12. April 2005 Der Niederländer Peter Winnen, nach dem gleich zwei der legendären 21 Spitzkehren im Anstieg nach Alpe d'Huez benannt sind, war in den achtziger Jahren einer der stärksten Kletterer im Peloton der Tour de France. Die folgenden Auszüge stammen aus Winnens Autobiographie, die Ende März unter dem Titel Post aus Alpe d'Huez in deutscher Sprache im Covadonga Verlag Bielefeld erschien. Sie werfen ein sowohl poetisches als auch erschreckendes Licht auf die Dopingmentalität im Profi-Radsport.
Erschöpfung
Erst bekam ich erneut eine Gänsehaut. Dann machte sich wieder das Gefühl der Leere breit. Schließlich begannen die Muskeln sich wie verhedderte Schnüre anzufühlen. Von einem Zusammenhang zwischen meinen Gedanken konnte keine Rede mehr sein. Bis hierhin befand ich mich also auf bekanntem Terrain. Vier Kilometer vor dem Gipfel allerdings hätte ich unter Eid schwören können, daß ich nur noch aus einer leeren Hülle bestand. Darin befand sich ein Rauschen.
Liebeskummer
Im fiebrigen Rausch der vorausgegangenen Monate, in denen ich krank vor Sehnsucht war, in denen es mir an Appetit gefehlt hatte und ich nicht zum Trainieren gekommen war, erreichte ich die absolute Höchstform ... Zu gern besäße ich die Formel des Stoffes, der verliebt macht und nun wieder durch meinen Körper jagt. Wenn ich sie hätte, würde ich Pillen aus dem Zeug drehen lassen. Eine Pille pro Tag, die nicht weniger bewirken würde als Unbesiegbarkeit.
Hinault
Ich muß immer an Hinault denken, zumindest an seinen Arsch. Stundenlang habe ich ihn angestiert, diesen viereckigen Hintern und die viereckigen, mechanisch mahlenden Waden. Ich habe auf seinen Soldatenrücken geglotzt und auf seinen schwarzen Hinterkopf, der so unbeweglich ist, als sei er in Stein gehauen. Hinault, von dem ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, daß er körperliches Leiden überhaupt kennt. Ach, dürfte ich doch nur für einen Tag in Hinaults Körper schlüpfen, um zu erfahren, was physische Omnipotenz ist.
Gesundheit
Radrennfahren untergräbt die Gesundheit. Das ist nicht weiter schlimm. Die Gesundheit wird bereits ab dem Moment der Empfängnis untergraben. Radrennfahren erfordert aber auch eine glänzende Gesundheit. Dem großen Koffer mit all seinen unterstützenden und heilenden Mitteln juble ich deshalb von ganzem Herzen zu. Wie auch immer die Mittel in meinen Körper kommen, ob per Pille, Kapsel, Zäpfchen, Trinkampulle, Spritze oder Tropf (all die unangenehmen Dinge, die ein normaler Mensch eher mit Krankheit und Verfall in Verbindung bringt als mit Leistungssport), ist mir Wurst. Ich bleibe bei dem großen Koffer, denn ich habe auch keine Lust auf die Schlagzeilen: Winnen gedopt! Der große Koffer ist sicheres Terrain.
Pfleger
Winnen, sagte Jomme, als er fertig war: Winnen, hör mal zu, wenn du wirklich was brauchst, dann brauchst du's nur zu sagen, klar? Ich wußte sofort, wovon Jomme sprach. Eine andere Medikation. Eine Medikation für Fortgeschrittene. Die harten Sachen. Hormone und dergleichen. So was findet sich nicht im großen Koffer des Teams, sondern im Köfferchen des Maestros, das dieser mit jahrzehntelanger Erfahrung aufgebaut hat: in der kleinen Schmuckschatulle mit den Diamanten ...Jeder Pfleger hatte so seine Geheimrezepte. Ein Meister, wer sein Fach versteht. Parallel zu den Rennen ficht der Radsportzirkus noch einen zweiten Kampf aus. Eigentlich ist es eine Jagd, eine Jagd nach dem ultimativen Kraut. Die Not der Fahrer ist so groß, Linderung so händeringend gesucht, daß es manchmal den Anschein hat, als sei man auf der Suche nach einem unfehlbar wirkenden Aphrodisiakum - nein, nach dem endgültigen Lebenselixier, das einem zu Unsterblichkeit, Ruhm und Reichtum verhilft.
Epo
Es gab ein Radrennfahren vor der Erfindung von Epo, und es gibt ein Radrennfahren danach. Doch nur um den Unterschied sehen zu können zwischen der Suche nach Elixieren und der Entdeckung von Elixieren, muß eigentlich niemand um die Wette fahren.
Wasserkopf
Gegenwärtig ist ACTH populär, ein Medikament, das die Nebennierenrinde kitzelt, so daß diese wie verrückt zusätzliche Kortikosteroide produziert. ACTH kann eine häßliche Nebenwirkung haben: Infolge eines Wasserstaus bekommt man ein Mondgesicht. Das ist praktisch. Man sieht sie manchmal an der Startlinie stehen, die aufgeschwollenen Kondomköpfe. Man kann tatsächlich bereits im Vorfeld sehen, wer etwas im Schilde führt.
Schuld
Inzwischen war ich dahintergekommen, daß es die ultimative Sportpille nicht gab - auch wenn die Liste etwas anderes suggerierte. Schuld und Unschuld. Selbst wenn man mich für unschuldig erklärte, würde der Stoiker von Dopingkontrolleur niemals wissen, ob ich es auch wirklich war .... In diesen Tagen wußte ich noch nicht einmal selbst, ob ich nun schuldig oder unschuldig war. Ich machte mir darüber keine Sorgen. Die Sorgen überließ ich der Firma, die ihre Sorgen ihrerseits Pfleger Ruud überließ.
Text: F.A.Z., 12.04.2005, Nr. 84 / Seite 36
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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