28. Juni 2003 Nun haben es die ARD und das Deutsche Sportfernsehen endlich und doch noch geschafft: Das Erste zeigt die Spiele der Bundesliga am Samstag, die zwei Spiele der ersten Liga am Sonntag darf der private Fachsender zeigen. An die siebzig Millionen wird die ARD ausgeben müssen, exakt zehn Millionen Euro bezahlt das DSF pro Jahr, wie aus dem Sender verlautet, und es müssen dabei nicht einmal die Anstoßzeiten verschoben werden.
Wären die Sonntags-Spiele zum ZDF gekommen, das knapp unter zehn Millionen Euro zahlen wollte, hätten die Amateurfußball-Ligen darunter zu leiden gehabt, daß die beiden Bundesliga-Spiele schon um 16.30 Uhr und nicht wie zuvor um 17.30 Uhr angepfiffen worden wären.
ZDF verzichtet
Das ZDF hatte dies zur conditio sine qua non gemacht. Was einen nur zu dem einen Schluß führen kann: So richtig gewollt hat das Zweite die erste Liga gar nicht. "Es wäre schön, aber es muß nicht sein", hatte der Chefredakteur Nikolaus Brender im Gespräch mit dieser Zeitung noch am Donnerstag nachmittag gesagt.
Wenig später beschlossen Liga-Verband und DFB, daß die Anstoßzeiten am Sonntag heilig seien, woraufhin der Intendant des ZDF, Markus Schächter, das Spiel beendete. In seinen Neunzehn-Uhr-Nachrichten verkündete der Sender den Ausstieg. Probleme bekommt angesichst der neuen Bescheidenheit des ZDF jetzt aber die ARD, auch wenn sie sich zunächst als Sieger präsentiert.
"Schnäppchenpreis" oder schlicht verrechnet?
Die ARD hat mit der Rechtefirma Infront einen Vertrag über ein Jahr geschlossen und eine Option für die beiden folgenden Spielzeiten erworben. Nach harten Verhandlungen sind wir zu einem fairen Ergebnis gekommen," sagte der ARD-Vorsitzende Jobst Plog. Man bezahle deutlich weniger für die Highlight-Berichterstattung als bislang Sat.1", die Angemessenheit des Preise, so Plog, ergebe sich schon daraus, daß ein kommerzieller Sender die Sonntagsspiele zu gleichen Bedingungen wie die ARD kauft."
Für die Gebührenzahler entstehe durch den Rechtekauf keine zusätzliche Belastung. Wir werden die Bundesliga-Rechte in jedem Fall vollständig abdecken: durch Werbung, durch eingesparte Kosten für das Programm, das derzeit samstags am Vorabend läuft, und durch die Weitergabe von Fußballrechten." Dafür hätten sich bereits erste Interessenten" gemeldet.
Mit der Rechnung der ARD und dem Versprechen, daß sich die Bundesliga wie hier beschrieben auch rechne, aber ist es so eine Sache. Der Senderverbund wird seine neue "Sportschau" am Samstag nämlich nach Meinung von Branchenkennern nie und nimmer über Werbung und Sponsoring finanzieren können. Das ist ganz und gar ausgeschlossen", sagt ein Insider.
Schwierige Refinanzierung
Warum, das läßt sich leicht errechnen: Der Privatsender Sat.1 hat für die abgelaufene Bundesliga-Saison achtzig Millionen Euro für die Rechte bezahlt und dabei für die Produktion noch einmal fünfzehn Millionen Euro veranschlagt. Damit hat der Sender in einer Saison fünfzig Millionen Euro Verlust gemacht, also nur 45 Millionen Euro an Werbung eingenommen.
Nun die ARD: Sie gibt - nur für den Samstag, Sat.1 hatte auch den Sonntag - insgesamt 65 Millionen Euro für die Rechte aus (45 Millionen für die Erstrechte, 15 Millionen für die Zweitrechte, fünf Millionen fürs Radio), sie kalkuliert zusätzlich mit 3,5 Millionen Euro Kosten im Studio, hinzu kommen die Leitungskosten, die Premiere berechnet, was insgesamt zu einer Summe jenseits von siebzig Millionen Euro führt.
Was wohl beileibe nicht der "Schnäppchenpreis" ist, von dem die ARD redet und was mit Sponsoring und Werbeblöcken von zweimal zehn Minuten Länge unmöglich zu finanzieren ist. Also müßte Geld hereinkommen durch den Verkauf der Rechte am DFB-Pokal, den RTL durchaus will, der aber nicht mehr loszuschlagen ist, weil ARD und ZDF darüber einen gemeinsamen Vertrag geschlossen haben, den abzugeben das Zweite nun aber auch gar kein Interesse hat, auch wenn der Verwaltungsratschef, Kaiserslautern-Aktivist und Ministerpräsident Kurt Beck das wohl gerne anders gehandhabt hätte. Zu wessen Nutzen aber?
Monopolisierung des deutschen Fußballs
Der Chefredakteur von RTL, Hans Mahr kritisiert den Abschluß von Infront mit der ARD heftig: "Ich bin mir ganz sicher, daß die Europäische Union eine solche Monopolisierung des deutschen Fußballs durch die Öffentlich-rechtlichen nicht zulassen wird", sagte Mahr dieser Zeitung am Freitag. Große Teile der deutschen Fußball-Rechte werden neu ausgeschrieben werden müssen", glaubt Mahr. Diese Neuverteilung werde sicherlich noch in diesem Jahr erfolgen.
Mahr kritisierte unter anderem, es habe beim Poker um die Bundesliga kein Bieterverfahren" gegeben. Auch den Pauschalvertrag, den der Deutsche Fußballbund (DFB) mit ARD und ZDF abgeschlossen hat, und der neben den Spielen der Nationalmannschaft auch den DFB-Pokal umfaßt, entspreche sehr wahrscheinlich nicht dem EU-Recht.
EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti drängt darauf die Fernsehrechte am Profifußball möglichst in mehrere Rechtepakete aufzuteilen und diese an möglichst viele Sender zu verkaufen (F.A.Z. vom 25. Juni). RTL habe großes Interesse an den Rechten für den DFB-Pokal, sagte der RTL-Chefredakteur als Wink mit dem Zaunpfahl.
Freude beim DSF
Das DSF fühlt sich derweil als "Bundesliga-Sender". "Die Freude ist groß", sagte der Geschäftsführer Rainer Hüther dieser Zeitung. Man habe ein "überzeugendes inhaltliches Konzept" vorgelegt, die Vorbereitungen für die Saison liefen von sofort an auf Hochtouren. Der Rechtehändler und ARD-Kommentator Günter Netzer hätte dem Vernehmen nach lieber mit dem ZDF abgeschlossen.
Nun ist auch der Fußball im Fernsehen ein "duales System". Der unberechenbaren EU, die im Namen des Wettbewerbs im Zweifel lieber alles selbst anordnet, müßte das - auch wenn Hans Mahr da seine Zweifel hat - fast gefallen, bis auf die Tatsache, daß die Ware Fußball hier mit öffentlichem Geld bezahlt wird. Hatte da nicht irgend jemand von einer "Fußballsteuer" gesprochen?
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.06.2003, Nr. 147 / Seite 44
Bildmaterial: dpa/dpaweb