05. März 2007 Deutschland 1997. Noch einmal faszinieren Becker und Stich in Wimbledon. Steffi Graf ist verletzt, wird aber famos zurückkehren. Henry Maske hat gerade seinen letzten Kampf verloren; der Box-Boom brummt weiter. Michael Schumacher ist zu Ferrari gewechselt - der Anfang ist zäh, aber da kommt noch was. Dieter Baumann läuft Europa-Rekord. Europas Fußballer des Jahres, Matthias Sammer, holt mit Dortmund den Titel in der Champions-League. Und ein pausbäckiger Bursche aus Mecklenburg gewinnt die Tour de France. Deutschland 1997 - ein Land im Rausch. Ein Land der Stars.
Deutschland 2007. Der Tennis-Boom: Steinzeit. Der Box-Boom: am Tropf der GEZ-Gebühren. Michael Schumacher fährt Familienautos. Dieter Baumann ist nicht mehr der Rekordläufer, sondern der mit der Zahnpasta-Affäre. Der deutsche Fußball hat zuletzt mal wieder begeistert, aber Stars? Stars hat er nicht. Der größte noch, Michael Ballack, spielt im teuersten Team der Welt, macht sich dort aber so unauffällig, wie er kann.
Land ohne Stars
Und Jan Ullrich? Aus dem jungen Helden von 1997 ist einer geworden, von dem nicht mal beim Abgang noch etwas ausging - nicht mal Wehmut. Sein stumpfer Monolog, Scheuklappen raus, Blick gradeaus, klang wie ein verzagter Nachruf auf eine ausgestorbene Art: den deutschen Sporthelden. Deutschland 2007 - das Land ohne Stars.
Ich vermisse sie auch, die großen Heroen, sagt der Mann mit der längsten und intensivsten Star-Karriere - er wurde es auf einen Schlag mit 17 und blieb es, bis er aufhörte, 14 Jahre lang. Ein Star muss man sein können und wollen - für Boris Becker galt beides. Er ließ Gedanken und Gefühle raus, die Masse liebte es. Doch selbst er sagt: Vieles würde ich mir heute zweimal überlegen. Denn: Wer zu öffentlich wird, wird angreifbar. Wir haben eine schärfere Medienlandschaft als vor zehn Jahren.
Fehlt das Boris-Gen?
Ist das der Grund für den Tod der Alpha-Tiere? Der Typen mit dem Boris-Gen? Der Sport-Sozialstaat Deutschland produziert immer noch famose Athleten. Sie bedienen das kleine Massenglück: Biathlon. Ski nordisch. Hockey. Rudern. Vor allem sind es Mannschaftssportler. Aber das heißt noch nichts. Selbst große Individualisten blühten als Teamarbeiter auf: Beckenbauer, Schumacher, Ullrich; der US-Gaststar Nowitzki; Becker im Davis Cup.
Deutschland, das war immer schon das Land der Teamarbeiter. Nun aber ohne Individualisten. Das passende Berufsbild dazu: der Sportheld in Teilzeittätigkeit. Er rackert fleißig und zäh, tritt für einen glorreichen Moment ins Rampenlicht, geborgen im Kollektiv, wird gefeiert - und kehrt zurück in einen bürgerlichen Alltag, ohne Paparazzi, ohne Boulevard, ohne Zwang zu einem konspirativen Privatleben. Es ist das Modell Handball. Ein paar Tage im Januar feierte ganz Deutschland die kernigen Kerle als Helden der Nation, dann kehrten sie zurück in ihre Rolle als Helden des Alltags. Sportlerglück.
Eine Heimat ohne Feierabend
Es sind deutsche Helden, die in New York, Rio, Tokio keiner kennt. Die wenigen, bei denen es anders war, fanden schnell, dass man als Star in der Heimat keinen Feierabend bekommt. In Deutschland gebe es zu viele Neider, die immer das Haar in der Suppe suchen, sagt Becker: Kein Zufall, dass deutsche Stars gern ins Ausland gehen. Schumacher, Ullrich, Beckenbauer. Becker selbst. Und nicht nur wegen der Steuern. Das gelte auch für Film, Musik, Mode: Grönemeyer, die Schiffer, viele andere. Motto: Ich bin ein Star - holt mich hier raus.
Oder man bleibt und macht sich unauffällig. Wie Oliver Kahn: Der ist öffentlich viel ruhiger geworden, findet Becker, weil er nicht mehr jede Woche wegen der falschen Sachen in der Zeitung stehen will. Seit Medien durchs Schlüsselloch lugen, stopfen die dahinter das Loch zu und ziehen die Mauern höher. So erscheinen viele Sportler heute langweilig. Dabei, sagt Becker, sind viele spannender, als sie sich geben. Er hat Hoffnung, dass es sich ändert. Denn weil sich die echten Stars abschotten, machen Medien sich ihre eigenen. Von dieser künstlichen Prominenz haben die Leute bald die Nase voll.
Sporttalente lernen, sich einzufügen
Will Deutschland überhaupt den Superstar? Deutsche Sporttalente lernen von klein auf soziale Qualitäten: sich einzufügen und anzupassen - auf die Gefahr hin, dass dabei das Spielerische, das Individuelle ausradiert wird. Der zwölfjährige Maradona, der in einem Jugendspiel den Ball zweieinhalb Minuten lang nicht abgab, wäre in Deutschland wohl rausgeflogen.
Den Rückstand bei Tempo, Taktik und Wachheit hat der deutsche Fußball zuletzt wettgemacht. Doch immer noch sieht es aus, als hindere das frühe Verbiegen, das Einpressen ins Team-Schema kleine Kicker daran, einmal ein großer Star zu werden. Becker sieht nicht nur hier einen Widerspruch in der Massenerwartung: Wir wollen, dass Sportler auf dem Platz Persönlichkeit und Charakter zeigen - und zwingen sie zugleich, brav und stromlinienförmig zu sein.
Die Sehnsucht nach dem normalen Leben
Vielleicht ist alles auch nur ein Missverständnis. Deutschland hatte immer wieder Jahrhundertsportler, die eigentlich keine Stars waren, sondern ein einfaches, bürgerliches Leben wollten. Max Schmeling, ein großer Boxer, der die Bedürfnisse bediente - des Publikums und der Politik. Gerd Müller, dem der Ruhm Unglück brachte. Steffi Graf, die sich nie preisgab. Schumacher, der auch als achtmaliger Weltmeister wirkte, als wäre er genauso glücklich, wenn er fürs Fahren selbst bezahlen müsste. Selbst Beckenbauer, der der Beste war und nie was Besseres wurde.
Und auch Jan Ullrich, vielleicht die tragischste Figur. Er wäre wohl glücklicher in einer Wasserträgerrolle geworden, als stiller Held der zweiten Reihe, als Nummer sechs vor der Abwehr. Einer, den der Kollege würdigt, nicht die Masse. Doch sein Körper erlaubte das nicht, der war zum Siegen geschaffen. Dann kam einer, der beides hatte, den Körper und den Kopf dazu; einer, der immer Sieger sein wollte und Star. Dass dabei auch Lance Armstrong ein verlogenes Geschäft nicht unbeschadet überstanden hat, ist eine andere Geschichte.
Drei sichere Weltstars
Das Star-Leben des 21. Jahrhunderts steckt voller Tücken. Es zwingt zu konspirativer Lebensweise. Ständig lauert die Falle einer privaten Enthüllung; ständig der Abgrund eines Dopingskandals. Vielleicht ist es kein Zufall, dass nicht nur Deutschland die Stars ausgehen; dass die letzten drei echten Weltstars aus den Sportarten kommen, die noch nie einen wirklich großen Dopingfall hatten, in denen Stars noch sicher sind: Tiger Woods, Roger Federer und David Beckham.
Zwei aufgrund eines einmaligen Talents für ihr Spiel; und einer, der ganz anders ist. Beckham, Prototyp der Zukunft. Der Sportstar, dessen größtes Talent nicht darin besteht, ein Sportler zu sein; sondern ein Star.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.03.2007, Nr. 9 / Seite 22
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