Formel 1

Pobackenzusammenkneifen in Kurve acht

Von Anno Hecker, Istanbul

09. Mai 2008 Warum fährt die Formel 1 eigentlich in der Türkei? Die Zuschauer können, gemessen am Durchschnittsbesuch in anderen Ländern, quasi per Hand begrüßt werden. Weshalb der türkische Betreiber erst viel Geld und dann seinen Schwung verlor, die Anlage 2006 mehr oder weniger an Formel-1-Manager Bernie Ecclestone verschenkte. Viele Fahrer sind dem Briten für seine Übernahme dankbar. Denn den Ausflug in die Formel-1-Diaspora am Bosporus genießt die Mehrheit wie den Besuch einer Vergnügungsmeile: „Kurve acht“, sagt BMW-Mann Nick Heidfeld mit leuchtenden Augen, „macht richtig Spaß. Sie ist einzigartig in der Welt.“

Plötzlich übermannen die coolen Jungs in ihren millionenschweren Boliden mitreißende Gefühle. Und das bei Tempo 250. So schnell geht es durch Nummer acht. „Eine Linkskurve, vier Scheitelpunkte, die hört nie auf“, sagt Adrian Sutil (Force India) und strahlt. „Das ist schon eine Mutkurve, da kneift man die Pobacken zusammen, ich jedenfalls“, berichtet Sebastian Vettel.

Geht Kurve acht voll?

Am Freitag ist er auf der Berg-und-Tal-Tahrt rund 50 Kilometer südöstlich von Istanbul eine der Anhöhen hinaufgeschossen in seinem Toro Rosso, mit einer Haftungsfrage im Hinterkopf: „Geht sie voll?“ Vorerst nicht. Man hörte es, wenn die Rennwagen durch die Passage sausten, wenn am zweiten Scheitelpunkt, wo der Linksbogen nach innen abfällt, die Drehzahlen der Motoren fallen und es staubt.

„Das Aufsetzen kann man kaum verhindern“, sagt Vettel. Die kontrollierte Schaukelei viermal vom äußeren Fahrbandrand zum inneren wie bei einem Bob in der Steilkurve des Eiskanals auch nicht. „Supercool“, sagt Sutil und neigt sein Haupt. Die Fliehkräfte ziehen nicht nur sein Auto, sondern auch das Oberstübchen samt Helm mit etwa 4,5 g (das Viereinhalbfache des Gewichtes) nach rechts: „Am Ende des Rennens (58 Runden) hält kaum einer den Schädel gerade.“

Die Kurve bestimmt die Fahrzeugabstimmung

Was nicht so schlimm ist, wenn der Kopf kühl bleibt: „Schon beim Einlenken entscheidet sich, wie du am Ausgang herauskommst“, sagt Williams-Pilot Nico Rosberg: „Das Einlenken muss genau passen, damit du alle vier Scheitelpunkte erwischst. Du musst immer ein bisschen korrigieren. Manche Teams schaffen es vielleicht, voll auf dem Gas zu bleiben. Wir nicht.“

Eine von vierzehn Kurven soll die Richtung vorgeben? Das behauptet Pascal Vasselon, Toyotas Technischer Direktor: „Istanbul ist einer der wenigen Kurse, bei denen eine einzelne Kurve eine so große Bedeutung hat. Man muss sicherstellen, dass das Paket (Fahrer, Chassis, Reifen, Motor) Kurve acht im Griff hat. Danach richtet sich auch die Reifenwahl“, sagt der frühere Pneuexperte von Michelin.

Hat Ferrari an der Motorleistung geschraubt?

Ferrari scheint den Bogen herauszuhaben, vom Start über die „schnelle“ achte Kurve durch die langsamen Passagen bis ins Ziel. Im Freitags-Training hinterließ die Scuderia mit Bestzeiten am Vormittag (Felipe Massa) und Nachmittag (Kimi Räikkönen) auf den ersten Blick den besten Eindruck knapp vor McLaren. Was auf den nächsten Sieg für die Crew aus Maranello nach den beiden Doppelerfolgen in Spanien und Bahrain deutet.

Die schärfsten Verfolger BMW-Sauber und McLaren-Mercedes registrierten zuletzt zwar einen geschrumpften, aber immer noch erheblichen Rückstand von drei bis fünf Zehntelsekunden pro Runde. Dahinter soll nicht nur die ausgeklügelte Aerodynamik der Italiener stecken, sondern nach Vermutungen des Fachblattes „Auto Motor und Sport“ auch ein enormer Kraftzuwachs im Heck.

Mit einem Sieg könnte Ferrari die Verfolger endgültig abhängen

Das dürfte nicht sein. Denn leistungssteigernde Eingriffe sind längst untersagt, bis 2012. Ferrari hat aber nach Angaben des Internationalen Automobil-Verbandes wie Mercedes und Renault nur an der Standfestigkeit der Antriebe gearbeitet. Allein die Konkurrenz im Fahrerlager zweifelt angesichts des von ihr aus der Distanz gemessenen Leistungssprungs: Um 20 PS soll der Ferrari-Antrieb zugelegt haben.

Antriebshilfe auf dem Weg zum nächsten Titel erhofft sich Weltmeister Räikkönen ausgerechnet von den schnellsten Verfolgern. „In gewisser Weise helfen uns BMW und McLaren. Der jeweils Schnellere nimmt dem anderen Punkte weg. Wir sind hier stark, haben letztes Jahr (Felipe Massa) gewonnen.“ Eine Wiederholung trübte die Aussichten von BMW und McLaren-Mercedes schon im fünften von 18 Grand Prix, in Sichtweite des Branchenprimus zu bleiben.

Hamilton als Apoll von Istanbul

„Wir arbeiten hart daran, sie zu überflügeln, und ich glaube, dass wir das schaffen können“, kündigte McLaren-Pilot Lewis Hamilton an: „Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt dafür.“ Hamilton würde abheben vor Freude. Er schwebte schon am Donnerstag im Himmel von Istanbul. Als griechischer Gott Apollon erschien er auf einer Theater-Bühne, um Frieden zu stiften unter den streitenden Griechen und Trojanern im Stück von Homer.

In seinem silbergrauen Overall, aufgehängt an Seilen, erinnerte der Brite allerdings nicht an den Gott der sittlichen Reinheit, der Weissagung, Dichtkunst und des Gesanges, sondern eher an einen der Astronauten (von Apollo 13) in einer schwierigen Hängepartie. Aber vielleicht kriegt er ja die Kurve.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa

 
 
 
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