Von Hans-Joachim Leyenberg, Halifax
09. Mai 2008 Norweger müsste man sein. Der wird nämlich immer noch unterschätzt, wenn es um Eishockey geht. Das kann den Deutschen nicht passieren. Die haben uns auf dem Radarschirm sagte Bundestrainer Uwe Krupp nach dem 4:6 (2:3, 1:1, 1:2) in der Spätvorstellung der Weltmeisterschaft am Donnerstagabend gegen die Vereinigten Staaten.
Mit die meinte Krupp Titelverteidiger Kanada, an diesem Samstag Gegner der Deutschen. Also keine Chance, ähnlich unterschätzt zu werden wie die Norweger. Dabei haben diese es ja wie die Deutschen bis in die Zwischenrunde der sechs Gruppenbesten von Halifax geschafft. Sie haben einen Lauf, beschreibt Krupp Norwegens Rolle als Favoritenschreck. Schließlich hatten diese die angeblich so übermächtigen Kanadier am Donnerstag Nachmittag lange hingehalten, ehe der Gastgeber im Endspurt doch noch 2:1 gewann.
Drei Minuten, drei Treffer
Man kann nicht gerade sagen, dass die deutsche Mannschaft einen Lauf bei dieser WM hätte. Es ist eher ein Auf und Ab, wobei die Leistungskurve nach dem 2:3 gegen Norwegen wieder nach oben zeigt. Hatte das Team von Krupp in der Vorrundengruppe nach 2:0-Führung noch 2:3 gegen Norwegen verloren, wurde die Partie gegen die Amerikaner aus eigenem Verschulden zum Verfolgungsrennen. Nach gerade mal knapp drei Minuten lag der Herausforderer ruckzuck 0:3 durch die Tore von Zach Parise, Patrick o'Sullivan sowie James Wisniewski hinten. Sechs Schüsse, drei Treffer.
Torhüter Dimitri Pätzold vermochte sich nicht auf Anhieb zu erinnern, ob ihm das schon mal widerfahren war. Warum es so kam? Vielleicht zuviel Respekt vor den Amerikanern, versuchte sich der erst am Mittwoch aus San José eingeflogene Mittelstürmer Marcel Goc an einer Erklärung. Wie auch immer, einen solchen Rückstand kann ich mir gegen eine Spitzenmannschaft nicht erlauben, sprach der Berliner Stefan Ustorf das Grundübel an.
Gellendes Pfeifkonzert der Kanadier für Nachbarn aus dem Süden
Immerhin kämpfte sich die Mannschaft dank der Treffer von Michael Hackert (15.) und Christopher Schmidt (18.) auf 2:3 heran, ehe Jason Pominville (31.) die Führung ausbaute. Zu diesem Zeitpunkt war es kurz wieder so still geworden wie in den Schrecksekunden des Anfangsdrittels. Da wurde das Surren der Klimaanlage wahrgenommen, ehe der gestandene deutsche Fan wieder bei Laune war. Das lag an den Treffern von Florian Busch und Michael Bakos zum zwischenzeitlichen 4:4 und der Hochstimmung des kanadischen Publikums rundum. Seit die Russen kein Feindbild mehr abgeben, muss der Nachbar aus dem Süden dran glauben. In Überzahl, flankiert von einem gellenden Pfeifkonzert, glückte den Amerikanern eben doch noch das 5:4 (Parise). Das Manöver von Krupp, den Torhüter zugunsten eines Feldspielers vom Eis zu holen, nutzte der Amerikaner Dustin Brown zum Schuss ins leere Netz.
Die Niederlage war letztlich die Quittung für ein paar Strafzeiten zuviel unter maßgeblicher Beteiligung des bei den Ottawa Senators tätigen Verteidigers Christoph Schubert. In der NHL, so seine Klage, wird anders gepfiffen. Soll heißen, großzügiger bei Körperkontakt. Krupp verdrehte die Augen und blickte reichlich gequält zur Hallendecke, als er davon hörte. Nur soviel zum Thema von ihm: Jeder Spieler hat die Verantwortung, innerhalb der Regeln zu bleiben. Christoph Schubert jedoch hält sich frei Schnauze an die bei Weltmeisterschaften angewandten schärferen Regeln. Gegen die Kanadier, für alle im deutschen Team vorab das Highlight der Weltmeisterschaft, dürften Schubert und seinen Kumpels noch mal vergattert werden, das Niveau hoch und den Schläger flach zu halten. Der Weltmeister wird um Wiedergutmachung für die Schmach des 2:1 gegen Nobody Norwegen bemüht sein. Schluss mit Dickie-Dickie-Doo - was soviel heißt wie Hacke - Spitze - eins, zwei, drei - hatte die Gazette Globe and Mail schon in der Frühphase des Turniers gefordert. Weil das 5:1 über Slowenien nicht standesgemäß ausgefallen war.
Trainer Krupp legt unfreundlichen Fans den Heimflug nahe
Schöne Luxusprobleme sind das, verglichen mit den deutschen Befindlichkeiten. Die Führungsspitze des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) befasst sich, reagierend statt agierend, immer noch mit dem Fall Florian Busch. DEB-Präsident Hans-Ulrich Esken sucht mit Worten den Konsens mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur (wir wollen natürlich wieder Frieden einkehren lassen). Gleichzeitig profiliert sich sein Vizepräsident Uwe Harnos (Ich bin als Rechtsanwalt Organ der Rechtspflege und kann nach wie vor die Kritik der Nada am DEB nicht nachvollziehen). Deshalb legte er dem Doping-Kontrollorgan zur juristischen Klärung forsch den Gang vor das Ad-hoc-Schiedsgericht des Deutschen Olympischen Sportbundes nahe. Esken legte seinerseits nach: Gegen unsere Entscheidung, Busch nicht zu sperren, ist im Nada-Code ein Rechtsmittel zulässig. Macht das doch, ruft das Gericht an!
Die Wagenburg-Mentalität innerhalb des DEB hat inzwischen auch Bundstrainer Uwe Krupp erfasst. In der deutschen Fankurve wurden Schilder mit folgender Beschriftung hochgehalten: Amateure oben, Profis auf dem Eis, Franz Reindl raus. Diese politische Äußerung brachte Krupp auf die Palme. Die sollen sich ins Flugzeug setzen und nach Hause fliegen. Franz Reindl, der Generalsekretär und Geschäftsführer des DEB, hatte es am Vortag auf seine Kappe genommen, den Spieler Jason Holland für spielberechtigt gemeldet zu haben, obwohl er es de facto bei dieser WM nicht ist. Die Angelegenheit Holland ist mittlerweile ausgestanden. Der Fall Busch aber wird über den Tag hinaus eine Fortsetzungsgeschichte bleiben, an dem die WM in Kanada Geschichte ist.
Text: dpa
Bildmaterial: AP