Podolski, Lahm oder Schweinsteiger sofort der nächste Jahrgang kommt und nachdrängt.
Wir sind uns einig, daß wir uns auch darüber Gedanken machen müssen. Da werden Erich Rutemöller, Bernhard Peters, Matthias Sammer und ich Analysen machen. Wir müssen in der Trainerausbildung praxisbezogener werden. Einige Lerninhalte sind für Trainer nicht von Nutzen – zum Beispiel Verwaltungslehre oder zu viele medizinische Inhalte.
Dazu kann ich nichts sagen. Ich weiß nicht, wie die einzelnen Lehrgangsteilnehmer in den vergangenen Jahren abgeschnitten haben. Klar ist aber, daß wir die Anforderungen erhöhen müssen. Trainer oder Spieler zu sein, sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Es gibt in der zweiten Liga oder der Regionalliga junge, fachlich sehr gute Trainer. Die bekommen eben nicht immer eine Chance.
Da bin ich der falsche Ansprechpartner. Ich kenne einige Trainer mit hervorragenden Qualitäten, die über keinen bekannten Namen verfügen und deshalb auf einer gewissen Stufe hängenbleiben.
Jeder Trainer muß seinen eigenen Weg gehen. Man muß seine eigenen Ideen entwickeln. Obwohl ich noch viel lernen kann, habe ich irgendwann gespürt, daß ich ein klares Konzept vom Fußball habe. Heute weiß ich, welchen Fußball ich spielen lassen will, wie ich eine Mannschaft überzeugen kann. Mir fällt es zunehmend leichter, in schwierigen Situationen schnelle Lösungen zu finden. Das ist eine Sache der Erfahrung.
Ich sehe keine Tendenz. Ich glaube, daß ein Trainer fachlich kompetent sein und einer Mannschaft mit klaren Vorstellungen gegenübertreten muß. Es sollte seine Ideen transparent machen, überzeugen können und über Kommunikation Vertrauen bei den Spielern aufbauen. Spieler brauchen eine Wertschätzung und eine klare Einschätzung ihrer Stärken und Schwächen.
Als ich sehr jung war, wollte ich mich als Fußballer durchzusetzen. Im Laufe meiner Spielerjahre, so Ende Zwanzig, habe ich mir dann gut vorstellen können, Trainer zu werden. Damit habe ich mich schon als Spieler intensiv auseinandergesetzt und nebenbei Jugendmanschaften trainiert. Das hat sich langsam entwickelt.
Das merkt man. Die älteren Spieler machen sich mehr Gedanken über taktische Inhalte, Organisation und Systematik. Wir versuchen aber auch, die Spieler dorthin zu führen, daß sie sich mehr Gedanken machen. Junge Spieler setzen sich mehr mit der eigenen Position auseinander. Spieler, die auf strategisch wichtigen Positionen spielen, wie die Innenverteidiger Per Mertesacker oder Christoph Metzelder, wie Ballack, Frings oder Schneider im Mittelfeld, sehen mehr das Gesamte. Das sind auch die Spieler, die in der Regel eine Mannschaft führen.
Es gibt Spieler, mit denen es sehr interessant ist, sich auszutauschen. Michael Ballack, Jens Lehmann oder Torsten Frings haben ein sehr gutes Gefühl für Situationen. Wir haben auch schon kontrovers diskutiert über eine Spielanlage. Einige junge Spieler können sich noch dahin entwickeln. Klar ist aber auch, daß ein italienischer Fußballspieler schon in Jugendjahren sehr bewußt in diese Richtung geschult wird. Die sind gewohnt, viel mehr taktische Arbeit zu leisten als in Deutschland. Die machen das sehr schematisch, manchmal über Stunden, wenn sie sich in der Formation aufstellen, die Bälle zuwerfen und mit Seilen verschieben. Die haben für Fußballtaktik eine ganz andere Sensibilität.
Wir können da noch viel lernen. Unsere Spieler haben gemerkt, wie gut ihnen klare Strukturen tun. Sie fühlen sich wohl in einem System mit einer klaren Aufgabenverteilung. Um so besser die Mannschaft organisiert ist, um so kreativer kann sie sein.
Wir haben bei der WM ein Zeichen gesetzt, weil wir offensiven, attraktiven und körperlich starken Fußball gespielt haben. Einige Verbände haben schon nachgefragt, wie wir die Mannschaft auf die WM vorbereitet haben.
Wir verraten keine Details, aber tauschen uns aus. Der Respekt vor dem deutschen Fußball ist im Ausland gestiegen.
Wir mußten Lehrgeld bezahlen im Italien-Spiel. Man hätte erkennen müssen, ein solches Spiel mit 0:0 über die Zeit zu bringen. Im Elfmeterschießen hätten wir gute Chancen gehabt. Aber wir hatten diese Mentalität, das Spiel vorher entscheiden zu wollen.
Nein, damit hat das nichts zu tun, ob Stürmer für Stürmer oder Abwehrspieler für Stürmer. Wir hätten Pirlo vor dem Treffer den Paßweg zustellen sollen. Das haben wir versäumt - und dieser Fehler hat zum 1:0 der Italiener geführt.
Das Spiel ist mir lange durch den Kopf gegangen. Bei Italien bleibe ich immer hängen. Ich spule vor und zurück. Ich frage mich: warum konnten wir uns im Verlauf des Spiels nicht entscheidend durchsetzen? Warum konnten wir die Italiener nicht zu Fehlern zwingen?
Wir sind in diesem Moment an unsere Grenzen gestoßen. Wir haben keine Mittel gefunden, diese Mannschaft ins Wanken zu bringen.
Das tut auch weh. Ich möchte es nicht mehr sehen.
Das Gespräch führten Michael Ashelm und Michael Horeni.
Ist Deutschland wieder Weltspitze im Fußball?
Wie Joachim Löw aus jungen Nationalspielern Siegertypen machen will. Der Bundestrainer über neue Strategiespiele, schwache Klubs in der Bundesliga und die Trainerkrise in Deutschland.
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Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa