08. Juli 2005 Mit Menschen seiner Generation zusammenzukommen, empfindet Gerhard Krauss als wenig erfreulich. Sie reden viel über Krankheiten und die Vergangenheit, sagt der ehemalige Bankdirektor, der nach eigenem Bekunden seinen Beruf liebte: Ich hatte ein aufregendes Berufsleben. Doch diese Lebensphase ist für ihn abgeschlossen. Statt dessen richtet er sein Augenmerk auf neue Herausforderungen. Krauss ist 77 Jahre alt und damit am Sonntag der älteste Teilnehmer des Ironman Germany.
Während es für viele Gleichaltrige unvorstellbar ist, auch nur einen Marathon zu laufen, wird sich Krauss die rund 42 Kilometer-Strecke vornehmen, nachdem er schon 3,8 Kilometer Schwimmen und 180 Kilometer Radfahren hinter sich hat. Seinen Körper in Grenzsituationen zu erleben, sei jedesmal wieder großartig, sagt er. Deshalb nehme er das auf sich. Sogar den Ironman-Wettbewerb auf Hawai hat er schon mit Efolg absolviert. Und gerade erst vor zwei Wochen schaffte er in Texas einen Halb-Ironman, bei dem in allen drei Disziplinen jeweils die Hälfte der ansonsten üblichen Strecken zu bewältigen ist.
Der Kopf wird frei
Bisweilen freilich fragt sich Krauss, ob er seinem Körper nicht zu viel zumute. Andererseits geht es ihm gesundheitlich viel besser, seitdem er sich fordert. Das bescheinigen nicht zuletzt die Check-Ups mit Belastungs-EKG, denen er sich regelmäßig unterzieht. Aber nur bei einem erfahrenen Sportmediziner, wie er anmerkt. Denn ein normaler Arzt habe nicht den Mut, ihn in seinem Alter den erforderlichen Belastungen auszusetzen.
Früher sei er eher kränklich gewesen und habe häufig unter Magenbeschwerden gelitten. Als Bankdirektor war ich sehr beansprucht. Dann motivierte ihn sein Sohn, mit dem Joggen zu beginnen. Damals war Krauss 43 Jahre alt. Seitdem habe ich nie wieder einen Doktor gebraucht, versichert er. Das Laufen habe ihn vom Berufsstreß befreit. Wenn ich den Kopf voll hatte mit Problemen und bin eine Stunde gelaufen, dann war der Kopf wieder frei.
Nach 16 Stunden am Römer ankommen
Beim lockeren Trab durch den Wald ist es nicht lange geblieben. Bald nahm Krauss an Volksläufen teil, dann wollte er seine Zeiten verbessern. Und schon lockte die nächste Herausforderung: ein Marathon. Doch auch das genügte dem Abenteurer - der gemeinsam mit Ehefrau Jutta eine dreimonatige Weltreise hinter sich hat, bei der die beiden jeden Tag 100 Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegten - bald nicht mehr. Begabung, eine gute Konstitution und Ehrgeiz trieben ihn immer weiter - bis nach Biel, bekannt für den 100-Kilometer-Lauf. Den bin ich zehnmal unter zehn Stunden gelaufen. Im Alter von 68 Jahren meldete sich Krauss zum ersten Mal zu einem Triathlon an, und zwei Jahre später wurde er beim Ironman Hawai auf Anhieb Dritter in seiner Altersklasse. Seine Berichte und Fotos dazu hat Krauss, der heute am Starnberger See wohnt, unter www.128ontour.com sogar ins Internet gestellt.
Sein Ziel am Sonntag ist, in der Sollzeit von 16 Stunden am Römerberg anzukommen. Um sich zu akklimatisieren, ist Krauss schon am Dienstag aus Bayern angereist, vor allem aber, um die Radstrecke abzufahren. Man müsse die Tücken kennen und beispielsweise wissen, mit welcher Übersetzung man den Berg hinaufkomme. Seine Ehefrau unterstützt ihn dabei, wo sie kann. Die beiden trainieren meistens zusammen. Jutta Krauss ist ebenfalls Triathletin, aber beim Ironman macht sie nicht mit.
Es wird jedes Jahr ein bißchen schwerer
An Trainingsempfehlungen in Fachzeitschriften und Büchern, die ein Wochenpensum mit etwa 20 Stunden vorsehen, hält er sich nicht. Seiner Meinung nach gelten diese für junge Menschen. Ich suche meinen eigenen Weg. Dazu gehört, daß er sich keinen Ernährungszwängen unterwirft. Wenn man viel Sport treibe, habe man Lust auf gesunde Lebensmittel, auf viel Obst und frisches Gemüse. Krauss ist topfit, doch gibt er unumwunden zu: Es wird jedes Jahr ein bißchen schwerer.
Andreas Marka, Verbandsarzt für Orthopädie der Deutschen Triathlon-Union, hält es für eine unglaubliche Leistung mit 77 Jahren noch an einem Ironman teilzunehmen. Schon vom vierzigsten Lebensjahr an dauere es immer länger, bis sich der Körper nach solchen Strapazen wieder erhole. In fortgeschrittenem Alter funktioniere das Immunsystem beispielsweise erst Wochen nach einer solchen Extremanforderung wieder normal, so Marka.
Sport ist nicht alles
Nicht allein durch die Wettkämpfe, sondern auch durch intensives Training kommt es nach Auskunft des Sportarztes aus Groß-Umstadt zu orthopädischen Verletzungen und Überlastungsschäden: Schwimmen könne dann zum Beispiel Sehnenentzündungen in der Schulter verursachen; typisch für Läufer seien Knochenhautentzündungen am Schienbein, Sehnenentzündungen an der Ferse und Ermüdungsbrüche; bei intensivem Radtraining sei mit Rückenverspannungen zu rechnen, zudem bestehe dabei die Gefahr von Verletzungen durch Stürze.
Auch Krauss ist beim Radtraining am Mittwoch in Frankfurt gestürzt und hat sich Schürfwunden zugezogen. Doch sei das halb so schlimm, er sei schon kurz darauf wieder joggen gewesen. Krauss gibt sich sicher: Ich werde starten am Sonntag. Auf die Frage, ob er Angst davor habe, irgendwann einmal aufhören zu müssen mit dem Triathlon, antwortet er spontan: Ich werde nicht in ein seelisches Loch fallen. Sport ist schließlich nicht alles. Grundsätzlich müsse man aufpassen, nicht einseitig zu werden. Er sei vielseitig interessiert, an Kultur und Politik zum Beispiel. Außerdem hat er vor, ein weiteres Buch zu schreiben. In seinem ersten mit dem Titel Welterfahrungen hat er mit seiner Frau die gemeinsame Weltreise beschrieben. Im nächsten Buch will er sich mit Leistungssport im Alter beschäftigen.
Text: F.A.Z. vom 8. Juli 2005
Bildmaterial: F.A.Z., Rainer Wohlfahrt