Fünfkämpferin Lena Schöneborn

Der Zufall endet mit dem Olympiasieg

Von Bernhard Böth

Olympiasiegerin Lena Schöneborn: ein Goldgewinn in fünf Akten

Olympiasiegerin Lena Schöneborn: ein Goldgewinn in fünf Akten

22. August 2008 Immer wieder erzählt Lena Schöneborn diese Geschichte. Es ist die Geschichte einer zwölf Jahre alten Schwimmerin, die bis zu sechsmal pro Woche in Niederkassel trainierte. Doch ihre Leistungen waren nie gut genug, um in ihrer Altersklasse ganz vorne mitzuschwimmen. Als die Schwimmhalle wegen Renovierungsarbeiten gesperrt war, musste die gesamte Trainingsgruppe nach Bonn ausweichen.

„Dort bin ich dem Fünfkampf-Trainer aufgefallen“, berichtet Lena Schöneborn. Sie wechselte daraufhin die Sportart, sah im Modernen Fünfkampf bessere Perspektiven. Es war eine richtige Entscheidung, wie sich spätestens am Freitag in Peking herausstellte: Die 22 Jahre alte Athletin stand bei ihren ersten Olympischen Spielen ganz oben auf dem Treppchen, geschmückt mit der Goldmedaille.

„Wir sind alle komplett aus dem Häuschen“

Nach dem finalen 3000-Meter-Lauf im Pekinger OSC-Stadion auf der kurvigen Kunststoffbahn dauerte es eine Weile, bis ihr ein erstes Lächeln über die Lippen kam. Erst als eine Kontrahentin „You are the champion“ flüsterte und der deutschen Fünfkämpferin die schwarz-rot-goldene Fahne gereicht wurde, begann sie zu strahlen. „Vor dem Lauf war ich mir einer Medaille sicher. Ich wusste aber, dass die Verfolgerinnen sehr gut sind“, sagte Lena Schöneborn, die bei der Siegerehrung vor 20.000 Zuschauern die ein oder andere Träne verdrückte. „Wir sind alle komplett aus dem Häuschen. Lena hat eine phantastische Leistung abgeliefert und völlig verdient gewonnen“, freute sich Bundestrainerin Kim Raisner. „Ich gönne ihr den Erfolg von ganzem Herzen. Lena hat vier Jahre hart dafür trainiert.“

Bei dem Mehrkampf, der auf dem antiken Pentathlon gründet, müssen die Athletinnen in den fünf Teildisziplinen Schießen, Fechten, Schwimmen, Reiten und Laufen möglichst viele Punkte sammeln. Nach den ersten vier Prüfungen werden die Punkte zusammengezählt und in Zeiten umgewandelt. Der späteren Siegerin war es als Führende vorbehalten, als Erste auf die Laufstrecke zu gehen. Mit 5792 Gesamtpunkten verteidigte sie schließlich souverän die Führung vor der zweitplazierten Britin Heather Fell (5752) und Viktoria Tereschuk aus der Ukraine, die sich über Bronze freuen konnte (5672). Eva Trautmann, die zweite deutsche Teilnehmerin, belegte Platz 29 (5028).

Das Reiten - ein wahres Lotteriespiel

Ganze zwölf Stunden vor dem Zieleinlauf hatten die Athletinnen mit der ersten Disziplin losgelegt. Lena Schöneborn erreichte beim Schießen mit der Luftpistole nur den 21. Platz in der Gesamtwertung (177 von 200 möglichen Ringen). Doch schon nach einem hervorragenden Ergebnis beim Fechten mit dem elektronischen Degen (28 Siege in 35 Duellen) kletterte sie auf Platz eins. „Das war der Grundstein“, freute sich die Olympionikin. Im Wasser schwamm sie persönliche Bestzeit (2:16,91 Minuten) und verteidigte über 200 Meter Freistil den Vorsprung auf Heather Fell.

Es folgte die wohl schwierigste Disziplin: das Reiten. Dabei bekommen die Athletinnen ein unbekanntes Pferd zugelost. Ein wahres Lotteriespiel. Der Veranstalter reagierte auf die schlechten Reitergebnisse und die Stürze vom Vortag bei den Männern. Die bockigen Pferde blieben in den Ställen, andere mussten dafür mehrfach ran. Die Bonnerin, die in Berlin studiert und trainiert, musste den Parcours auf dem Wallach Xingxing („Sternchen“) bewältigen - und kam mit nur einem Abwurf glänzend durch die Prüfung. Nach ihrem erfolgreichen Ritt war sie sichtlich erleichtert und ballte die Faust. Ob sie in diesem Augenblick schon ahnte, wie der Tag enden würde?

Plötzlich im Rampenlicht

Schon im Juni 2007 hatte sich Lena Schöneborn für die Sommerspiele qualifiziert, mit dem anschließenden zweiten Platz bei der Weltmeisterschaft in ihrer Wahlheimat Berlin schloss die Studentin endgültig zur Weltspitze auf. Mit ihrem Erfolg hat sie auf einen Schlag nun das geschafft, worauf ihr Verband schon lange gewartet hatte: eine olympische Medaille, und damit (zumindest kurzzeitig) mehr Aufmerksamkeit für einen Randsport, der im Schatten so vieler andere Sportarten steht (Siehe auch: Fünfkämpferin Lena Schöneborn: „Tradition bedeutet heute kaum mehr etwas“). Die letzte Medaille lag 72 Jahre zurück: 1936 war es Gotthard Handrick, der in Berlin den Olympiasieg holte.

Wenn Lena Schöneborn ihre eigene Geschichte demnächst wieder erzählen wird, muss sie das Ende ändern. Das wird sie gerne machen, denn nun kann sie einen wahrhaft schönen Bogen spannen: Wie sie durch einen Zufall zum Fünfkampf gekommen ist und zehn Jahre später Überraschungsgold in Peking holte.

Moderner Fünfkampf Frauen
Gold:
Lena Schöneborn (Bonn) 5792 Punkte
Silber: Heather Fell (Großbritannien) 5752
Bronze: Victoria Tereschuk (Ukraine) 5672, 4. Anastassia Samussewitsch (Weißrussland) 5640, 5. Chen Qian (China) 5612, 6. Paulina Boenisz (Polen) 5564, ... 29. Eva Trautmann (Darmstadt) 5028



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa

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